Fall Kroll: Bischof Mixa bekräftigt seine Entscheidung

 

München, 2.7.2003 (KNA). Der Eichstätter Bischof Walter Mixa hat sein
Vorgehen im Fall Kroll bekräftigt. Trotz aller entstandenen Turbulenzen
würde er wieder so entscheiden, da der Pfarrer den Zusammenhang von Weihe
und Eucharistie geleugnet habe, sagte Mixa in einem Interview der in München
erscheinenden "Süddeutschen Zeitung" (Mittwochsausgabe). Wenn ein Bischof in
einem solchen Fall schweige, verleugne er aus Feigheit sein Hirtenamt.

Der Großhabersdorfer Pfarrer Bernhard Kroll hatte trotz Verbots am Rand des
Ökumenischen Kirchentags in Berlin demonstrativ an einer evangelischen
Abendmahlsfeier teilgenommen. Sein Diözesanbischof Mixa enthob ihn deshalb
bis auf weiteres seiner Ämter, weil er sich der vom Kirchenrecht "verbotenen
Gottesdienstgemeinschaft" schuldig gemacht habe. In der fränkischen Gemeinde
kam es daraufhin zu Protesten. Chor und Organist schwiegen am Pfingstsonntag
aus Protest. Außerdem bildeten rund 1.000 evangelische und katholische
Christen aus Solidarität mit dem Geistlichen eine Menschenkette.

Den Veranstaltern des Abendmahlsgottesdiensts warf Mixa jetzt vor, ein "von
den kirchlichen Basisgruppen gewolltes und von den Medien inszeniertes
Spektakel" veranstaltet zu haben. Das evangelische Abendmahl sei dabei zur
Provokation missbraucht worden. Mixa räumte ein, nicht mit solch umfassenden
Reaktionen gerechnet zu haben. "Ich hatte mehr Sachlichkeit erwartet."
Zugleich betonte der Bischof, dass er die Entscheidung gegen Kroll nicht
allein getroffen habe, sondern mit seinen engsten Mitarbeitern,
Domkapitularen und Kirchenrechtlern sowie auch mit dem betroffenen Pfarrer
selbst zwei Stunden lang gesprochen habe. "Wir kamen zu dem Ergebnis, ihm
Gelegenheit zur Besinnung zu geben."

Kirchenrechtlich sei er damit "weit unter einer Höchststrafe" geblieben. Nun
müsse Kroll sein Amts- und Eucharistieverständnis als katholischer Priester
überdenken. "Vielleicht wurde er auch nur vor den Karren der Basisgruppen
gespannt", mutmaßte der Bischof. Angeblich sei Kroll nämlich kurzfristig für
einen anderen Priester eingesprungen, der gekniffen habe.

Derzeit vertiefe der Pfarrer außerhalb von Großhabersdorf die Thematik mit
geistlichen Begleitern, "die nicht ich ihm ausgesucht habe", erklärte Mixa.
Wie lange er brauche, liege an Kroll. "Wir beide sind im Frieden auseinander
und halten Kontakt." Die Pfarrei sei Kroll nicht entzogen worden; von
Suspendierung könne deshalb keine Rede sein. Zugleich kündigte der Bischof
an, noch dieses Jahr mit der Pfarrei ein Glaubensgespräch führen zu wollen,
an dem auch Kroll teilnehmen solle.

"Ich will Ökumene, aber nicht auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner", sagte
Mixa. Ökumene zielt seiner Ansicht nach auf volle Kirchengemeinschaft. Für
ein gemeinsames Abendmahl sei es zu früh. Allerdings wisse er natürlich
auch, dass vielerorts Katholiken zum evangelischen Abendmahl gingen. Auch
beim Austeilen der Kommunion könne ein Priester nicht sein Gegenüber erst
fragen, ob er katholisch sei.

"Ich würde auch einem gläubigen Protestanten nie die Kommunion verweigern",
unterstrich der Bischof. Darum sei es aber im konkreten Fall nicht gegangen.
Der Berliner Gottesdienst sei nur Provokation gewesen. Für die leidvolle
Problematik konfessionsverschiedener Familien müssten vielmehr rasch weitere
gute Wege gefunden werden.

