Priesterweihe von Frauen

Klopft die heilige Geistkraft an die Türen der Kirche?

11.6.02 (Kipa) Am 29. Juni wollen sich an einem geheim gehaltenen Ort in Deutschland oder Österreich elf Frauen zu Priesterinnen der römisch-katholischen Kirche weihen lassen. Die Weihen sind nach katholischem Verständnis unerlaubt, könnten aber gültig sein, wenn sie von rechtmässigen Bischöfen gespendet würden. Der Schweizer Lukas Niederberger (38), katholischer Priester, Jesuit und Direktor des bekannten Lassalle-Hauses Bad Schönbrunn in Edlibach, Kanton Zug, begründet im folgenden Forumsbeitrag, den er im Auftrag der Presseagentur Kipa geschrieben hat, weshalb in seinen Augen das Anliegen der Frauenordination durchaus als "Anklopfen der heiligen Geistkraft" verstanden werden könnte.

Für die einen ist diese Weihe ein überfälliger Akt zivilen Ungehorsams, der unzähligen entmutigten Frauen neue Hoffnung schenkt. Andere verurteilen die geplante Feier als Provokation einer Kirchenspaltung. Wieder andere mokieren sich, weil die Frauen sich mit der kirchlichen Feier letztlich doch dem patriarchalen und hierarchischen System unterordnen. Andere meinen, dass damit ein Schritt übersprungen werde und diese demonstrative Priesterinnenweihe die Chance auf die für Rom diskutable Diakonenweihe für Frauen zerstören könnte. Und alle ideologischen Lager warten gespannt darauf, ob und wie Rom reagieren wird.

So kontrovers wie kaum etwas

Die Positionen innerhalb der katholischen Kirche könnten bei diesem Thema kaum kontroverser sein. Und wer immer zum Thema Frauenordination in der römisch-katholischen Kirche zur Feder greift, darf sich des Widerspruchs, der Kritik und der Ablehnung verschiedener Menschen und Gruppen sicher sein. Ich wurde zu einer ganz persönlichen Meinung gebeten. Diese will ich äussern. In den letzten Jahren habe ich mich öfters zu gesellschaftlichen oder kirchlichen Fragen geäussert. Und jedesmal haben besorgte Katholiken (in diesem Fall waren es immer Männer!) dem Oberen der Schweizer Jesuiten verärgert geschrieben und gefragt, ob das nun die offizielle Meinung der Ordensgemeinschaft sei - als wäre diese eine uniforme und gleichgeschaltete Gruppe, wo evangelischer Gehorsam mit einer "unité de doctrine" und einer Absage an selbständiges Denken verbunden wäre. Also: Es ist meine persönliche Meinung als Mensch, aber auch als katholischer Priester, der ein Bildungshaus leitet, in dem regelmässig lutherische Frauen dem Abendmahl und katholische Frauen Kommunionfeiern vorstehen.

Den Signalen der Seele folgen

Da ich katholischer Priester bin und es trotz vieler Spannungen auf der persönlichen wie auf der institutionellen Ebene sehr gerne bin, kann ich jeden Mann und jede Frau verstehen, die Priesterin beziehungsweise Priester werden möchte. Ganz abgesehen davon, dass es oft gar nicht darum geht, dass man(n) oder frau das Priester(innen)-Sein von sich aus anstrebt, sondern dass innere Stimmen einem diesen Weg weisen. Wir können dies Bestimmung oder Berufung nennen. Immer mehr Menschen sind sich heute einig, dass wir den Signalen der Seele folgen müssen, weil wir sonst nicht glücklich werden, keine echte Ruhe in uns finden und nicht selten krank werden, wenn wir nicht den Weg gehen, den wir innerlich gewiesen werden.

Priester werden zu Klein-Bischöfen

Priester oder Priesterin zu werden ist heute keine Selbstverständlichkeit. Während dieser Beruf zusammen mit dem Arzt- und Juristenberuf früher mit vielen Privilegien und hohem Prestige verbunden war, ernten Priester heute eher einen skeptischen Blick, wenn sie sich als solche vorstellen. Für viele ist der Priesterberuf auch deshalb nicht mehr selbstverständlich, weil beim Priestermangel die wenigen dieser Berufsgattung meist für mehrere Gemeinden zuständig sind und am Wochenende von einer Messe zur nächsten rasen und den direkten Kontakt mit den Menschen verlieren. Sie werden zu Klein-Bischöfen, nur noch selten gibt ein Priester Religionsunterricht oder wirkt in der Jugendarbeit.

