EU Beitritt der Türkei – Pro und Contra

 

Reifeprüfung

Die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei wird auf drei Schlachtfeldern geführt: Kultur, Außen- und Europapolitik. Dies sind die wichtigsten Argumente von Gegnern und Befürwortern der Verhandlungen mit Ankara.

 

Pro: Die Türkei ist seit der Eroberung von Byzanz eine europäische Großmacht. Auf ihrem Boden fand ein wichtiger Teil der antiken und jüdisch- christlichen Geschichte Europas statt. Contra: Die Türkei hat Antike und Aufklarung verpasst. Ihr Vorläufer, das Osmanische Reich, hat 1683 Wien belagert. Sie ist kein Teil Europas.

Contra: Mit der Türkei islamisiert sich Europa.

Pro: Die EU ist die beste Versicherung gegen möglichen Islamismus der Türken, egal, wo sie leben.

Pro: Ankara bietet eine strategische Stärkung der EU-Augenpolitik in der wichtigsten Weltregion, dem Nahen Osten. Zugleich sichert sich Europa Zugang zu den dortigen Rohstoffreserven.

Contra: Damit würde die EU alle Sicherheitsprobleme der Türkei übernehmen.

Contra: Wenn die Türkei eintritt, dann melden sich bald Marokko, die Ukraine und Israel.

Pro: Dafür gibt es keinen Anlass, denn die Türkei war im Gegensatz zu diesen Ländern schon seit 1963 mit der EWG assoziiert.

Contra: Mit dem Beitritt werden türkische Einwanderer die EU überschwemmen.

Pro: Durch den Beitritt werden die Hauptgründe für Emigration gebannt. Außerdem wird es Freizügigkeit für Türken erst nach langen Übergangsfristen geben.

Contra: Die Türkei würde die EU als bevölkerungsreichstes Land in 20 Jahren dominieren.

Pro: In einer erweiterten EU verlieren große Länder an Bedeutung (siehe heute Deutschland).

Pro: Die türkische Wirtschaft ist in den letzten drei Jahren dreimal so schnell wie die EU-Ökonomie gewachsen, sie ist ein flexibler Partner mit junger Bevölkerung. Contra: Der türkische Osten ist rückständig. Das Pro-Kopf-Einkommen des Landes liegt derzeit bei einem Viertel des EU-Durchschnitts.

Contra: Die EU ist nicht bereit für eine Aufnahme der Türkei. Ihr Beitritt würde den Agrarmarkt und die EU-Kohäsionsfonds sprengen. Die EU könnte zur Freihandelzone verkommen.

Pro: Die Beitrittsverhandlungen von 10 bis 15 Jahren sind für Brüssel und Ankara Reformanreize, um global wettbewerbsfähig zu bleiben. Das Ende der ineffektiven EU-Agrar- und Kohäsionsfonds wäre da nur wünschenswert.

Pro: Die Türkei hat in enormem Tempo grundlegende Reformen verabschiedet, welche Politik und Gesellschaft verändern. Zurückdrängung der Militärs aus der Politik, völlige Gleichstellung der Frau, Minderheitenrechte, bürgerliche Freiheitsrechte, Abschaffung der Staatssicherheitsgerichte, Strafrechtsreform.

Contra: Die Reformen in der Türkei werden schleppend umgesetzt. Es gibt noch Defizite bei der Achtung der Menschenrechte durch die Polizei.

MICHAEL THUMANN

 

 Nach: DIE ZEIT, 30.9.04, S. 3