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Wiesbaden · Bei so genannten Ehrenmorden sind zwischen 1996 und Mitte
2005 in Deutschland 48 Menschen getötet worden, 36 der Opfer waren Frauen. Das
ist das Ergebnis einer Studie des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden, die am
Freitag veröffentlicht wurde. Einschließlich Tötungsversuchen stießen die
Kriminalexperten bei ihren Recherchen auf insgesamt 55 Delikte, was einer Rate
von knapp sechs Fällen pro Jahr entspricht. Ursache sei dabei nicht eine
muslimische Herkunft der Beteiligten, sondern vielmehr ein Verharren in
vormodernen Strukturen.
"Ehrenmorde" liegen der Untersuchung zufolge dann vor, wenn ein
Familienmitglied aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus getötet
werden soll, um der Familienehre gerecht zu werden. Nicht mitgezählt wurden
also Blutrache-Delikte, die sich aus ähnlichen Motiven auch gegen nicht
verwandte Opfer richten. Laut BKA entspricht aber nur ein Teil der polizeilich
untersuchten Fälle der Phänomenbeschreibung in vollem Umfang. Die häufigste
Ursache seien Partnerschaftskonflikte. Zuletzt hatten in diesem Zusammenhang
der Mord an der Berliner Deutschtürkin Hatun Sürücü Schlagzeilen gemacht.
Die Autoren der Studie betonten, dass die muslimische Religion und türkische
Herkunft von Tätern und Opfern kaum eine Rolle spielten. Durchgängige Ursachen
seien vielmehr "die starre Verwurzelung in vormodernen agrarischen
Wirtschafts- und Sozialstrukturen" und das damit verbundene extrem
patriarchalische Familienverständnis. Das Verständnis der Rolle der Frau sei in
diesen Familienstrukturen teilweise mit Unterdrückung und extremer
Reglementierung verbunden. Das BKA veröffentlichte die gesamte Analyse auf
seiner Homepage: http://www.bka.de/
ap
Vgl. BKA: http://www.bka.de/pressemitteilungen/2006/060519_pi_ehrenmorde.pdf
20.5.06
Frankfurter Rundschau, S. 10