VON WOLFGANG WAGNER
Vier minus reicht. Auf diesen Kern verdichtet der Kabarettist Jürgen Becker den rheinischen Katholizismus. So leben, dass man gerade noch so reinkommt in den Himmel. Mehr muss gar nicht sein. Da kann man als frommer und kirchentreuer Mensch auch mal den Papst einen guten Mann sein lassen.
Die humoristische Botschaft hat einen ernsten Kern: In bestimmten Lebensfragen hat sich der gemeine Katholik in Deutschland und den meisten Ländern Europas längst von den Lehren der Kirche und des Papstes verabschiedet. Am augenfälligsten ist dies bei der Sexualmoral: Kein Kondom, keine Pille benutzen, weil Benedikt das sagt? Für die meisten Katholiken ist das eine absurde Vorstellung. Beichten muss das keiner. Auch für Katholiken ist das eigene Gewissen die letzte Instanz für Entscheidungen.
Das sehen auch afrikanische Kirchenmitglieder so. In den Ländern mit Millionen HIV-Infizierten ist diese Gewissensentscheidung zugleich eine Entscheidung über Leben und Tod. Deshalb verteilen dort Priester auch Kondome. Man könnte die Absage des Papstes an geschützten Sex abtun als die alte Leier, die bei den meisten ins eine Ohr rein- und aus dem anderen wieder rausgeht. Was man halt so sagt, wenn man Papst ist.
Und trotzdem sind die Worte von Benedikt XVI. zu Beginn seiner Afrikareise fatal: Das Verteilen und Benutzen von Kondomen verschlimmere das Problem, sagt er. Einen Kontinent, der so geprägt ist von der dort oft tödlichen Krankheit, vom Leid der Aids-Waisen, vom verzweifelten Kampf ums Überleben, vom Mangel an Medikamenten, so zu begrüßen, ist ein Skandal. Im Grunde macht Benedikt damit all die tausenden Helfer, die sich in Afrika um Aufklärung bemühen, für die Ausbreitung der Krankheit mitverantwortlich. Die Lebensretter als Todesengel, das ist die rohe Botschaft von Joseph Ratzinger.
Dabei ist er derjenige, der unverantwortlich handelt. Zwar weiß keiner, wie viele Menschen sich in Afrika von den Worten des Papstes abhalten lassen, ein Kondom zu benutzen. Womöglich sind es nicht mehr als in Europa. Aber Benedikts Botschaft erschwert den Kampf gegen Aids, er behindert Aufklärung auf einem Kontinent, in dem sogar manche Politiker meinen, sich der Viren unter der Dusche entledigen zu können. Frauen werden es noch schwerer haben, beim Sex auf Kondomen zu bestehen. Der Heilige Vater liefert den Vorwand.
Natürlich löst die Benutzung von Kondomen nicht das Aids-Problem Afrikas. Aber es ist ein zentraler Bestandteil des Kampfes gegen die Seuche. Dass der Vatikan immer nur stur sexuelle Enthaltsamkeit predigt, zeugt von erschreckender Ignoranz. Sexuell aktive Aids-Kranke müssen sich und andere schützen, diese klare Botschaft des - katholischen! - Hamburger Weihbischofs Jaschke ist leider nur in Deutschland zu hören. Der Papst hätte sie in Afrika sagen sollen - oder besser ganz den Mund gehalten.
Es ist
sehr unwahrscheinlich, aber vielleicht beeindruckt Benedikt ja das Leid der
Aids-Kranken, vielleicht bringt ihn das zum Nachdenken. Es ist auch für einen
Papst nicht ganz ausgeschlossen, mal auf seine Schäfchen zu hören. Bis dahin
kann die Botschaft nur lauten: Hört nicht auf ihn! Kondome schützen.
Frankfurter Rundschau, 19.3.09, S. 12