Die Kirche ist mutlos geworden
Beim Katholikentag in Ulm finden die zentralen innenpolitischen Diskussionen
nur am Rande statt

Sehr politisch klingt es nicht, das offizielle Lied zum Katholikentag.
Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. "Gott ist die Kraft, Gott ist das
Leben. Er beschloss, es uns zu geben." Trällali Trällala. Aber ganz so ist
es nicht. Das ist durchaus politisch gemeint. Es soll noch einmal
mobilisieren gegen Gentechnik, aber auch gegen Abtreibung,
Schwangerschaftsverhütung und dergleichen mehr. Zugleich ist es aber auch
der Versuch, sich den innenpolitischen Diskussionen zu verschließen. Die
finden nur wenig Raum im Programm.

Heiner Geißler, früherer CDU-Generalsekretär, kritisiert das Programm hart:
"An den zentralen Problemen geht der Katholikentag vorbei", sagt er der
Frankfurter Rundschau. Die Konzentration der katholischen Kirche auf die
Probleme der Sexualmoral im weitesten Sinn setze sich fort. Statt über
"Menschenrechte von Vierzellern in der Petrischale" zu diskutieren, fordert
Geißler, solle sich die Kirche auf "die zentrale Botschaft Jesu" besinnen.
"Dass man einsteht für den, der in Not ist." Dass dies nicht geschehe, weder
beim letzten Sozialwort der Kirchen noch beim Katholikentag, ist für ihn
eine "totale Missachtung des Evangeliums". Er sieht die Kirchen im
"Schlepptau neoliberaler Meinungsmacher".

Dass auch auf dem Laientreffen der deutschen Katholiken ein "Aufschrei"
gegen die Entsolidarisierung fehlen wird, dass beide Kirchen nicht die Kraft
aufbringen, die Diskussion über Wirtschaft und Sozialstaat mit eigenen
Impulsen zu beleben, darin sieht der Autor des Buches "Was würde Jesus heute
sagen" das Hauptversagen der Kirchen. "Die Kirche müsste heute den geistigen
Boden bereiten für eine globale soziale Marktwirtschaft, wie sie auch in den
50er Jahren die Diskussion vorangetrieben hat."

Doch Hoffnung, dass dies geschieht, hat der Sozialpolitiker kaum. "Im Ganzen
gesehen ist das, was in der Kirche geschieht, eine Inzucht des Denkens. Die
Kirche flüchtet sich in eine Intimität der Gleichgesinnten, beschränkt sich
auf das Frommsein, auf die Vorbereitung des glaubenden Menschen auf den
Himmel." Eine Kirche, die ohne etwas zu sagen, hinnehme, dass tausende
Menschen arbeitslos werden, zugleich aber Managergehälter und Aktienkurse
nach oben schnellen, verliere zu Recht das Vertrauen der Menschen.

Tatsächlich verwundert es, dass sich der Katholikentag schon mit dem Motto
"Leben aus Gottes Kraft" auf die römische Linie begibt, die Fragen der
Weitergabe des Lebens zum Hauptthema zu machen. Hier tut sich die Kirche
offenbar leichter, mit Rückenwind aus Rom, gegen einen Mainstream
anzuschwimmen. Aus der Diskussion um Markt und Staat ist sie, spätestens
seit dem letzten, fade geratenen, Sozialwort verschwunden. Das
Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Organisation der Laien und
Ausrichter des Treffens, findet nicht den Mut, diese Lücke zu schließen.

So mutlos die Kirche innenpolitisch agiert, so sehr ist sie allerdings in
Sachen weltweiter Armutsbekämpfung anerkannt. Die SPD-Politikerin Heidemarie
Wieczorek-Zeul, wie Geißler auf Podien des Katholikentags präsent, erhofft
sich vom Katholikentag "ein starkes Signal an gesellschaftlicher
Solidarität". Die Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit, die beim
Kampf um den Schuldenerlass für die ärmsten Länder die Kirchen an ihrer
Seite hatte, sagt: "In unserer Arbeit gibt es enge Berührungspunkte. Die
Kirchen sind wichtig für die Stärkung und Eigenverantwortung der Armen, sie
sind als lokale ,Player' vor Ort sehr engagiert. Die katholische Kirche
insgesamt ist als Global Player in der Armutsbekämpfung ein wichtiger
Partner."