 

2.7.03

Quelle:
http://www.kna.de/webnews/kwn0_472prs865qylo/kwn0-20030702t125047703.htm

 

SZ-Interview mit dem Eichstätter Bischof
"Das war eine inszenierte Provokation"

Walter Mixa erklärt, weshalb er nach dem Ökumenischen Kirchentag einen
Pfarrer des Amtes enthob

 

SZ, 2.7.2003. Anfang Juni hat der Eichstätter Bischof Walter Mixa den
Pfarrer von Großhabersdorf, Bernhard Kroll, vorläufig seines Amtes enthoben.
Der Geistliche hatte zuvor beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin an einem
evangelischen Abendmahl teilgenommen, was die katholische Kirchenleitung
verboten hatte. Im SZ-Interview äußert sich der Bischof erstmals zu seiner
Entscheidung.

SZ: Ein Kirchenchor, der nicht mehr singt, Menschenkette, Lichterdemo,
Kirchenaustritte, Hunderte kritische Briefe und bundesweite Schlagzeilen.
Haben Sie mit dieser Protestwelle gerechnet?

Mixa: Dass meine Entscheidung hinterfragt wird, war mir klar. Aber mit solch
umfassenden Reaktionen habe ich nicht gerechnet. Ich hatte mehr Sachlichkeit
erwartet. Die Medien haben das Thema spektakulär aufgegriffen. Aber
natürlich war vorher schon das Abendmahl in Berlin, an dem Pfarrer Kroll
verbotenerweise mitgewirkt hat, ein von den kirchlichen Basisgruppen
gewolltes und von Medien inszeniertes Spektakel. Mit einem Gottesdienst
hatte das nichts mehr zu tun. Das Abendmahl wurde zur Provokation und
Sensationsmache missbraucht.

SZ: War die Suspendierung von Pfarrer Kroll Ihre alleinige Entscheidung?

Mixa: Zuerst habe ich mit meinen engsten Mitarbeitern diskutiert. Dann habe
ich zusammen mit dem Generalvikar zwei Stunden mit Pfarrer Kroll geredet.
Anschließend habe ich mit Domkapitularen und Kirchenrechtlern gesprochen.
Wir kamen zu dem Ergebnis, ihm Gelegenheit zur Besinnung zu geben. Ich bin
ihm so kirchenrechtlich weit unter einer "Höchststrafe" begegnet. Er muss
sein Amts- und sein Eucharistieverständnis als katholischer Priester
überdenken. Wir beide sind im Frieden auseinander und halten Kontakt. Seine
Pfarrei wurde ihm nicht entzogen und damit kann von einer Suspendierung
keine Rede sein.

SZ: Was macht Pfarrer Kroll zurzeit?

Mixa: Er vertieft außerhalb von Großhabersdorf die Thematik mit geistlichen
und theologischen Begleitern, die nicht ich ihm ausgesucht habe. Wie lange
er braucht, liegt an ihm.

SZ: Wenn er bei seiner Position bleibt?

Mixa: Dann werden wir im Gespräch bleiben und einen neuen Weg suchen.

SZ: Der Vorgang hat die ökumenische Euphorie nach dem Kirchentag schnell
abgekühlt. Wollten Sie das?

Mixa: Natürlich nicht. Ich will Ökumene, aber nicht auf dem kleinsten
Nenner. Ökumene zielt auf volle Kirchengemeinschaft. Für ein gemeinsames
Abendmahl ist es zu früh. Das ist unsere Überzeugung, die von der Leitung
der EKD respektiert wird. In den letzten 25Jahren ist mehr zusammengewachsen
als in 400 Jahren vorher, und ich bin überzeugt, dass wir weiterkommen
werden. Ich selbst bin aus Berlin in Hochstimmung zurückgekehrt. Umso
enttäuschter war ich, dass ein Priester meiner Diözese sich derart
produziert hat. Vielleicht wurde er auch nur vor den Karren der Basisgruppen
gespannt. Angeblich ist Pfarrer Kroll kurzfristig für einen anderen Priester
eingesprungen, der gekniffen hat.

