Die Tyrannei des freien Marktes

Internationale Regeln müssen die Globalisierung zähmen

Von Sven Giegold

Eine ökonomisch dominierte Globalisierung und die Realisierung der Menschenrechte

schließen sich aus. Globalisierung heute bedeutet, die Freiheit der Märkte für Waren,

Dienstleistung und Kapital international zu öffnen. Gerechtfertigt wird dies mit der

neoliberalen Annahme, dass offene, nur minimal regulierte Märkte Wohlstand für alle schaffen.

 

Diese Annahme ist jedoch falsch. Schwach regulierte Märkte sind kein Garant für einen

wohlverstandenen "Wohlstand für alle". Wichtige Dimensionen von Wohlstand wie

gleichmäßige Verteilung von Vermögen, Chancen und Einkommen, Schutz der Natur,

soziale Sicherheit, eine stabile, möglichst wenig krisenhafte Wirtschaftsentwicklung,

VerbraucherInnenschutz, usw. können von Märkten nicht aus sich heraus erreicht werden.

Ohne einen strengen sozial-ökologischen Regulierungsrahmen werden Märkte vielmehr

tyrannisch. Wohlstand für die einen bedeutet dann Armut für andere. So verursacht

materieller Reichtum einer Minderheit heute die Zerstörung der Lebensgrundlagen in

den Ländern des Südens und zukünftiger Generationen. Hinzu kommt, dass von

Märkten eröffnete Chancen etwas grundlegend anderes sind, als die Zusicherungen

von universellen, unteilbaren Menschenrechten.

 

Zuständig für sozial-ökologische Rechte und die Regulierung sind nach wie vor die

Nationalstaaten. Die internationalen Vereinbarungen zur Realisierung der wirtschaftlichen

und sozialen Menschenrechte sind dagegen schwach. Die wichtigsten Staaten haben

die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, den Pakt über wirtschaftliche, soziale

und kulturelle Rechte und die einschlägigen Vereinbarungen der Internationalen

Arbeitsorganisation unterschrieben. Ob die Nationalstaaten die dort vereinbarten Rechte

tatsächlich gewähren, ist jedoch weder garantiert noch einklagbar. Dagegen sind die

Verpflichtungen zur Öffnung der Märkte im Rahmen der Welthandelsorganisation,

des internationalen Währungsfonds oder auch der europäischen Union sanktionsbewehrt.

Diese Asymmetrie der Verpflichtungen hat dazu geführt, dass die Nicht-Realisierung

sozialer und wirtschaftlicher Menschenrechte zum Instrument der Steigerung der

internationalen Wettbewerbsfähigkeit geworden ist. International vereinbarte Rechte

wie auf freien Zugang zu Bildung, den besten erreichbaren Gesundheitszustand, soziale

Sicherheit, Arbeit, angemessene Entlohnung und angemessenen Lebensstandard werden

im Rahmen des neoliberalen Umbaus der Sozialstaaten immer schlechter realisiert. In

den Schwellenländern ist fragwürdig, ob diese Rechte im bestehenden internationalen

Umfeld jemals umgesetzt werden können.

 

Die logische Konsequenz dieser Überlegungen ist, dass die sozialen und ökologischen

Rechte und Regulierungen zügig internationalisiert werden müssen. Nur so kann

verhindert werden, dass die positiven Seiten der Globalisierung aus Unzufriedenheit

über den Abbau sozialer, ökologischer und demokratischer Rechte aufgegeben werden.

Der Abbau wirtschaftlicher und sozialer Menschenrechte gefährdet letztlich auch die

reale Ausübung der bürgerlichen und politischen Menschenrechte. Die sinkenden

Wahlbeteiligungen, die Zunahme von Rassismus und die Erfolge rechtsextremer Parteien

sprechen eine deutliche Sprache. Deutlich genug für die Profiteure der neoliberalen

Globalisierung?

 

Frankfurter Rundschau, 14.10.06, S. 8

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/meinung/standpunkte_aus_der_zeitung/?em_cnt=989113&sid=98ef61351198c5c541b6c26cf5baa9b0