Die katholische Kirche in Deutschland steckt in einem Dilemma. Das wird sich
auch auf dem Katholikentag zeigen. Die Weltkirche mit dem Papst an der
Spitze hat sich als Kritikerin neoliberaler Verwerfungen Rang und Namen
erarbeitet. "Das Eintreten des Papstes gegen den Irak-Krieg hat sehr zum
Ansehen der katholischen Kirche beigetragen", sagt Wieczorek-Zeul. In der
gesellschaftlichen Diskussion in Deutschland sind Bischöfe und Laien
hingegen kaum wahrnehmbar. Seit dem Desaster um die gesetzliche
Schwangerenberatung, dem letzten großen, auch riskanten politischen Projekt
der deutschen Kirche, ist sie mutlos geworden.

Die katholischen Laien haben es schwer. Die Zahl der Mitglieder und
Kirchgänger sinkt kontinuierlich. Der Wille, dem Papst und den Bischöfen
Reformen abzutrotzen, den Zölibat abzuschaffen, das Priesteramt für Frauen
zu öffnen, ein ökumenisches Abendmahl zu erlauben, ist nach frustrierenden
Jahren der Vergeblichkeit vollends erlahmt. In der gesellschaftlichen
Diskussion schrammt die Kirche am Rand entlang, droht abzustürzen. Dem
Drängen konservativer Katholiken, sich aus der öffentlichen Debatte
herauszuziehen, setzen die Reformwilligen immer weniger Kraft entgegen. Die
Kirche ist immer weniger präsent, müsste es aber auf immer mehr Feldern
sein. Dazu kommt noch das diffuse Gefühl, in einer Konkurrenz mit dem
erstarkenden Islam zu stehen. Doch die Kräfte schwinden. Aber vielleicht
gelingt es dem Katholikentag, seine Kritiker zu überraschen. (MARKUS BRAUCK)

Aus: Frankfurter Rundschau, 16.06.2004
Quelle:
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/thema_des_tages/?cnt=454308


Wasser statt Brot
Die Verfechter der Ökumene in den Kirchen sind bescheiden geworden. Statt
sich im Streit über das getrennte Abendmahl zu entzweien, vergewissert man
sich der Gemeinsamkeiten.

Ein bewegender Moment für alle, die dabei waren, der sich leicht
abgeschwächt sogar via Fernsehübertragung vermittelte. Berlin, 1. Juni 2003,
gut 200 000 Menschen nahmen am Schlussgottesdienst des ersten ökumenischen
Kirchentags teil. Katholiken und Protestanten reichten einander in der
Wasserzeremonie das Gefäß, benetzten Hand oder Stirn ihrer Nachbarn mit dem
Segenszeichen, oben auf der Bühne die Bischöfe und Kirchentagspräsidenten,
unten vor dem Brandenburger Tor das Kirchenvolk. Und dann gingen sie
auseinander, um fürderhin wieder getrennt Katholiken- und evangelische
Kirchentage zu feiern. Wie in dieser Woche in Ulm.

Nie war ein Katholikentag so von Ökumene geprägt wie der bevorstehende,
sagen die Optimisten. Sie begründen diese Einschätzung mit dem hohen Anteil
von Protestanten unter den 23 000 Dauergästen und ihren Quartiergebern sowie
mit der Vielzahl von einschlägigen Veranstaltungen. Von der "Ökumene des
Lebens" wird Kardinal Walter Kasper, im Päpstlichen Rat für die Einheit der
Christen zuständig, in einem der Hauptvorträge künden. Drei Tage lang ist
das "ökumenische Begegnungszentrum" geöffnet. Den Gottesdienst am Freitag im
Münster gestalten römisch-katholische, griechisch-orthodoxe, lutherische und
methodistische Theologen. Nein, die gemeinsame Erfahrung von Berlin lässt
sich weder verdrängen noch verleugnen. Schon gar nicht in einer so
evangelisch geprägten Stadt wie Ulm, wo Ökumene schlicht praktiziert wird.
Als ihr Gotteshaus renoviert wurde, war die katholische Gemeinde St. Michael
zu den Wengen ein Jahr lang zu Gast im Münster, der seit der Reformation
protestantischen Stadtkirche.