SZ: Die Unterstützung aus der Deutschen Bischofskonferenz für Ihr Vorgehen
kam auffallend schleppend ...

Mixa: Aus Gesprächen und Briefen weiß ich, dass alle deutschen
Diözesanbischöfe samt Kardinal Lehmann uneingeschränkt hinter meiner
Entscheidung stehen.

SZ: Diese hat viele Gläubige verprellt. War es das wert?

Mixa: Ich hatte sehr gute Gespräche mit Verantwortlichen der Pfarrei
Großhabersdorf und sie haben die Vorkommnisse in Berlin einhellig bedauert.
An den Protesten haben sich nicht nur Einheimische beteiligt. Kirchliche
Basisgruppen hatten bundesweit dazu aufgerufen. Sie haben die Stimmung
aufgeheizt und die örtliche Verunsicherung für ihre Zwecke in
unverantwortlicher Weise missbraucht.

SZ: Ein Vorwurf ist: Die Kirche gehe mit Kinderschändern in Reihen der
Priesterschaft rücksichtsvoller um als mit Menschen wie Pfarrer Kroll.

Mixa: Das trifft nicht zu. Wenn Missbrauch festgestellt wird oder der
Verdacht vorliegt, werden unverzüglich staatliche Behörden eingeschaltet.
Zudem haben die Bistümer Beauftragte und Kommissionen eingerichtet, die als
unabhängige Kontaktstellen beraten und helfen.

SZ: Zur Diskussion schickten Sie ihren Generalvikar und einen Mitarbeiter
nach Großhabersdorf. Warum haben Sie sich den Gläubigen nicht selbst
gestellt?

Mixa: Ich hätte damit die Situation über Gebühr aufgewertet. Ich werde aber
noch dieses Jahr mit der Pfarrei ein Glaubensgespräch suchen und hätte
gerne, dass Pfarrer Kroll daran teilnimmt.

SZ: Nach all den Turbulenzen: Würden Sie wieder so entscheiden?

Mixa: Eindeutig ja. Die Eucharistie, die Wandlung von Brot und Wein in
Christi Leib und Blut durch geweihte Priester, ist Kern katholischen
Glaubens. Pfarrer Kroll hat den Zusammenhang von Weihe und Eucharistie
geleugnet. Wenn ein Bischof da schweigt, verleugnet er aus Feigheit sein
Hirtenamt. Dann muss er damit rechnen, dass jeder Pfarrer künftig nach
eigenem Geschmack Gottesdienst feiert.

SZ: Ist es nicht so, dass vielerorts Katholiken zum Abendmahl gehen und
Protestanten zur Kommunion, und die jeweiligen Pfarrer tolerieren und
fördern das?

Mixa: Natürlich, ich bin doch nicht blauäugig. Man kann bei der Kommunion
auch nicht jeden fragen, ob er katholisch ist. Ich würde auch einem
gläubigen Protestanten nie die Kommunion verweigern. Darum ging es im
konkreten Fall aber nicht. Das war als bewusste öffentliche Provokation
inszeniert. Und für die leidvolle Problematik konfessionsverschiedener
Familien müssen rasch weitere gute Wege gefunden werden.

SZ: Stört es Sie, dass Ihnen das Etikett des konservativen Hardliners
anheftet? Es heißt, sie wollten sich so in Rom profilieren, um Erzbischof
von München und Freising zu werden.

Mixa: Ich sehe mich als kultivierter Konservativer, aber nicht als
Reaktionär oder Ewiggestriger. Meine Ambitionen sind die gute Leitung meiner
Diözese sowie der volle Einsatz für die Katholische Universität Eichstätt
und als Militärbischof. Auf München habe ich keine Ambitionen. Das ist für
mich kein Thema.

(Interview: Uwe Ritzer)

Aus: Süddeutsche Zeitung, 2.7.2003
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/sz/bayern/red-artikel5690/