Dazu kommen Enttäuschungen der Priester mit der Institution Kirche selbst, die viele Inhalte in der Sexual- und Ehemoral lehrt, welche sowohl Priester wie auch andere glaubende Menschen nicht (mehr) verstehen und bejahen können. Die Sandwich-Position der Priester in der Loyalität nach unten und oben führt nicht selten zu Zerreissproben. Und schliesslich ist der Zölibat für die meisten Priester eine schwierige bis unlebbare Auflage, zumal sie heute nicht mehr wie vor dreissig Jahren in lebendigen Gemeinschaften leben mit anderen jüngeren und älteren Priestern im Pfarrhaus, sondern ein Junggesellenleben führen.

Arme und Tore weit aufmachen

Wenn also trotz dieser vielen Nachteile und Spannungen Männer und Frauen die innere Stimme spüren, den priesterlichen Dienst wählen zu müssen, so sollte sich die Kirche doch von ganzem Herzen darum bemühen, ihre Arme und Tore weit zu öffnen. Die biblischen und dogmatischen Argumentationen gegen das Priestertum von Frauen sind hinreichend bekannt. Ich finde es verständlich und notwendig, dass die römisch-katholische Kirche sich als globale Glaubensgemeinschaft versteht, sich ihren Traditionen verpflichtet fühlt und nicht jeder Modewelle aus Westeuropa und den USA Folge leistet.

Gleichzeitig muss sich die Kirche auch immer wieder fragen, welcher Wandel nötig ist, um eine lebendige Kirche zu bleiben: Das heisst auch immer wieder die Schrift neu auslegen, Altes loslassen, Neues wagen. Kann und muss man(n) das Anliegen der Frauenordination nicht als ein Anklopfen der heiligen Geistkraft verstehen?

Unzählige vor den Kopf stossen?

Ich meine, dass die Kirche keine biblischen oder theologischen Sätze so auslegen darf, dass dadurch unzählige Menschen, die sich aus dem Glauben heraus in dieser Kirche engagieren möchten, vor den Kopf gestossen und letztlich zur Kirche hinaus getrieben werden. Wenn Frauen (und auch viele Männer) das Priesterinnen-Amt fordern, so geht es ihnen nicht nur um eine Frage der Macht. Und selbst wenn dies das Hauptmotiv wäre, verstehe ich das. Auf die Argumente gegen die Priesterinnen-Weihe möchte ich nicht im Detail eingehen. Jedenfalls scheint mir die Behauptung, dass Jesus Frauen zu Aposteln gewählt hätte, wenn er dies gewollt hätte, wenig überzeugend. Wir wissen wenig Genaues. Und Jesus hat sich zu vielen wichtigen Fragen seiner Zeit nicht geäussert.

Er hat beispielsweise nichts gegen die Sklaverei gesagt, die damals üblich war. Doch es wäre ein Hohn daraus zu schliessen, Jesus hätte die Sklaverei stillschweigend toleriert. Auch die Tatsache, dass Jesus ein Mann war und darum nur männliche Priester ihn repräsentieren können, scheint mir nicht stichhaltig. Jesus war nicht nur Träger von Y-Chromosomen, er war auch ein jüdischer Zimmermann. Und Petrus, der erste Papst, war ein verheirateter Fischer. Diese Tatsachen sind ja auch keine exklusiven Voraussetzungen für die Priesterweihe.

Die andere Perspektive

In den letzten Jahren durfte ich vielen Gottesdiensten beiwohnen, die von Frauen geleitet und gestaltet wurden. Und ich bin oft tief berührt von dem Gespür, den Gesten und Worten der Frauen, mit denen diese auf die Gemeinde eingehen. Offiziell will die Kirche ja auch, dass ausschliesslich Priester und Diakone das Wort Gottes auslegen. Doch bis heute fühlte ich mich noch jedes Mal, wenn Frauen die Schriftworte ausgelegt haben, enorm bereichert.

