Es kann keine islamischen Menschenrechte

geben

 

Menschenrecht sind universal. Sie lassen sich durch nichts einschränken. Deswegen

 kann es keine spezielle islamische Interpretation geben. Denn diese Religion ordnet

alles der Scharia, der Rechtslehre des Islam, unter und setzt somit die Universalität

der Menschenrechte außer Kraft.

 

Mich interessiert jetzt nicht die außerordentlich spirituelle Theologie des Islam, sein

radikaler Monotheismus mit der reinsten Transzendenz: ohne Trinität, ohne Opfertod,

ohne Heilige. Das bewundere ich; und es fasziniert mich. Aber genau darum geht es

nicht. Sondern es geht um die Juridifizierung der sozialen und politischen Ordnung, um

die Scharia.

 

Dass die Scharia selber historischen Modifikationen unterliegt, ist selbstverständlich.

Aber die vier islamischen Rechtsschulen selber bezeichnen diese Ordnung als Scharia,

als göttliche Ordnung, von Menschen ausgelegt. Dass die Auslegungen sich verändern,

ist eine banale Einsicht. Entscheidend ist die Konstanz der Tradition um wichtige

Kernpunkte, eine Tradition die aufrechterhalten wird durch das, was Jan Assmann die

Textpflege im kulturellen Gedächtnis nennt. Es geht mir auch nicht um die Scharia

insgesamt, sondern um zwei Dinge:

  1. den Auftrag, Krieg gegen die Ungläubigen zu führen, bis die ganze

Welt unter islamischer Herrschaft steht, dieser Krieg heißt Dschihad,

  1.  um die Dhimmitude, das ist der französische Begriff für den Status

der Nicht-Muslime unter muslimischer Herrschaft.

 

Al Qaida ist keine islamische Verirrung, sondern folgt der Tradition des

vorgeschriebenen Dschihad

 

Seit Beginn der klassischen Zeit (9. bis 11. Jahrhundert) teilen die muslimischen Juristen

die Welt in zwei Teile, nämlich das "Haus des Islam" und das "Haus des Krieges". (…)

Diese Zweiteilung hängt nicht davon ab, wo Muslime in großer Anzahl sind oder gar die

Mehrheit darstellen, sondern davon, wo der Islam herrscht - in Gestalt der Scharia - oder

wo er nicht herrscht. Diese Dichotomie ist also keine religiöse, sondern eine politische.

Zwischen diesen beiden Teilen der Welt herrscht naturgemäß so lange Krieg, bis das

Haus des Krieges nicht mehr existiert und der Islam über die Welt herrscht

(Sure 8, 39 u. 9, 41). Daher besteht nach klassischer Lehre für die muslimische

Weltgemeinschaft die Pflicht, gegen die Ungläubigen Krieg zu führen bis diese sich

bekehren oder sich unterwerfen. Dieser Krieg heißt Dschihad.

 

Die Gemeinschaft der Muslime (Umma) ist folglich eine politische Gemeinschaft; das

heißt, in ihrem Inneren kann es keinen Krieg geben - ausgenommen dem gegen

Rebellen und gegen Häresien. Einzig der Krieg zur Unterwerfung der Ungläubigen ist

legitim gewesen und obendrein Pflicht. (…) Ist es eine individuelle Pflicht oder eine

kollektive? Wenn es eine kollektive Pflicht ist, dann muss die muslimische Gemeinschaft

 in regelmäßigen Abständen Angriffskriege gegen die Ungläubigen führen. Wenn es eine

 individuelle Pflicht ist, dann müssen die Gläubigen auf eigene Faust Krieg gegen die

Ungläubigen führen, falls die Emire zu lange Frieden mit dem Feind halten. Fatalerweise

besteht darüber innerhalb der orthodoxen Tradition seit dem 9. Jahrhundert keine

Einigkeit. Viele Rechtsgelehrte definieren den Dschihad als individuelle Pflicht jedes

tauglichen Muslim. Konsequenz dieser Lehre: wenn jeder einzelne Muslim alleine oder

gruppenweise auf eigene Faust kriegerisch agieren muss, dann sind Attentate und

Terroranschläge das Richtige. Al Qaida ist keine Verirrung, sondern entspricht dieser

Traditionslinie. (…) Wer das abstreitet, kennt seine eigene Geschichte nicht. (…)

 

Der Kriegszustand dauert an, bis das Haus des Krieges vernichtet und die Welt erobert

ist. Folglich sind Angriffskriege selbstverständlich und theologisch gerechtfertigt gewesen.

