Der Glaube im Fuldaer Land - Die Gleichgültigkeit wächst?
Ein Brief der Pfarrgemeinde Rückers an die Eltern der 18 Kommunionkinder
sorgte für großen Wirbel
Von
unserem Redaktionsmitglied
Hartmut Zimmermann
Flieden-Rückers
Der Gang zur Erstkommunion, die Teilnahme an der Konfirmation reduziert auf
einen
Festtag mit aufwendiger Feier und reichlich Geschenken? Statt Eintritt ins kirchliche
Leben eher ein „Event“? In mancher Gemeinde gewinnen die Verantwortlichen, die Kinder
und Jugendliche auf ihrem Weg zu diesen Festen begleiten, den Eindruck, dass die
Bereitschaft, sich inhaltlich mit Fragen des Glaubens
auseinander zu setzen, drastisch sinkt.
Desinteresse führt jedoch nicht zu Teilnahmslosigkeit: Disziplinprobleme sind
vielen,
die als Tischmütter oder Unterrichtende mit den Kindern zu tun haben, nicht fremd.
Die Möglichkeiten zu reagieren sind unterschiedlich: Entweder: Ein Minimum an guten
Erfahrungen und religiösem Wissen für alle und dabei um der Breite willen die Tiefe
vernachlässigen. Oder: Konzentration auf die Interessierten und die anderen irgendwie
mitlaufen lassen.
Auch die Rückerser Pfarrgemeinde Mariä Himmelfahrt blieb vor diesem Problem
nicht
verschont, reagierte aber auf ungewöhnliche Weise: Pfarrer Klaus Peter Jung wandte
sich in einem mit den Tischmüttern abgestimmten Brief an die Eltern der Kommunionkinde
r und sprach darin an, was er, aber auch Tischmütter und Pfarrgemeinderat als Problem
ansehen: Die mangelhafte Beteiligung einiger Eltern beim
Begleiten der Kinder auf dem Weg zur
Erstkommunion. Auch die dürftige Teilnahme der Kinder an Schülergottesdiensten
und das
Betragen mancher gegenüber den Tischmüttern und beim Kirchgang kamen zur Sprache:
„Das Verhalten der Kinder in den Gottesdiensten ist so, dass ich Hemmung und Bedenken
habe, vor der Gemeinde den Erstkommunion-Gottesdienst zu feiern“ schrieb Jung. Nach
einer Woche Bedenkzeit sei Gelegenheit, die Kinder erneut zur Vorbereitung anzumelden.
Der Brief sei rasch nicht nur unter den Familien der 18 Kommunionkinder Thema
gewesen,
berichtete Karl-Heinz Höflich, Mitglied des Pfarrgemeinderates, in einem Gespräch mit
unserer Zeitung. Offenbar hatte das Schreiben nicht nur Freude ausgelöst, so dass jemand
eine Kopie an unsere Redaktion schickte. Insgesamt, so unterstreichen Tischmütter und
Pfarrer, sei jedoch die Reaktion der Eltern durchaus positiv
gewesen. Offenbar plagte manche
auch das schlechte Gewissen: „Einige fühlten sich angesprochen, die gar nicht
so gemeint waren“,
berichtet eine Tischmutter. Wie es aussieht, wird die Gruppe die Vorbereitungszeit weitgehend
unverändert fortsetzen; lediglich zwei Kinder werden vermutlich auf Betreiben ihrer Eltern in
einer anderen Pfarrei am Kommunionunterricht teilnehmen. „Die Eltern haben klar gesagt,
dass sie durch unseren Wunsch, ihre Kinder intensiver zu begleiten und auch mit zum
Gottesdienst zu kommen, 'kontrolliert' fühlten. Ein Vater habe deutlich gemacht, dass
er 'am Sonntagmorgen andere Prioritäten' habe.“
“So ganz verstehe ich diese Haltung nicht“ sagt Bernd Stöhr, ebenfalls Mitglied
des
Pfarrgemeinderates: „Wenn einer bei Fußball nie zum Training kommt, dann kann er auch
nicht erwarten, dass er aufgestellt wird“. Auch eine der Tischmütter greift das Bild aus dem
Sport auf: „Wenn mein Kind sich in einem Verein engagiert und hat dann ein Spiel, dann
interessiere ich mich doch auch darf und begleite es“. Das
sei auch für die Vorbereitung zur
Erstkommunion wichtig. Man dürfe die Drittklässler da nicht alleine lassen.
Die Rückerser Gemeinde versucht, die Verbindung zu den Kindern und ihren
Familien schon
früher aufzubauen. Doch längst nicht jeder lasse sich davon ansprechen, weiß Karl-Heinz Höflich.
Es gehe weniger um die Auseinandersetzung mit diesem oder jenem Kind und seinen Eltern:
„Wogegen wir kämpfen, das ist die bei vielen wachsende Gleichgültigkeit“. Für Pfarrer Jung
wird in dieser Situation ein Modell interessant, in dem nicht ein ganzer Schuljahrgang zur
Erstkommunion oder Firmung geführt wird, sondern in dem der Weg zu diesem Sakrament
ein offenes Angebot ist: Ein Angebot, das man bewusst
annimmt oder eben ablehnt.
Ein Beitrag aus der Fuldaer Zeitung
vom 5. März 2004