Christsein  -  was heißt das?

 

20 Thesen von Hans Küng

 

 

Wer ist Christ?

 

1. Christ ist nur der, der seine Menschlichkeit, Gesell. schaftlichkeit und Religiositat von Christus her zu leben versucht. Ohne Umschweife: Christ ist also nicht einfach nur derienige Mensch, der human oder auch sozial oder gar religios zu leben versucht.

 

2. Das unterscheidend Christliche ist der Jesus selbst.

 

3. Christ sein bedeutet: In der Nachfolge Jesu Christi in der Welt von heute wahrhaft menschlich leben, handeln, leiden und sterben -in Glück und Unglück, Leben und Tod gehalten von Gott und hilfreich den Menschen.

 

 

Wer ist Christus?

 

4. Der Christus ist niemand anderes als der geschichtliche Jesus von Nazaret: Weder Priester noch politischer Revolutionär, weder asketischer Ordensmann noch frommer Moralist, ist er provokatorisch nach allen Seiten.

 

5. Jesus verkündigte keine theologische Theorie und kein neues Gesetz, auch nicht sich selbst, sondern das Reich Gottes: die Sache Gottes (= Wille Gottes}, die identisch ist mit der Sache des Menschen (= Wohl des Menschen) und sich durchsetzen wird.

 

6. Um des Wohles der Menschen willen relativierte Jesus faktisch geheiligte Institutionen und Traditionen: Gesetz und Kult.

 

7. Somit erhob Jesus den Anspruch, sowohl Sachwalter Gottes als auch der Menschen zu sein. Er forderte mit dem Einsatz seiner ganzen Person dafür Entschiedenheit heraus: nicht für ein Dogma oder Gesetz, sondern für seine befreiende Botschaft. Damit war die Frage nach seiner Person gestellt: Ist er ein Irrlehrer, Lügenprophet, Gotteslästerer, Volksverführer - oder?

 

8. Der Streit geht letztlich um Gott: Jesus beruft sich auf keinen neuen Gott, sondern auf den Gott Israels - allerdings neu verstanden, nämlich als Vater der Verlorenen, von ihm ganz persönlich als sein Vater angeredet.

 

9. Jesu gewaltsames Ende lag in der Logik dieser seiner Einstellung zu Gott und Mensch. Die gewaltsame Reaktion der Hüter von Gesetz, Recht und Moral auf seine gewaltlose Aktion: sein Kreuzestod. Was er damit erlitt, war Vollzug des Fluches des Gesetzes: Jesus als Stellvertreter der Gesetzesbrecher, der Sünder. Er starb in Menschen- und Gottverlassenheit zugleich.

 

10. Mit Jesu Tod war jedoch nicht alles aus. Der Glaube seiner Gemeinde ist: Der Gekreuzigte lebt für immer bei Gott - als Hoffnung für uns. Auferweckung meint keine Rückkehr ins raumzeitliche Leben, auch keine Fortsetzung des raumzeitlichen Lebens, sondern die Aufnahme in eine unfassbare und umfassende letzte und erste Wirklichkeit, die wir Gott nennen.

 

11. Der Glaube an die Auferweckung ist nicht Zusatz, sondern Radikalisierung des Gottesglaubens: des Glaubens an den Schöpfergott.

 

12. Ohne den Glauben an den Auferweckten fehlt dem Glauben an den Gekreuzigten die Bestätigung und Ermächtigung. Ohne den Glauben an das Kreuz fehlt dem Glauben an die Auferweckten die Unterschiedenheit und Entschiedenheit. Das letztlich Unterscheidende des Christentums ist Jesus Christus als Gekreuzigter.

 

13. Nur vom Glauben an diesen zum Leben erweckten Jesus her lässt sich die Entstehung der Kirche erklären: Kirche Jesu Christi als Gemeinschaft derer, die sich auf die Sache Jesu Christi eingelassen haben und diese als Hoffnung für alle Menschen bezeugen.

 

14. Der Unterschied zwischen »katholisch« und »evangelisch« liegt heute nicht mehr in einzelnen traditionellen Lehrdifferenzen, sondern in verschiedenen Grundhaltungen, die sich seit der Reformation und Gegenreformation ausbildeten, heute aber in ihrer jeweiligen Einseitigkeit überwunden und in eine wahre Ökumenizität integriert werden können.

 

15. Ökumenische Grundlage aller christlichen Kirchen ist das biblische Bekenntnis zu Jesus als dem Christus, als dem Maßgebenden für die Beziehungen des Menschen zu Gott und zu seinen Mitmenschen. Dieses Bekenntnis muss in jede neue Zeit hinein neu übersetzt werden.

 

 

Wer handelt Christlich?

 

16. Das Unterscheidende des christlichen Handelns ist die Nachfolge Christi. Jesus Christus ist in Person die lebendige, maßgebende Verkörperung seiner Sache: Verkörperung einer neuen Lebenseinstellung und eines neuen Lebensstiles. Als konkrete geschichtliche Person ist er fern von einem abstrakten Prinzip, einer allgemeinen Norm und einem gedanklichen System.

 

17. Jesus bedeutet für den Menschen von heute ein in vielen Weisen zu realisierendes Grundmodell einer Lebensschau und Lebenspraxis. Er ist in Person eine Einladung, ein Appell und eine Herausforderung. Und dies sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft. Er ermöglicht konkret eine neue Grundorientierung und Grundhaltung, neue Motivationen, Dispositionen, Aktionen, einen neuen Sinnhorizont und eine neue Zielbestimmung.

 

18. Auch für die Kirche muss Jesus in allem der Maßgebende bleiben. Glaubwürdig ist die Kirche nur dann, wenn sie in seiner Nachfolge den Weg geht als eine provisorische, dienende, schuldbewusste, entschiedene Kirche. Daraus müssen in jeder Zeit praktische Konsequenzen für die ständige innerkirchliche Reform und die ökumenische Verständigung abgeleitet werden.

 

19. Gerade in der Bewältigung des Negativen haben christlicher Glaube und nichtchristliche Humanismen ihre Nagelprobe zu bestehen. Für den Christen ist die volle Bewältigung des Negativen nur im Geiste der Kreuzesnachfolge sinnvoll. Kreuzesnachfolge heißt nicht kultische Anbetung, mystische Versenkung oder ethische Nachahmung. Sie meint die vielfältige praktische Entsprechung zum Kreuz Jesu, in der der Mensch in Freiheit seinen eigenen Lebens- und Leidensweg erkennen und zu gehen versucht. .

 

20. Bei aller Herausforderung zum Handeln wird es im Blick auf den gekreuzigten Jesus für den Menschen letztlich nicht auf seine Leistungen ankommen, sondern auf sein unbedingtes Vertrauen auf Gott im Guten wie im Bösen und als den letzten Sinn im Leben.

 

Nach:   Publik – Forum, 23.7.05, S. IV ff,

            Hans Küng, Christ sein, München 5, !974