(…) Friedensverträge, welche islamische Herrscher mit nicht-islamischen abschlossen,

gelten nur als Waffenstillstände; deshalb wurden sie in der Regel für höchstens zehn Jahre

 abgeschlossen; zwei Rechtsschulen erlaubten nur drei bis vier Jahre Frieden. Die kurzen

Fristen ermöglichten es den militärisch überlegenen Muslimen die Gegenseite unentwegt

zu erpressen; auf diese Weise sind im Laufe der Jahrhunderte riesige Mengen an Geldern

und Menschen an die muslimische Seite geflossen. Als sich die Kräfteverhältnisse

verschoben, mussten muslimische Herrscher die Praxis ändern. So schloss 1535 Suleiman

der Prächtige mit dem französischen König einen Frieden, der so lange gelten sollte, wie

der Sultan lebte - ein Bruch mit der Tradition. (…)

 

Immer wieder wird bestritten, dass der Dschihad heute noch aktuell sei. Doch Peters

kam in seiner großen Studie zum Ergebnis, dass auch im 19. und 20. Jahrhundert sehr

viele Rechtsgelehrte der klassischen Doktrin anhängen. Er schreibt in seinem Buch "Islam

and Colonialism": "Modernistische Autoren unterstreichen den defensiven Aspekt des

Dschihad und betonen, Dschihad außerhalb des islamischen Territoriums sei nur gestattet,

wenn die friedliche Verbreitung des Islam behindert wird oder wenn Muslime, die unter

Ungläubigen leben, unterdrückt werden. Demgegenüber weichen fundamentalistische

Autoren kaum von der klassischen Doktrin ab und betonen den expanionistischen Aspekt."

 

Der Haken dabei ist: die Modernisten vertreten in der Konsequenz genau dieselbe Lehre

 wie die Fundamentalisten. Denn der Dschihad ist ja berechtigt, wenn Muslime unterdrückt

 werden. Und ob Muslime unterdrückt werden, wer entscheidet das? Das entscheiden

nicht die Gerichte in den säkularen Verfassungen, das entscheiden nicht die Menschenrechte.

Das entscheiden die Normen der Scharia. (…)

 

Die dritte Islamische Gipfelkonferenz von 1981 bekräftigte in ihrer 5. Resolution die Gültigkeit

der Dschihad-Doktrin für die Gegenwart: "Die islamischen Länder haben in ihrer Resolution

klargestellt, dass das Wort Dschihad in seinem islamischen Sinn gebraucht wird, der keine

Interpretation oder Missverständnis zulässt, und dass die praktischen Maßnahmen zu seiner

Erfüllung zu ergreifen sind in Übereinstimmung damit und in ständiger Konsulation zwischen

den islamischen Ländern." Das sagten nicht ein paar Spinner. Das sagten offizielle Vertreter

von Staaten. Das war 20 Jahre vor dem 11. September 2001. Wenn das Leugnen aufhört,

beginnt die Selbstbesinnung. Wir dürfen gespannt sein, wie diese Vergangenheitsbewältigung

aussieht.

