Wie geht's weiter, Frau Priesterin?

Im Sommer ließ sich die 56-jährige Gisela Forster zur Priesterin weihen - gegen den Willen der katholischen Kirche. (Interview von Petra Hallmayer)

FR: Frau Forster, wie ist der Wunsch entstanden, sich weihen zu lassen?

Frau Forster: Ich war Zeit meines Lebens in der Kirche engagiert. Natürlich wäre das ein Traum: einmal in einer der wunderschönen großen Kirchen eine Messe zu zelebrieren, mit all der Pracht, die ich so liebe, mit Orgelmusik, einer herzbewegenden Predigt - zum Dahinschmelzen. Doch es geht nicht um meine Kinderträume. Die katholische Kirche ist der frauenfeindlichste Klub der westlichen Welt. Das kann sich nur ändern, wenn wir in Ämter drängen.

Ausüben aber können Sie Ihr Amt nur eingeschränkt?

Immer mehr kommen, um bei mir zu beichten. Darunter sind sehr, sehr viele Männer, die sich lieber einer Priesterin anvertrauen. Beim Einkaufen, wo ich gehe und stehe, reden mich Menschen an. Sie suchen Rat und Trost. Es ist unglaublich, wie viele Heimweh nach der Kirche haben. Nur so, wie der Verein drauf ist, können sie mit ihm nicht klar kommen.

Der Verein hat Sie erst einmal exkommuniziert. War das ein Schock?

Ich konnte es nicht fassen. Kardinal Ratzinger hat Argumente vorgebracht, bei denen sich dir die Zehennägel kringeln. Wir hätten gegen die "göttliche Verfassung" verstoßen. Himmel! Gott hat ganz sicher anderes zu tun, als "Frauen müssen draußen bleiben"-Schilder aufzustellen. Wir haben Einspruch eingelegt und dem Papst einen netten Brief geschrieben, er solle sich doch bitte nicht so haben. Im Moment ist es ein schwebendes Verfahren. Doch auch, wenn die Weihe als Rechtsverstoß verurteilt wird - das Sakrament ist nicht aufzuheben. Sechs weitere Frauen und ich wurden von einem Bischof in apostolischer Sukzession, Romulo Braschi, geweiht.

Papst Johannes Paul II meinte in seiner Ordinatio sacerdotalis, die ausschließliche Eignung von Männern für das Priesteramt sei anthropologisch begründet.

Die Kirche ist die letzte Bastion hemmungsloser Männerherrlichkeit. Ich bin in einem Matriarchat aufgewachsen. Meine Mutter hatte fünf Schwestern, großartige, bärenstarke Frauen, eine jede eine Bavaria. An Weihnachten wurde ich zwischen die Tanten gequetscht, ich fühlte links den Riesenbusen, rechts den Riesenbusen und wusste, mir kann im Leben nichts passieren. Ich durfte immer Balladen aufsagen. Und die Rubensbusen der Tanten wurden vor Stolz noch größer. Sie haben unerschütterlich an mich geglaubt. Dass es die Bestimmung der Frau sein soll, Deckchen zu häkeln für den Kaffeetisch des Pfarrers, war für mich immer absurd. Einige Herren aber glauben das heute noch.

Der Papst hält sich für unfehlbar.

Wenn er meint - ach Gott, da will ich mich nicht mit ihm streiten. Das nehme ich locker. Ich lebe in Bayern, da hat man ein Faible für die Monarchie. Könige kommen und gehen. Und ein guter König ist etwas Feines. Mein Herzenskönig war Johannes XXIII, der Reformpapst. Aber dieser hat auch sein Gutes. Er hat Charisma, Erotik.

Erotik?

Nu, er ist nicht mehr jung. Aber er soll zu seiner Zeit weibliche Schönheit geschätzt haben.

Sind auch Teile des Klerus auf Ihrer Seite?

Oh ja. Immer wieder lädt uns ein Bischof zum Essen ein und meint: "Ihr seid wunderbar! Ich segne euch, haltet durch! Nur bitte - sagt keinem, dass ihr bei mir wart." Radikale Kirchenkritiker wollen, dass wir Zwangsouting betreiben. Aber wir möchten niemandem schaden. Alle, die sich weihen ließen, sind unabhängig. Pensionierte Theologinnen oder Frauen wie Christine Mayr-Lumetzberger. Sie war Krankenhausseelsorgerin und Religionslehrerin. Dann hat sie einen geschiedenen Mann geheiratet und schwupps - aus war's. Sie ist aus allen Ämtern geflogen. Wenn die Kirche so weiter macht, hat sie bald keinen mehr, den sie rauswerfen kann.

Sie haben selbst Ihre Arbeit wegen eines Mannes verloren.

Ich war 17 Jahre Kunsterzieherin. Er war der Direktor der Schule und Mönch. Bis er seinem Abt sagte, dass ich Kinder von ihm habe. Der Abt hat mir das sehr übel genommen. Ihm nicht. Ich bekam die fristlose Kündigung. Dieser Herrenklub schwärmt für Maria, doch reale Frauen sind für ihn gefährliche, sexbesessene Verführerinnen. Und wohin führt das Zölibat, die Panik vor Sex und Sünde? Ein Sexskandal jagt den nächsten. Die Kirche beschäftigt sich heute so viel mit Sex wie der Beate-Uhse-Versand.

