Fatale Gutmütigkeiten
Die Kirche wird gedankenlos modernisiert

FAZ, 26.7.2003. Die Hintergründe für die Unbotmäßigkeiten der Priester
Kroll, Felber und Hasenhüttl müssen wohl etwas klarer auf den Tisch gelegt
werden. Die gemaßregelten Priester waren und sind nur die Spitze eines
Eisbergs. Der Personalchef einer großen Diözese in der Mitte Deutschlands
hat die Wirklichkeit kürzlich gut verbürgt dargestellt: "Bei den Maßstäben,
die zur Zeit in Regensburg oder Eichstätt angelegt werden, könnte ich ein
Drittel meiner Priester ins Kloster schicken." "Ins Kloster" heißt: zum
Nachsitzen, zu einer Besinnungspause zeitweilig aus dem Verkehr ziehen.
Dreißig Prozent der Priester halten es etwa so: Bei großen festlichen
Ereignissen werden alle in der jeweiligen Kirche anwesenden Christen zur
Interkommunion eingeladen. Das gilt von der Erstkommunion bis zur Kirchweih,
vom gemeinsamen Reformationsfest bis zum Weihnachtsfest. Nicht Ungehorsam,
sondern die Festfreude und grenzenlose Gutwilligkeit sind die Motive.

Zweifellos hat der ökumenische Kirchentag hier die bestehenden Trends (man
kann es auch Verunsicherung und Irritierung nennen) befördert. Und genau so
klar ist, daß hochrangige katholische Theologieprofessoren hier ein Eigentor
geschossen haben. Nehmen wir etwa Kardinal Walter Kasper. Noch 1971 hat er
als Münsteraner Professor seine Meinung drucken lassen: "Die eigentliche
Irregularität sind nicht solche offenen Kommunionfeiern, sondern die
Spaltung und gegenseitige Exkommunikation der Kirchen. Die nicht positiv
genug zu würdigende Funktion einzelner Gruppen, welche hier vorpreschen, ist
es, daß sie den Kirchen den Skandal ihrer Trennung im Sakrament der Einheit
immer wieder vor Augen führen." Walter Kasper bezeichnet solche offenen
Eucharistiefeiern als "Zeichen der Hoffnung". Nun ist Eminenz Kasper sicher
nicht der einzige, der am katholischen Kirchenbild gesägt hat. Damit aber
ist vollends deutlich: Maßgebliche Professoren haben zur herrschenden
Unsicherheit intensiv beigetragen. Gut bekannte Kollegen wie Herbert
Vorgrimler und Otto Hermann Pesch dürften kaum böse sein, wenn sie hier
genannt werden.

Nun gilt auch in der Kirche der Satz: Den letzten beißen die Hunde. Diese
letzten sind die verunsicherten (man kann auch sagen: irregeleiteten)
Gläubigen und ihre rührigen Seelsorger in den Gemeinden. Ihnen hat man
wesentliche Sicherheiten des Glaubens genommen, und sie sollen nun für alle
Orientierungslosigkeit verantwortlich sein. Natürlich ist das nicht nur beim
Abendmahl so, sondern auch bei anderen wichtigen Aussagen des Credos. Als
ich neulich für den Glaubensartikel "empfangen vom Heiligen Geist"
gestritten habe, wurde mir von aktiven Katholiken gesagt: "Da müßten Sie mal
hören, was unsere Professoren vom Fach Dogmatik an der Universität dazu
sagen." Doch kann niemandem daran gelegen sein, gutwillige katholische
Ortspfarrer, eben jene dreißig Prozent, in die Enge zu treiben, vor die
Inquisition zu stellen oder sie von heute auf morgen von ihren Gemeinden zu
isolieren. Nein, es liegt an den Bischöfen und Professoren, klar die
Richtung anzugeben und dafür auch den Kopf hinzuhalten oder eben
zurückzutreten.

Schon vor Jahren habe ich als an einer evangelischen Fakultät lehrender
Neutestamentler in einer Rezension (F.A.Z. vom 22. Dezember 2001) meine
Verwunderung darüber geäußert, wie Kollege Hasenhüttl ungehindert
jahrzehntelang Priester und Religionslehrer hat ausbilden dürfen. Auch
evangelischen Christen, die Hasenhüttl jetzt als Glücksfall betrachten, sei
nur nachdrücklich die Lektüre seiner Dogmatik empfohlen. Kein Christ kann -
so meine Sicht - über diese interreligiöse apersonale Gottesschau ohne
geschichtliches Fundament glücklich sein. Katholische Professorenkollegen
haben meine Kritik an Hasenhüttl damals als "Hinrichtung" bezeichnet. Daher
also weht der Wind.

