Diakonie als Lohndrücker
Evangelische Lohndrücker
VON ANDREAS KRAFT
Ein bisschen nach Erpressung klingt es schon: 580 Altenpfleger in Hannover müssen sich entscheiden, ob sie künftig 200 bis 300 Euro weniger im Monat verdienen oder ob sie ihren Arbeitsplatz aufgeben wollen. Die fünf Altenheime der katholischen Caritas halten der privaten Konkurrenz offenbar nicht stand; seit bald einem Jahr droht die Insolvenz.
Die womöglich letzte Rettung kommt jetzt aus Berlin, doch die Retter sind knallhart und evangelisch: Das Johannisstift Berlin will die Heime nur übernehmen, wenn die Beschäftigten auf den bislang gültigen Tarif verzichten.
Der Aufsichtsratschef der Lohndrücker ist gleichzeitig auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland: Wolfgang Huber. "Ich rate jedem, die neuen Verträge nicht zu unterschreiben", sagte die Verdi-Sekretärin vor Ort, Brigitte Horn, der FR. Das diakonische Johannisstift, das seinen in Berlin gültigen Tarif mitbringen will, sieht das anders. Nur so könne man die Häuser sanieren, sagt Wolfgang Kern, Pressesprecher des Stifts der FR.
Doch in den niedersächsischen Altenheimen der evangelischen Kirche wird sonst deutlich mehr bezahlt. Die Altenpfleger der Caritas in Hannover müssten im Schnitt auf 13 Prozent Gehalt verzichten. Das Berliner Stift verspreche sich Synergien von der Fusion, so Kern. Dem Kostendruck könne man nur begegnen, indem man größer werde.
Verdi macht schon länger gegen die Diakonie mobil, im September soll es einen bundesweiten Streik geben. Das Ziel: Die Kirche soll Altenpfleger ähnlich gut bezahlen wie der Staat. Eine Altenpflegerin im staatlichen Heim bekommt nach zehn Berufsjahren knapp 2600 Euro brutto, bei der Diakonie nur 2200 Euro. Dies sei nicht hinnehmbar, sagte Niko Stumpfögger, zuständiger Verdi-Bereichsleiter, der FR. Die Diakonie missbrauche ihre Sonderstellung als kirchliche Einrichtung. Dort gilt ein anderes Arbeitsrecht - Streiks gibt es eigentlich nicht.
Doch Kritik an Huber kommt auch von seiner Kollegin Margot Käßmann. Im Streit um die Caritas-Heime sagte die niedersächsische Landesbischöfin: "Wenn wir als Diakonie schon die Löhne drücken, dann wird es für uns immer schwieriger zu argumentieren." Etwa bei den Verhandlungen über Mindestlöhne. Verdi fordert deutlich mehr als 7,50 Euro die Stunde. Das Johannisstift zahlt mindestens 10,50 Euro. Das soll auch in Hannover gelten - vorausgesetzt die Beschäftigten lassen sich auf die kleine Erpressung ein.
17.7.09
Frankfurter Rundschau, 17.7.09, S. 6
Quelle: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1839043&