Der Papst in Bayern – ein Resümee

 

Kommentar zum Papst-Besuch

Abschied des geduldigen Hirten

VON ASTRID HÖLSCHER

Sechs Tage Papst in Deutschland haben die Republik nicht verändert. Das mögen viele beklagen,

die mit den diversen Erstarrungen ihrer Kirche hadern. Ein Aufbruch der Verkrustungen aber war

weder beabsichtigt noch zu erwarten. Nicht einmal von guten kritischen Katholiken, die stets eher

als Protestanten geneigt sind, auf Wunder zu vertrauen. Ihrer Enttäuschung ging im Wortsinn eine

(Selbst-)Täuschung voraus.

 

Was bleibt, ist Bestärkung. Fast eine Million Menschen hat in Messen und persönlichen Begegnungen

ein Fest des Glaubens erlebt, tiefer und inniger, als die Fernsehbilder von Fähnchen schwingenden Fans

am Straßenrand erahnen lassen. Sie haben sich selbst als fröhlich betende Gemeinschaft erfahren in einer

Gesellschaft, die das Bekenntnis zu Gott gemeinhin als eine etwas peinliche Privatsache betrachtet. Die

ins stille Kämmerlein gehört und nicht in den öffentlichen Diskurs. Halleluja zur besten Sendezeit, das

erregt Anstoß in jeder Beziehung. Ärgernis für die einen, Sinnstiftung für die Gläubigen, auch über

konfessionelle Grenzen hinweg.

 

Selbstvergewisserung und Bestärkung im Glauben hätte noch jeder Papst bewirkt. Diesen intellektuellen

Hirten Benedikt XVI. zeichnet aus, dass er Gottesdienst und Vernunft, Volksfrömmigkeit und theologische

Gelehrsamkeit zusammenführt zu einer Einheit. Seine Impulse weisen über den Moment der Feier hinaus.

Wenn er etwa in München über die notwendige Achtung vor dem Glauben anderer spricht und zwei

Tage später in Regensburg die Grenzen der Toleranz scharf markiert. Sie endet am "Schwert Mohammeds",

 am "heiligen Krieg" des Islam, am Versuch, religiöse Überzeugungen durch Gewalt zu verbreiten. Bei

diesem Thema kann die katholische Kirche ja wirklich mitreden. Von der unheilvollen eigenen Kreuzzugs-

Geschichte indes schweigt der Papst, der als Joseph Ratzinger immerhin die Glaubenskongregation

geleitet hat, die vordem Inquisition hieß.

 

Wie überhaupt das Schweigen des Papstes Bände füllen könnte. Kein Wort zu Zölibat oder Frauenordination,

kein Zoll Bewegung in Sachen Homosexualität oder Geburtenkontrolle. Den bitteren Konflikt im Bistum

Regensburg, wo Bischof Gerhard Ludwig Müller die Laienräte einfach vor die Tür gesetzt hat, ignoriert

Benedikt ebenso wie das Reformverlangen des unruhigen Kirchenvolks. Nicht, dass dieser konservative

Papst jeglicher Veränderung abhold wäre. Aber er streitet eben vornehmlich wider die Gottlosigkeit der

westlichen Welt, nicht wider die Weltfremdheit der katholischen Kirche. Und er betet für die Annäherung

der Konfessionen, wo er doch die Macht haben sollte, für die Ökumene zu handeln.

 

Sechs Tage lang ist Benedikt von den bayerischen Katholiken gefeiert worden. Als "einer von uns" und

als gütiger Hirte mit klaren, festen Maßstäben. Vor einem Jahr beim Weltjugendtag in Köln erfuhr er noch

eine geborgte Zuwendung der Menschen; Johannes Paul II. hatte den Termin zugesagt, und die

"Benedetto"-Begeisterung galt eher dem Nachfolger als der Person. Anders die Verehrung, die er in

Bayern erlebt hat, die nichts übrig ließ von jener Skepsis gegen den gelehrten Hardliner, die ihm nach

der Wahl zum Papst noch entgegenstieß. Auch die jetzt Enttäuschten hoffen ja weiter. Um die Kirche

zu bewegen, so wissen sie, bedarf es gerade eines solch klugen Konservativen. Und der Geduld.

Jahrhunderte der Verkrustung und der Kirchenspaltung lassen sich nicht in sechs Tagen aufbrechen.

 

Frankfurter Rundschau, 14.9.06, S. 3

 

Quelle. http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/meinung/kommentare_aus_der_zeitung/?em_cnt=968517&sid=04ea522f1a51c58f1ff257deed50ad37