 

Der Dschihad führt zur Konversion, zur Tötung, zur Versklavung oder zur Dhimmitude. Was

ist das? In der Scharia sind die Muslime die Herren, die Anhänger anderer Buchreligionen

(Christen, Juden, Parsen) die Unterworfenen (Dhimmi); dabei handelte es sich in der

klassischen Zeit des Islam nicht um religiöse Minderheiten, sondern gewaltige Mehrheiten,

vor allem in Syrien, Anatolien, Nordafrika (Christen):

 

Die Unterworfenen durften keine Waffen tragen, sie waren wehrunfähig, somit keine

vollwertigen Männer; ihre Schuhe und ihre Kleider mussten speziell geschnitten sein, um

sie kenntlich und lächerlich zu machen; Christen und Juden mussten besondere Farbmerkmale

tragen (aus dieser Diskriminierung entstand der Judenstern). Ihre Häuser mussten niedriger

sein, ihre Türschwellen abgesenkt. Sie durften nicht auf Pferden reiten, sondern nur auf Eseln,

damit sie ständig an ihre Erniedrigung erinnert wurden. Sie zahlten einen besonderen Tribut,

den sie persönlich entrichten mussten, wobei sie einen Schlag an den Kopf erhielten. Sie

mussten vor Muslimen den Kopf senken und auf der linken Seite gehen. Sie mussten sich

von Muslimen schlagen lassen ohne sich wehren zu dürfen; schlug ein Dhimmi zurück, dann

wurde ihm die Hand abgehackt oder er wurde hingerichtet. Die Zeugenaussage eines

Dhimmi galt nicht gegen Muslime. Muslime brauchten für Vergehen an einem Dhimmi nur

halbe Strafe zu tragen; und wegen eines Dhimmi konnten sie nie hingerichtet werden;

umgekehrt waren grausamste Hinrichtungsarten überwiegend den Dhimmi vorbehalten.

 

Die Dhimmitude ist kein Nebenprodukt der islamischen Eroberungen, sondern ein offen

verkündigtes Ziel des Dschihad selber. Die Dhimmitude versetzte die Nicht-Muslime in

eine radikale Alterität: Die Menschen in diesem Zustand als "Bürger zweiter Klasse" zu

bezeichnen ist Schönrednerei. (…) Islamische Toleranz hieß: Duldung der Unterworfenen

als Gedemütigte und Erniedrigte.

 

Sprechen wir von der Diskriminierung der Juden? 400 Jahre nach dem Islam schritt die

Westkirche auf dem IV. Laterankonzil 1215 zu Maßnahmen, die uns barbarisch anmuten.

Aber sie waren weitgehend eine Kopie der muslimischen Diskriminierungen. Mit einem

Unterschied: wenn man die rechtlichen Bestimmungen vergleicht, dann ging die

Entrechtung und Erniedrigung der Juden im Spätmittelalter nicht so weit wie in der

Dhimmitude. (…)

 

Kenner der Materie wissen das schon seit langem. Und die Leugner kommen immer mehr

unter Druck und müssen ganze Forschungen diffamieren. Das passiert immer, wenn

Durchbrüche in der Forschung sich anbahnen und wenn Paradigmenwechsel sich

vollziehen. Das neue Paradigma könnte lauten: die rechtlich fixierte Unterdrückung

Andersgläubiger - ausgenommen die Häresien - war unter dem Halbmond deutliche s

chwerer als unter dem Kreuz. (…)

 

Als Unterdrückungszustand hielt sich die Dhimmitude mehr als tausend Jahre lang, bis

der Druck der europäischen Mächte auf das osmanische Reich und schließlich die

direkte Besetzung osmanischer Gebiete zu einer allmählichen Abmilderung der Dhimmitude

führte. Die islamischen Gesellschaften haben die Dhimmitude nicht freiwillig abgeschafft,

ebenso wenig wie die Sklaverei. Sie sind dazu gezwungen worden vom europäischen

Imperialismus. (…)

 

Die Scharia beinhaltet die Dhimmitude. Egal wie abgemildert die Scharia hier und dort

ist: sie ist auf radikalste Weise anti-demokratisch und anti-menschenrechtlich. Die

Dhimmitude lebt wieder auf. Islamische Länder haben als letzte die Sklaverei abgeschafft;

und einige von ihnen führen sie seit 15 Jahren wieder ein, so im Sudan. Die Scharia lässt

das zu; sie ist eine parafaschistische Ordnung. (…) Der Scharia-Islam ist einer der

schlimmeren Feinde von Menschenrechten und Demokratie.