Keine Ahnung von Spiritualität
Verstehen heißt nicht entschuldigen. Die Situation der katholischen
Theologie hierzulande kann man zu verstehen versuchen: Zwei Zeitströmungen
treffen aufeinander, die im Sturmschritt nachgeholte Aufklärung und der
Ökumenismus. Beides zusammen überfordert insbesondere den Gemeindepfarrer,
der sich weithin nicht auf eine wirklich gediegene Ausbildung stützen kann,
wie Jesuiten oder Dominikaner es einstmals konnten. Von vielen Priestern,
die an ihrer Kirche irre geworden und dann (oft daraufhin) geheiratet haben
und laisiert wurden, kann man sicher sagen: Sie wurden Opfer ihrer flachen
theologischen Ausbildung, die den Stürmen nicht gewachsen war. Ihren
Lehrern, nicht ihnen ist etwas ins Stammbuch zu schreiben. Als ich begann,
katholische Theologie zu studieren, gab uns unser Ortsbischof den Satz mit
auf den Weg: "Wir wollen keine Theologen, sondern Priester." Dieses war
offenbar auch andernorts die Maxime. Jedenfalls ist der vielerorts
feststellbare flache Ökumenismus Resultat einer theologischen Verödung,
verbunden mit völliger Gleichgültigkeit gegenüber der Stimmigkeit des
eigenen Credos. Jede Tiefendimension, die Bindung an die Geschichte oder die
Universalkirche, jede Verantwortung vor der weltgeschichtlichen Größe der
Kirche sind abhanden gekommen.

Das betrifft besonders das Fach Liturgiewissenschaft. Ganz zu schweigen von
etwas Ahnung in Sachen Spiritualität. Wer aber so unzureichend ausgebildet
ist, der wird in Fragen der Ökumene nicht über das hinausgehen können und
wollen, was man auf evangelischer Seite badischen Ökumenismus nennt. In
Baden wurden vor rund hundertachtzig Jahren auf königlichen Befehl hin
Lutheraner und Reformierte auf der Basis des gemeinsamen Minimums
zwangsvereinigt, eben "uniert". Man wird der darauf basierenden badischen
Normal- oder Mittelorthodoxie nicht zu nahe treten, wenn man das Ergebnis
als ein tendenziell konturen- und farbloses Gebilde bezeichnet. Das gilt
auch für die Liturgie. Die vielerorts offensichtlich angestrebte Ökumene des
Weglassens wird eine solche langweilige Ökumene sein.

Zurück zur katholischen Theologie: Es ist ihr nicht gelungen, die
historisch-kritischen oder empirisch orientierten Disziplinen konstruktiv
zur eigenen Tradition in Beziehung zu setzen. Von Beginn meines Studiums an
habe ich kaum anderes kennengelernt als die Gleichsetzung von
wissenschaftlicher Vernunft, Rationalismus und extremer Kirchenkritik.
Offenbar war man durch die jahrhundertelange apologetische Inanspruchnahme
der Vernunft so verschreckt, daß Ratio nun im Gegenschlag antikirchlich
eingesetzt wurde. Das "System" fand keine Verteidiger mehr und macht daher
schon seit Jahrzehnten einen innerlich morschen Eindruck. Ein Beispiel ist
das Schicksal der Neuscholastik. Auch der Konflikt zwischen der unbefragt
übernommenen protestantischen Exegese und traditioneller katholischer
Dogmatik wurde nie ideologiekritisch - eben auch gegenüber der Exegese! -
aufgearbeitet. Ähnliches galt für das Verhältnis zwischen moderner
Philosophie und Scholastik. Es fehlte daher weitgehend die Kraft zur
kritischen Durchdringung der Resultate moderner Philosophie und
Humanwissenschaft. Das Verhältnis zwischen Karl Rahner und dem deutschen
Idealismus zeigt dies nachdrücklich. Wissenschaftlich wurden Protestanten
wie Harnack und Bultmann vergötzt, als wären sie Thronassistenten Gottes.

