Evangelischer Kirchentag aus katholischer Sicht
Nachlese und Ausblick auf den ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin
Eine Einschätzung aus der überregionalen Presse
Robert Leicht schreibt in seinem Artikel "Glaubensolympiade" in DIE ZEIT vom13.6.01 über den Evangelischen Kirchentag: "Dieser Versammlungstyp, eine für den Einzelnen völlig unübersichtliche Kreuzung aus Gottesdienst und Fachkongress für allgemeinverständliche Sozialethik, aus Meditation und (zuweilen mildern) Protest, aus Kunst und Kunstgewerbe, aus wissenschaftlich geprägter Theologie und manchmal trivialer Frömmigkeit - diese Massenveranstaltung bleibt selbst demjenigen ein unvergleichliches Phänomen, dem vor so viel demonstrativ gutem Willen eher etwas mulmig wird. .......
Trotzdem: Es bleibt schon rein soziologisch ein kleines Wunder, dass sich alle zwei Jahre rund 100 000 Menschen versammeln, oder sogar mehr, um vier Tage (und vor allem Nächte!) lang über Gott und die Weit zu reden. Man kann sich fragen, ob da wirklich viel Neues entdeckt wird - aber viele entdecken Bekanntes (und Bekannte, auch bekannte Politiker) neu, manchmal sogar sich selber. Und das soll selbst Politikern schon so gegangen sein.
Diese Kirchentage sind auch deshalb ein durchaus politisches Phänomen, weil es niemandem sonst in dieser Republik - oder sonstwo in Europa - gelingen würde, geistlich bewegte, Politisch aufgeweckte und sozial verantwortungsbereite Bürgersleute in so großer Zahl für so lange Zeit an einen Ort, also doch in einen irgendwie gemeinschaftsstiftenden Zusammenhang zu bringen. Man stelle sich vor, Parteien (und seien es alle zusammen), Gewerkschaften oder Interessenverbände versuchten sich daran - sie würden fürchterlich scheitern.
Wer also einmal eine politikwissenschaftliche Arbeit über die Integrationsagenturen unserer Gesellschaft schreiben wollte, käme an einem langen Kapitel über die evangelischen Kirchentage gar nicht vorbei. Er müsste freilich auch darüber nachdenken, weshalb das Kapitel über die Parallelaktion der Katholikentage so viel kürzer ausfiele. Ganz ohne konfessionalistischen Triumphalismus bleibt nämlich festzustellen, dass diese Zweijahresmessen des deutschen Protestantismus in der Regel doppelt so viele Besucher anziehen, wie das katholische Pendant; auch wenn (und gerade weil) bis zu einem Viertel (oder gar ein Drittel) der Besucher der evangelischen Kirchentage Katholiken sind."
Daraus ergeben sich einige Fragen: Was macht den evangelischen Kirchentag attraktiver als den Katholikentag? Ist der evangelische Kirchentag in seiner Vielfalt umfassender und damit katholischer als der Katholikentag? Ist die evangelische Freiheit offener hinsichtlich der Zulassung innerkirchlicher Glaubensrichtungen und damit realistischer und lebensnäher als die mehr hierarchisch gesteuerte katholische Geschlossenheit auf den Katholikentag? Warum hat die römisch kath. Amtskirche soviel Angst vor Vielfalt, die von manchen Amtsträgern als "Beliebigkeit" beargwöhnt wird?
Über die Themenschwerpunkte des Kirchentags wurde und wird an anderer Stelle ausführlich berichtet. Ich möchte mich auf einige persönliche Eindrücke beschränken.
Die Atmosphäre
Als Berufspendler, der die tägliche Atmosphäre in Frankfurt auf dem Weg zur Arbeit erlebt, konnte ich folgendes beobachten: Während des Kirchentags ging es in der Stadt weniger hektisch und weniger verbissen zu. Die Stimmung in der Stadt wirkte gelöster und freundlicher. Die positive Ausstrahlung der Veranstaltung war in der ganz Frankfurt zu spüren.
Teilnahme von vielen Jugendliche
Es fiel auf, daß sehr viele Jugendliche den Kirchentag besuchten. Neben inhaltlichen und religiösen Interessen zog die Jugendlichen sicher auch das Gemeinschaftserlebnis, die "Events", die Feste und Konzerte an. Dies ist ganz natürlich und normal. So lockte mich in meiner Studienzeit an der Chartres Wallfahrt auch die Möglichkeit, einige Tage in Paris verbringen zu können.
