Fragwürdige Wertedebatte

 

VON FRIEDHELM HENGSBACH

Die Familienministerin von der Leyen hat mit den Vertretern der zwei Großkirchen ein "Bündnis für wertegebende Erziehung" geschlossen. Auf den christlichen Werten basiere unsere gesamte Kultur, sagt sie. Verlässlichkeit, Respekt und Aufrichtigkeit beruhten auf christlichen Prinzipien. Das Grundgesetz fasse im Prinzip die zehn Gebote zusammen. Kinder sollten erst die eigene Position klären, bevor sie sich anderen Kulturen öffnen.

 

Die Ministerin ist gleich in mehrere Fallen getappt. Dass die Gewaltbereitschaft von Hauptschülern in Berlin durch eine Haltung der Beliebigkeit unter Kita-Kindern verursacht sei, ist wohl eine Fehldiagnose.

 

Mit den Repräsentanten der beiden Großkirchen hat sie sich die falschen Partner für ein gesellschaftliches Bündnis ausgesucht. Kirchliche Privatschulen reproduzieren meist jene Selektionsverfahren, die bürgerliche Bildungsschichten privilegieren. Und katholische Kirchenleitungen verweigern den Frauen in ihrem Machtbereich die volle Gleichstellung.

 

Dass die Ministerin Sekundärtugenden wie Fleiß, Disziplin und gutes Betragen zu einem Kern der jüdisch-christlichen Inspiration hochstilisiert, kann nachdenkliche Christinnen und Christen nur sprachlos machen. Außerdem lassen sich partikuläre Wertorientierungen, aus denen Angehörige gesellschaftlicher Teilgruppen ihre Identität schöpfen, nicht ungeprüft und ohne zustimmungsfähige Übersetzungsarbeit als moralische Grundlage einer weltanschaulich pluralen Gesellschaft behaupten.

 

Moralische Kompetenzen

 

Der Bildungs- und Erziehungsauftrag liegt in den Händen verantwortlicher Pädagogen. Er ist darauf ausgerichtet, Kindern und Jugendlichen eine unverstellte Beobachtungsgabe und ein eigenständiges Urteilsvermögen zu vermitteln - die Identität einer selbstbewussten und selbstbestimmten Person einschließlich kommunikativer, politischer und moralischer Kompetenzen. Solche Bildungsziele sind weit von der Absicht entfernt, Heranwachsende durch fremde Gedanken zu gängeln. Eine deutsche Leitkultur, ein angebliches christliches Menschenbild und ein politisch vorgezeichneter Erziehungskanal sind das Letzte, was Kindern und Jugendlichen in einer egalitär-demokratischen Gesellschaft einzuflößen ist.

 

Die Ministerin lässt sich von Symptomen am äußersten Rand erregen, anstatt desorientierte Kinder und Jugendliche als Spiegel einer Klassengesellschaft zu begreifen, die von erheblichen Schieflagen wirtschaftlicher Macht beherrscht ist. Konzernchefs eignen sich die Dynamik eines entfesselten Finanzkapitalismus an und schieben den Kapitaleignern einen Riesenanteil unternehmerischer Wertschöpfung zu. Sie erpressen die Belegschaften, dass sie länger arbeiten und weniger verdienen. Unter den Beschäftigten verbreiten sie Zeitnot und Zukunftsängste. Politiker schleichen um den Skandal der Massenarbeitslosigkeit und der Ausbildungsdefizite herum, erhöhen die Armutsrisiken und öffnen die Schere der Verteilung von Lebenschancen. Sie festigen eine Zweilassenmedizin und ein selektives Schulsystem.

 

29.4.06

Frankfurter Rundschau, S. 11

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuelle_meldungen/?em_cnt=871650

Hengsbach ist emeritierter Professor und Jesuit der Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt