Die Entwicklung zum islamischen Selbstmordattentäter

 

Nach: Jochen Bittner

Selbstmordattentäter kann es auch in Deutschland geben. Das zeigt der Fall eines ehemaligen Bundesligaspielers

Sie standen in keiner Terroristendatei. Für den britischen Geheimdienst waren sie fast alle Unbekannte. Ja, nicht einmal die Eltern ahnten, dass sich ihre Söhne zu Selbstmordattentätern entwickelten. Das neue Phänomen der hausgemachten, im Westen lebenden Terroristen, die London offenbar mit einer Serie von Anschlägen überziehen wollten, bereitet Sicherheitsstrategen nun auch hierzulande Sorgen. »Wir müssen prüfen«, sagte der Chef des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, vergangene Woche, »ob so etwas auch in Deutschland möglich ist.«

Genau besehen allerdings, ist schon längst klar: Es ist möglich. Bloß dass den Fall, der dies beweist, damals, im September 2001, kaum jemand wahrgenommen hat. Zwei Tage nach den Terrorangriffen auf die USA war es, als die Polizei in Brüssel einen fest entschlossenen Selbstmordattentäter verhaftete, der wenige Jahre zuvor noch eine Karriere als Fußballprofi bei Fortuna Düsseldorf begonnen hatte. Doch er endete in einer Wohnung voller Azeton- und Schwefelkanister. In die Luft sprengen wollte er sich damit, wie er später zugab, vor dem US-Militärstützpunkt Kleine Brogel in Belgien.

Es ist die Geschichte von Nizar Trabelsi, die zeigt, wie ein Einwanderer sich in Deutschland zu einem gnadenlosen Fanatiker entwickeln kann – und zwar ganz unabhängig davon, ob sein Land an einem Afghanistan- oder Irak-Krieg teilgenommen hätte.

Ein Fußballheld wollte Trabelsi immer sein. Mit 19, als er in der Olympiamannschaft seiner Heimat Tunesien spielt, scheint es, als beginne sein Traum Wirklichkeit zu werden. Fortuna Düsseldorf will das junge Talent aus Nordafrika unter Vertrag nehmen. Europa winkt, Wohlstand und Ruhm dazu. 1989 kommt Trabelsi nach Deutschland. Doch statt der Karriere beginnt der Absturz des jungen Mannes. Trabelsi kommt mit dem Trainingsdrill und der Disziplin der deutschen Profis nicht klar. Er heult sich regelmäßig bei seinem Trainer aus, doch der kann ihm nicht helfen. Trabelsi fällt ab. SV Wuppertal, Zweite Liga. FCWüllrath, Oberliga. Mit jeder Degradierung wird er bockiger, wütender. Trabelsi macht den Verlust dessen durch, was viele spätere Selbstmordattentäter radikalisiert wiederherstellen wollen – das Einssein mit einer geliebten Gruppe.

Die biografischen Daten von 247 Suizidterroristen der vergangenen zwei Jahrzehnte hat der Kulturforscher Michael Taarnby im Auftrag der dänischen Regierung ausgewertet, darunter auch die von Trabelsi. Eine gemeinsame Diagnose ist der Studie zu entnehmen: Die Motive von Selbstmordattentätern gründen letztlich im universellen Menschenwunsch nach Bindung, Geborgenheit und Anerkennung. Das heißt laut Taarnby zunächst einmal: »Islamistische Terroristen sind soziale Wesen wie jeder andere auch.«

Doch vielleicht spielt im Fall von Nizar Trabelsi auch eine Rolle, dass sich sein Abstieg als, wenn man so will, Parabel sehen lässt für das Trauma, das manche Araber mit Blick auf ihre untergegangenen Reiche plagt. Mit einem Mal spielt man nicht mehr mit bei den Erfolgreichen. Der einstige Stürmer, er steigt ab zum bloßen Zuschauer. Und dann entzieht man ihm auch noch die Liebe.

Bald nach seiner Ankunft in Deutschland lernte Trabelsi seine zukünftige Frau Simone kennen. 1990 bekommen die beiden eine Tochter. Dann, 1996, hält seine Frau Trabelsis Jähzorn und seine Doppelgesichtigkeit nicht mehr aus. »Der Versager«, wie sie ihn später nennt, hat sich im Drogenmilieu verstrickt, etliche Strafverfahren am Hals. Simone lässt sich scheiden.

Um diese Zeit beginnt Trabelsi, ein neues Ich zu suchen. An der Moderne ist er gründlich gescheitert. Er zieht sich mehrere Monate nach Saudi-Arabien zurück. Dort will er, wie er später seinen Anwälten sagt, den Islam »an seiner Quelle erlernen«. Was er dort allem Anschein nach aufsaugt, nennt Michael Taarnby »Neofundamentalismus«, ein Phänomen, das bei vielen jungen Muslimen zu beobachten sei: »Europäische Muslime machen einen Prozess des Kultur- und Identitätsverlustes durch. Was folgt, ist die Übernahme neuer kultureller Normen.« Am Ende steht der »Wiedergeborene Muslim«, der mit den Bräuchen oder Traditionen seiner Elterngeneration nur noch wenig zu tun hat.

Immer mehr Einwanderer der dritten oder vierten Generation, die vielleicht noch nie einen Fuß in das Herkunftsland ihrer Eltern gesetzt haben, verschreiben sich einem metaphysischen Patriotismus, einer Zugehörigkeit zu einer vorgestellten muslimischen Gemeinschaft, der Umma. Nizar Trabelsi beginnt, in diesem globalen Dorf zu streunen: Er reist nach Belgien, Frankreich, in die Londoner Finsbury-Park-Moschee, knüpft Bande mit Islamisten, die ihn in ihre Arme schließen. Aus dem Mann, der kam, den Westen zu erobern, wird der Mann, der alles Westliche hasst. »Vertrauter Feind« nennen Psychologen einen Menschen, der plötzlich seine Umgebung ablehnt, um sich neu zu definieren. Diese sich selbst verstärkende Desintegration, sie dürfte ein Hauptgrund sein für die wachsende Militanz unter europäischen Muslimen. Laut einer aktuellen Erhebung des Washingtoner Nixon Center stammt die größte Gruppe von islamistischen Terroristen in Europa und Nordamerika aus dem Westen selbst. 41 Prozent von 373 Terroristen (Erhebungszeitraum 1993 bis 2004) hatten eine EU-Staatsbürgerschaft, 36 Prozent stammten aus Nordafrika. Nur 17 Prozent kamen aus einem »arabischen Kernland«, also aus Ägypten, Jordanien, Syrien, Palästina oder dem Irak. Mit anderen Worten: Viele Einwanderer sind geistige Auswanderer.

So auch Nizar Trabelsi. Ende der neunziger Jahre sozialisiert er sich neu – bei den Feinden seiner bisherigen Freunde. In der Gemeinschaft der Dschihadis steigt der sportliche und zähe Tunesier schnell auf. Im Oktober 2000 fliegt er nach Afghanistan. Dort trifft er den Mann, den er, wie er später vor Gericht aussagen wird, liebte »wie einen Vater«: Osama bin Laden. Mit dem Al-Qaida-Chef, berichtet Trabelsi, habe er abendelang über das Elend der Muslime gesprochen. Trabelsi fühlt sich ernst genommen, wichtig. »Er hat mir hilfreiche Ratschläge gegeben«, sagt er später über bin Laden. »Ich habe gemerkt, dass er nicht mit mir spielt.« Doch diese Vaterfigur formt den verlorenen Sohn Schritt für Schritt zum Selbstmordattentäter um.

Trabelsi, glaubt der Forscher Michael Taarnby, wurde zu einem Zeitpunkt in seinem Leben vom Islamismus eingefangen, an dem er unfähig war, seine Probleme selber zu lösen: »Seine Anleiter versprachen ihm Wiederaufrichtung durch absolute Hingabe an die Sache – für Trabelsi muss das eher wie eine Chance geklungen haben, nicht wie Aufopferung.« Trabelsi macht eine Wandlung durch, die typisch ist für angehende Selbstmordattentäter.

In der Gesellschaft isolierte Menschen, schreiben die amerikanischen Professoren Robert S. Robins und Jerrold M. Post in Psychologie des Terrors, fühlen sich besonders schnell zu Massenbewegungen hingezogen. »Auf der Flucht vor Vereinsamung erfahren solche Menschen ›einen Hunger nach Verschmelzung‹.« Zugleich liefert das Weltbild von al-Qaida Trabelsi die Erklärung für sein verpfuschtes Leben. Nicht er ist schuld daran, sondern der moralisch verderbte Westen.

Dieses islamistische »Erweckungserlebnis« haben die Selbstmordattentäter von London möglicherweise auf ganz ähnliche Weise erfahren. Die Gruppe der Angreifer vom 7. Juli scharte sich um Mohammed Khan, einen charismatischen Jugendarbeiter. »Eine Vaterfigur« nannten ihn viele junge Muslime. Man könnte wohl auch sagen: der Osama von Leeds. Solche talentierten Verführer, davon ist ausgehen, dürften auch in Deutschland nach Jüngern Ausschau halten.

»Könnte man es Gehirnwäsche nennen, was mit Ihnen da passiert ist?«, fragt die belgische Richterin Nizar Trabelsi drei Jahre später in seinem Prozess.

»So ähnlich, ja«, antwortet der. »Ich war wie eine Maschine. Zu allem entschlossen.«

Doch Gehirnwäsche ist ein zu schnelles Wort. Schließlich begeben sich Selbstmordkandidaten freiwillig in die Hände ihrer Manipulatoren. Im Falle von islamistischen Suizidmördern sollte man daher besser von mind control sprechen, glaubt der Sektenforscher Steven Hassan, von geistiger Programmierung. »Das Opfer verrät freiwillig Einzelheiten aus seiner Biografie und aus der seiner Familie. Mit diesen Informationen erarbeiten die ›Programmierer‹ eine individuelle Rekrutierungsstrategie, die für diese Person am effektivsten ist.«

Im Frühjahr 2002 sollte es für Trabelsi so weit sein. Er hat den Auftrag bekommen, sich vor dem Offizierskasino von Kleine Brogel in die Luft zu sprengen, um möglichst viele US-Soldaten in den Tod zu reißen. Doch Fahnder hören die Telefonate in der Szene ab, decken den Plan auf. Noch einmal ein Held sein, ein letztes Mal einen Volltreffer landen – es sollte für Trabelsi nichts werden. Ein Glück. Für ihn und alle anderen Opfer.

Quelle:

Nach: http://www.zeit.de/2005/31/Selbstmordatt_?page=all

DIE ZEIT 28.07.2005 Nr.31, S. 5