Waren Sie froh, dass sich Ihr Mann zu Ihnen bekannt hat?

Ach, ich hätte das nicht mehr gebraucht. Da kamen die Kinder ja schon in die Pubertät. Ich habe gesagt, er könne meinethalben den Rest seines Lebens im Kloster bleiben. Aber er wollte raus. So war ich mit 43 arbeitslos. Ich habe mich zur Altenpflegerin umschulen lassen. Das wollte ich immer schon einmal machen.

Das hört sich sehr locker an.

Ich hatte meine Tiefen, echte Tiefen. Ich war jahrelang chronisch überarbeitet. Wenn der Vater deiner Kinder im Kloster ist, bist du wirklich allein erziehend. Ich habe immer gedacht: Am Tag fünf Minuten frei – das wäre das Paradies. Und als unser Sohn 17 war, bekam er Krebs. Im Pflegedienst musste ich täglich um vier aufstehen, das ging schließlich nicht mehr. Ein Jahr kämpfte er mit dem Tod. Man kann nicht beschreiben, wie lang solche Tage, wie dunkel die Nächte sind. Gott sei Dank wurde er gesund. Aber nach all diesen Jahren war ich wie zerschlagen.

Wie haben Sie aus dem Tief herausgefunden?

Ich sagte mir: "Jetzt musst du etwas für dich tun." Ich habe Religionsphilosophie studiert. Denken ist für mich eines der größten Glückserlebnisse. Und ich habe ein Urvertrauen - dank meines Glaubens und meiner Tanten. Oft kommen Menschen zu mir, die furchtbare Ängste quälen vor dem Tod, der Hölle. Ich erkläre ihnen, dass es keinen Teufel gibt und keine ewige Verdammnis.

Im frühen Christentum hat man darüber ja heftig diskutiert. Origines und die Laxisten, die so genannten Mitleidigen, glaubten, dass alle - auch der Teufel - am Ende erlöst werden.

Was sollte das für ein Gott sein, der uns für immer ins Feuer wirft? Wir müssen uns nicht fürchten. An der Himmelspforte steht kein böser Mann, der sagt: "Du hattest in deinem kurzen verwirrten Leben unerlaubten Sex, du kommst hier nicht rein, ätsch." Natürlich gibt es schwere Schuld, Menschen können einander Entsetzliches antun. Doch sie bleiben Menschen. Das ist die Botschaft Christi. Und trotz allem hat sich für mich die Kirche nicht überlebt. Ich will sie weder spalten noch auflösen. In der Altenpflege sieht man, wie Menschen dahinsiechen, wie sie jahrelang ans Bett geschnallt den Tod, das Nichts erwarten. Das kann ich nicht akzeptieren.

Was erzählen Sie Menschen, die sterben?

Ich mache ihnen Lust auf den Himmel. Es ist unglaublich, wie alle dann irgendwann zu strahlen beginnen. Für mich ist es dabei gleich, ob der Himmel für jemand ein Garten voller Englein ist oder ein Zustand großen Friedens. Die meisten von uns sind insgeheim gläubig. Sie glauben, dass sie persönlich unsterblich sind und ihr Leben Sinn hat oder haben sollte. Dass es nicht gleichgültig ist, wie wir leben und sterben.

Glauben Sie an Ihre Zukunft als Priesterin?

Mehr denn je. Täglich kommen Briefe aus aller Welt. Der Zuspruch in der Seelsorge ist überwältigend. Vor allem aber wächst die Unterstützung aus dem Klerus unaufhaltsam. Das hatte ich so nicht erwartet. Inzwischen laden mich die ersten Pfarrer ein, Messen zu halten. Doch ich mache das nur in Konzelebration. Ich will nicht zu arg provozieren. Mein Motto ist: sanft auftreten, dem Feind die Hand halten beim Zuschlagen. Ich wappne mich mit Geduld, ich weiß, die Zeit ist auf der Seite der Frauen.

Ist die Kirche fähig, sich zu verändern?

Die Veränderung hat schon begonnen. Früher kam die Rebellion von unten, von den Laien. Jetzt ist sie zu Füßen der Kardinäle angelangt. Nur von draußen sieht man nicht, wie gewaltig es rumort. Nicht nur Pfarrer warten begierig auf Veränderung, auch unter den Bischöfen ist der rebellische Geist stark. Der Umgang mit der Sexualität, mit Frauen - das ist doch Wahnsinn. Wenn einmal laut würde, was viele Bischöfe denken, was sie hinter geschlossenen Türen sagen, würde diesem Herrenklub der Unfug, den er predigt, um die Ohren fliegen. Die Kirche ist am Ende. Jetzt kann es nur noch aufwärts gehen.

Aus: Frankfurter Rundschau, 4.1.2003

Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de/ressorts/magazin/magazin/?cnt=73314