Andererseits hat Berlin auch Trennendes offenbart, bei Abendmahl und
Amtsverständnis insbesondere. Der Theologie-Professor Gotthold Hasenhüttl
und der bayerische Priester Bernhard Kroll, die andersgläubige Christen zur
Eucharistie eingeladen hatten, wurden bald darauf suspendiert. Kardinal
Joachim Meisner, der Hardliner aus Köln, sorgte sich um die Substanz des
katholischen Glaubens und klagte, das Berliner Ereignis habe
"Desorientierung" und "Verwirrung" in die Gemeinden getragen. Was Hans
Joachim Meyer, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken,
prompt und harsch als "durch nichts belegte Behauptung" zurückwies: "Wir
lassen uns durch ökumenischen Missmut nicht beirren."

Unbeirrt und unentwegt beteuert Meyer seitdem, dass von einer "Eiszeit in
der Ökumene" keine Rede sein könne; unter diesem Titel veranstaltet die
Gruppe "Wir sind Kirche" in Ulm ein Treffen mit Hasenhüttl außerhalb des
offiziellen Programms. Der Jahreszeit angemessen erscheint das Klima dennoch
nicht. Unverkennbar bewegt sich der Trend vom offenen Dialog zur
Selbstvergewisserung im Glauben. Keineswegs nur auf katholischer Seite. Das
Fest zu 475 Jahren Reformation vorige Woche in Hamburg lief unter dem Motto
"entschieden evangelisch", was den katholischen Weihbischof Hans-Jochen
Jaschke grämte. Die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann empfahl zu
Pfingsten, Protestanten sollten nicht länger danach "lechzen, nun endlich
vom römischen Katholizismus oder der Orthodoxie als ,wahre Kirche' anerkannt
zu werden".

In solch heikler Stimmung wenden sich die Wortführer der Ökumene dem Vorrat
der Gemeinsamkeiten zu. Der erschöpft sich ja nicht in Bioethik, sozialem
Wort und (weithin erfolglosen) Aufrufen zur Europawahl. Rührt auch nicht
allein aus der Tatsache, dass die christlichen Religionsgemeinschaften in
Deutschland von den gleichen Plagen heimgesucht werden: Glaubenskrise,
Kirchenaustritte, Finanzsorgen. In der Not, und weil aus dem gemeinsamen
Mahl am Tisch des Herrn sowieso nichts wird in Ulm, predigen sie Wasser
statt Brot. Statt sich im Streit über Abendmahl und Eucharistie zu
entzweien, hat der damalige Generalsekretär des Weltkirchenrats Konrad
Raiser schon in Berlin geraten, sollte sie lieber die Taufe als Symbol
christlicher Einheit hervorheben. Eine immerhin allseits anerkannte
Institution: Auch wer die Konfession wechselt, muss nicht neu getauft
werden. Kardinal Kasper, der die Trennung der Kirchen auch schon mal als
"Sünde" und "gegen den Willen Jesu" bezeichnet hat, sieht im Taufwasser "das
Grundelement der Geschwisterlichkeit unter allen Christen". Und dass Wasser
wichtiger ist als Brot, wissen alle, die da dürsten, ob nach der Wahrheit
Gottes oder ganz profan. (ASTRID HÖLSCHER)

Aus: Frankfurter Rundschau, 16.06.2004
Quelle:
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/thema_des_tages/?cnt=454306