 

Wer seine Geschichte leugnet, ist nicht fähig seine aktuellen Handlungen zu bewerten

 

Viele Muslime leugnen die Dhimmitude. Aber es nützt genauso wenig etwas, wie den

Genozid an den Armeniern zu leugnen oder den Genozid an den Juden. Die Leugnung

selber muss jeden aufmerken lassen, dem die Menschenrechte heilig sind. Denn wer leugnet,

 ist unfähig zu erkennen, wer er kulturell ist und wie er geschichtlich dazu wurde. Unter der

Maske des Antiimperialismus beschuldigen Muslime und islamophile Intellektuelle den

Westen.

 

Der Unterschied ist freilich, dass der Westen von Anfang an, seit dem 16. Jahrhundert

seine eigene Selbstkritik leistete und darum zu den Menschenrechten gelangte. Und

eben diese kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte wird durch Leugnungen über

die islamische Geschichte systematisch behindert. Wer die historische Wahrheit

einfordert, wird als Kulturkrieger bezeichnet. Genau umgekehrt verhält es sich,

Kulturkrieg führt, wer leugnet und wer Leugnungen mit Tabus und Sprechverboten zu

sichern versucht. Wir erleben im Moment genau das. Wenn eine Seite diesen Krieg

eröffnet, dann kann die andere Seite diesem Krieg nur ausweichen, indem sie einfach

kapituliert. Wollen die europäischen Intellektuellen diese Kapitulation?

 

Im August 1990 verabschiedeten die Außenminister der "Organisation der islamischen

Konferenz" in Kairo einen Entwurf einer "Erklärung der Menschenrecht im Islam".

Die Erklärung (…) steht unter dem Vorbehalt, dass sie mit der Scharia übereinstimmen

müssen. Der Artikel 24 lautet: "Alle Rechten und Freiheiten, die in dieser Erklärung

genannt werden, unterstehen der islamischen Scharia." Und im Artikel 25 liest man: "

Die islamische Scharia ist die einzige zuständige Quelle für die Auslegung oder

Erklärung jedes einzelnen Artikels dieser Erklärung.". Wenn die Scharia den

Menschenrechten übergeordnet ist, dann gibt es eben keine Menschenrechte, dann

gilt eben die Scharia. Stellen Sie sich vor, Franco, Hitler oder Stalin hätten die

Menschenrechte ausgerufen; und Stalin hätte hinzugefügt: Alle diese Rechte unterstehen

der kommunistischen Idee; und Hitler hätte hinzugefügt: Sie unterstehen der

nationalsozialistischen Ordnung. Solche Menschenrecht sind keinen Pfifferling wert,

weil die Verfasser sie im Prinzip leugnen. Anders gesagt: sie leugnen genau den

Anspruch auf universale Menschenrechte, die von keiner Ordnung außer Kraft gesetzt

werden dürfen.

 

In einer Diskussion berief sich in den 90er Jahren ein iranischer Ayatollah auf die Kairoer

Erklärung, um die Ungleichheit zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu rechtfertigen:

er argumentierte, die Menschen sind in ihrer Würde nur potentiell gleich, aktuell jedoch

nach Graden der Tugend und der Rechtgläubigkeit verschieden. Da liegt der Hase im

Pfeffer. Es gibt also keine Menschenrechte. Und es wird sie auch niemals als islamische

Menschenrechte geben. Weil es absurd ist, nach islamischen Menschenrechten zu

suchen. Menschenrechte sind weder christlich, noch europäisch, noch islamisch.

Sie sind entweder universal oder sie sind nicht.

 

Von Egon Flaig

 

Frankfurter Rundschau, 30.10.06, S. 7

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/dokumentation/?sid=7be20bfa575eeb01c6bd56d3ff68323a&em_cnt=999893