Frauen predigen, feiern, arbeiten und sind nicht einfach besser oder schlechter als ihre männlichen Kollegen, aber die Perspektive, die Weltsicht, das Erleben und Erleiden scheint mir von der männlichen Perspektive verschieden zu sein. Und das erlebe ich als eine sehr fruchtbare Spannung und Bereicherung des Glaubens. Ich bin überzeugt, dass nur die Kirchen und Religionen das 21. Jahrhundert überleben werden, in denen Frauen und Männer gleiche Würde und Rechte geniessen und die Macht miteinander teilen. Bis heute scheint mir diese Frage einzig bei den Baha'i glaubwürdig gelöst zu sein.

Fragwürdige Weihekriterien

Auch in den anderen christlichen Kirchen, wo Frauen inzwischen Priesterinnen werden können, ähneln die Männerbastionen in den obersten Kirchenleitungen noch zu sehr den Führungsetagen von Banken und Verwaltungsräten, den Zünften und Armeen. Gleichberechtigung von Frau und Mann ist das Gebot der Stunde für alle religiösen Institutionen. Und ich sehe nicht ein, dass die katholische Kirche, die sich in vielen Fragen so vehement für die Menschenrechte einsetzt, ausgerechnet bei der Gleichstellung von Frau und Mann sich so unglaubwürdig machen will.

Vielleicht gehen die Verantwortlichen in der Kirche auch darum die Frage der Frauenordination so ungern an, weil sie nicht isoliert betrachtet werden darf, sondern zur generellen Diskussion über die Zulassungsbestimmungen zur Ordination zwingt. Bis heute genügten das Mann-Sein, der Verzicht auf Ehe und die gelebte Sexualität sowie der Gehorsam dem Bischof gegenüber und ein Theologiestudium als Voraussetzung zur Priesterweihe.

Doch diese Kriterien besagen noch herzlich wenig über die Fach-, Sozial-, Führungs- und Sozialkompetenz der Kandidaten, über deren menschliche Qualitäten, emotionale Intelligenz und spirituelle Tiefe, über ihre Konfliktfähigkeit und Integrationstalent, über die Belastbarkeit, Flexibilität und Teamfähigkeit sowie über deren Mitgefühl und Verständnis für soziale, kulturelle, ökologische Fragen. Und wenn die Weihekriterien in Frage gestellt werden, so muss der kritische Blick ebenfalls auf die Ausbildung an den theologischen Fakultäten und in den Priesterseminaren geworfen werden.

Dass sich viele Bischöfe freuen mögen

Ich wünsche mir für die Zukunft Priesterinnen und Priester, die vermehrt heilende Kräfte entwickeln und als spirituelle Meisterinnen und Lehrer wirken. Sobald die Kirchen ihre gröbsten strukturellen Ungerechtigkeiten überwunden haben werden, müssen die frei werdenden Energien mehr für die spirituelle, die sozialpolitische und für die interreligiöse Entwicklung der Glaubenden ausgerichtet werden.

Und ich hoffe, dass sich viele Bischöfe über die Weihe der Priesterinnen von Herzen freuen können und sie nicht bloss als Affront gegen die kirchliche Hierarchie betrachten. In allen Institutionen braucht es Menschen und Gruppen, die etwas vorpreschen und Spuren für andere legen, auch wenn sie im Notfall mal den legalen Rahmen übertreten. Die Kirche hat immer wieder Laborsituationen und Biotope geschaffen, um neue Formen des Christseins auszuprobieren und zu reflektieren.

Der Autor, Lukas Niederberger, geboren 1964, ist in Wil SG aufgewachsen. 1985 trat er ins Noviziat der Jesuiten in Innsbruck ein. Nach dem Philosophiestudium in München absolvierte er ein zweijähriges Praktikum in der Studentenseelsorge in Zürich. Nach dem Theologiestudium in Paris und einem Jahr Pfarreipraktikum in Zürich begann er 1995 die Mitarbeit im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn. Seit 1998 ist er Mitglied der Leitung und seit 2001 Direktor des Hauses. Er leitet Kurse im Bereich Spiritualität, interkultureller Dialog, Ethik, ganzheitliche Führungstätigkeit und Entscheidungsfindung. Daneben koordiniert er für junge Erwachsene einjährige freiwillige Sozialeinsätze in Europa. (kipa/ln/job)

14.6.02

Quelle: http://www.kipa-apic.ch/meldungen/sep_show_de.php?id=499