Das Feierabendmahl
Die Auseinandersetzung zwischen kath. Kirche und Kirchentagsmachern um das Feierabendmahl wurden, so meine Beobachtungen, von kirchlich Distanzierten Frankfurt ist weitgehend säkularisiert - aber auch von vielen evangelischen Christen und Katholiken in Frankfurt nicht verstanden. Einen positiven Aspekt hatte die Auseinandersetzung schon: Das Abendmahl war Thema in U-Bahnen und Betriebskantinen, Orte an denen sonst in der Regel wenig oder gar nicht über Religion gesprochen wird.
Das Feierabendmahl wurde, wie aus Pressemeldungen hervorgeht, in der unterschiedlichsten Formen gefeiert. So sei z.B. in Frankfurt Höchst das Feierabendmahl in einer Kirche in der vom Kirchentag vorgeschlagenen Fassung und Form gefeiert worden. Selbst habe ich das Feierabendmahl in einer ev. Gemeinde in Hanau erlebt. Dort wurde von Jugendlichen mit großem Engagement in ansprechender Form für die Gemeinde ein Gottesdienst gestaltet. Es wurden, bei abgekürztem Ritus die üblichen Einsetzungsworte der ev. Liturgie verwendet. Anschließend ging es in ein benachbartes Stadtteilzentrum zum gemeinsamen Abendessen in angenehmer Atmosphäre und mit vielen anregenden Gesprächen.
Natürlich kann die evangelische Kirche und die katholische Kirche in ihrem jeweils eigenen Bereichen tun, was sie für richtig halten. Ob aber die römische Ratzinger Verlautbarung, die den Protestanten das Kirchesein abspricht und die für den Kirchentag entwickelten Liturgietexte für das Feierabendmal hilfreich auf dem Weg zu einer gemeinsamen Eucharistiefeier auf dem ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin waren, darf ernstlich bezweifelt werden. Auf beiden Seiten gibt es offensichtlich starke Kräfte, denen anderes wichtiger ist, als Fortschritte in der Ökumene.
Ausblicke auf den Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin
Auf dem Hintergrund der Kirchentagstexte für das Feierabendmahl kann davon ausgegangen werden, daß von amtlicher katholischer Seite auf die Forderung nach einer gemeinsamen Eucharistiefeier mit großer Zurückhaltung reagiert werden wird. Um Enttäuschungen zu vermeiden bedarf es im Vorfeld des ökumenischen Kirchentags noch vieler intensiver Gespräche, der Abklärung gegenseitiger Erwartungen und Vorstellungen und klarer Worte. Hilfreich wären auch in beiden Kirchen eine intensive Diskussionen über die theologischen Ursprünge von Abendmahl und Eucharistie. Neben notwendigen theologischen Streitfragen und der Suche nach Wahrheit geht es meiner Einschätzung nach auch um Ängste und Machtinteressen auf beiden Seiten. Es ist sicher sinnvoll, sich auch diesen Phänomenen offen zu stellen.
Möglicherweise wird es einen zweigeteilten ökumenischen Kirchentag in Berlin geben: ein freundlich, unverbindliches nebeneinander auf einem Kirchentag oben, auf der Hierarchieebene, und eine Verschwisterung an der Basis. Gerade weil es verboten sein wird ist damit zu rechnen, daß es erneut zu Interzelebration und Interkommunion kommen wird. Ob diese in einer Euphorie erlebte Verschwisterung im Alltag in den Gemeinden, z.B. im Bistum Fulda, auch im liturgischen Rahmen Bestand haben wird, sei dahingestellt. Es kann davon ausgegangen werden, daß an der Basis, gerade auch bei konfessionsverschiedenen Paaren, die noch religiöse Bindungen haben, aus dem Gewissen heraus eigene Wege eingeschlagen werden, unabhängig davon, wie Kirchenleitungen sich entscheiden.
Der ökumenische Kirchentag bietet die Chance eines vertieften Kennenlernens der unterschiedlichen Strömungen und Traditionen in beiden Kirche. Diese reichen z.B. von der Wortverkündigung bis zum Weihrauch (Ritus), von der Schönstadtfamilie zu den schwäbischen Pietisten und von dem jeweiligen innerkonfessionellen Spannungsbögen wie z.B. auf katholischer Seite von Opus Dei bis zu "Wir sind Kirche". Vom dem auf den evangelischen Kirchentagen praktiziertem gegenseitiges Tragen, Ertragen und Tolerieren kann die römisch katholische Kirche sicher noch einiges lernen. Auch wird auf dem ökumenischen Kirchentag der theologische Diskurs und Stellungnahmen zu gesellschaftlich relevanten Fragen sicher nicht zu kurz kommen.
Der ökumenische Kirchentag in Berlin wird sicher ein spannendes Experiment werden. Ich habe vor, mir dieses Experiment nicht entgehen zu lassen.
PS: Zum Thema Ökumene verweisen wir auch in unserer Webseite auf den Artikel unter: Themen, Thesen, Texte Ökumene
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