Am Rand der Spaltung
Unter Theologen galt nur der als intelligent und war nur der noch
akzeptiert, der ultramodern, hyperkritisch und irgendwie "links" war. Alles
andere galt als "orthodox" und dumm. Diese Mentalität hatte sich sowohl bei
den klassischen Intelligenzler-Orden als auch dann in der ganzen Kirche
breitgemacht und ist seit einiger Zeit nun auch bei den berufskatholischen
Laien angekommen. Im übrigen handelt es sich um ein zumeist nicht
durchschautes Generationenproblem. Die neue Generation der jungen Kapläne,
die häufig als zu fromm gelten und deswegen nicht gerade selten schon aus
den Priesterseminaren entfernt werden, stellt den Gegenschlag dar.

Die gegenwärtige Krise führt die Katholiken in Deutschland bis an den Rand
der Spaltung. Wir fragen nicht, wer schuld ist, denn um Moral geht es nicht.
In gewisser Hinsicht war es notwendig, radikale Aufklärung nachzuholen. Eine
Heilung der teilweise gravierenden Zerstörungen - gerade im
Kirchenverständnis - kann es nur geben durch eine sehr grundsätzliche
Neubesinnung der Theologie. "Romhörigkeit" oder rechtslastiger
Fundamentalismus würden nur an der Oberfläche bleiben, nicht aber das
Problem lösen. Diese tiefgreifende Erneuerung katholischer Theologie stelle
ich mir vor als eine Versöhnung von qualifizierter Wissenschaft und
Spiritualität. Ich finde sie etwa in dem Traktat "Über die Schau Gottes" des
Nikolaus Cusanus. Und vielleicht sollte man sich weniger
Professoren-Bischöfe und mehr Mönchs-Bischöfe wünschen. Unter
"Mönchs-Bischöfen" verstehe ich solche, die von monastischer Spiritualität
geprägt sind und die neben der rationalen Theologie eine Einheit von
Spiritualität und Denken gefunden haben. Die intendierte postliberale
Theologie hat auch ihre Konsequenzen für ein erneuertes Verständnis von
Kirche. Sie sollte darauf achten, nicht ständig Erleichterungen,
Ausgewogenheiten und Ermäßigungen zu produzieren. Jegliche Erneuerung wird
zunächst nicht nach Erleichterungen fragen, sondern nach Substanz und
Konsequenz. Sie sollte von dem reden, was Menschen fordert, was sie
begeistert und sie binden kann. Daher sollte sie selbst sich etwas stärker
selbstbewußt als Elite und als Salz in der Suppe betrachten. Alles andere
führt dazu, daß sie irrelevant und langweilig wird. Dazu gehören auch ein
provozierendes Bekenntnis und der Mut, Aversionen hervorzurufen, eine treue
Gemeinde von Gegnern zu riskieren.

Katholiken und Protestanten werden erst dann wieder mit Gewinn miteinander
reden können, wenn die Katholiken in dieser Hinsicht ihre Hausaufgaben
gemacht haben. Anders gesagt: Eine ungezähmte rationalistische Aufklärung,
die ihre Grenzen nicht kennt, kommt als Mutter künftiger Kircheneinheit
nicht in Frage.

Es stimmt ja: Die Kirche kann Maßregelungen wie die gegenüber Hasenhüttl
kaum vermitteln. Aber der Weg kann doch nicht sein, die Botschaft immer
weiter einer blöden und gedankenlosen Modernisierung zu unterwerfen. Die
Kirchen bezahlen das seit fünfzig Jahren mit ungeheuren Verlusten.
Vielleicht war doch die alte Unterscheidung zwischen Standbein und Spielbein
nicht so falsch. Das Standbein bezieht sich auf die Wahrheiten des Glaubens,
die Gebote und den Gottesdienst. Das Spielbein, die bewegliche Seite also,
müßte ausgerichtet sein auf lebendige Predigt und flexible Seelsorge. Diese
beiden letzteren lebensfähig zu halten ist sehr viel mühsamer, als die
Liturgie zu ändern. Der Haupteinwand der Progressiven - "Das kauft uns doch
keiner mehr ab"- übersieht gänzlich, daß alles, aber auch wirklich alles vom
Überzeugtsein und dem Mut des Verkündigers abhängt. Wer an das glaubt, was
er verkündet, und wer es wirklich liebt, wird auch andere überzeugen können.
Dazu gehören etwas Hochmut des Glaubens und die Bereitschaft, mit einer
halbierten Wirklichkeit nicht zufrieden zu sein. (KLAUS BERGER)

Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2003, Seite 31
Quelle: http://www.faz.net


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