Christenverfolgung in
islamischen Ländern
Frankfurter Rundschau: Der Afghane Abdul Rahman stand vor Gericht,
weil er vom Islam zum Christentum konvertiert ist. Von einer drohenden
Todesstrafe war die Rede. Ein Einzelfall, oder kennen Sie ähnliche Beispiele
von Christenverfolgung?
Rolf Koppe: In islamisch geprägten Ländern gibt es überall diesen
Konflikt. Einerseits sind die Menschenrechte, zu denen Religionsfreiheit
gehört, akzeptiert. Die religiösen Praxis aber ist sehr stark vom
traditionellen Rechtssystem geprägt, der Scharia.
Wie wirkt sich das praktisch aus?
Im Libanon etwa gilt das Milet-System aus osmanischer Zeit: Jede
Religionsgemeinschaft regelt ihre Sachen selber, der Staat hält sich da zurück.
Das ist meist begrenzt auf das Familienrecht, religiöse Instanzen sind für
Trauungen zuständig. Eine Mischform aus weltlichem und religiösem Recht
existiert in Iran und Ägypten. Die kennen noch die Todesstrafe beim Übertritt
vom Islam zum Christentum. In beiden Ländern ist die Todesstrafe nicht nur
angedroht, sondern früher auch vollzogen worden.
Gab es solche Urteile in jüngerer Zeit?
Im Norden Nigerias hatten wir 2002 den Fall einer Frau, die wegen Ehebruchs
angeklagt worden war und gesteinigt werden sollte. Das stand kurz vor der
Exekution und konnte durch internationale Intervention verhindert werden. Das
war der jüngste extreme Fall, der uns bekannt ist. Daneben gibt es sozusagen
Vorstufen, wo nicht weltliches Recht angewendet, aber religiöser Druck ausgeübt
wird. Die anglikanische Gemeinde in Iran ist fast erloschen, die Menschen sind
nach Europa ausgewandert. Das gleiche gilt in Iran für die assyrischen
Christen, dreißig Familien leben heute im Frankfurter Raum. Sie wurden nicht
direkt mit dem Tod bedroht, aber sie wurden verfolgt.
Eine düstere Alternative: entweder reumütig zum Islam zurückkehren oder das
Land verlassen. Wie können Christen dem entgegensteuern?
In diesen Ländern können die Christen öffentlich gar nichts bewirken, wenn sie nicht
von außen Unterstützung kriegen. Weil sie gar keine Öffentlichkeit bekommen.
Und wenn sie sich äußern, werden ihre Familien noch zusätzlich verfolgt.
Deshalb schweigen sie in der Regel und versuchen, auszuwandern oder nicht
aufzufallen.
Was können die Europäer tun?
Einen intensiven Rechtsstaatsdialog führen, so wie die Bundesrepublik ihn mit
China begonnen hat. Es gibt auch ganz gute Möglichkeiten über Stipendien.
Iraner studieren zum Beispiel in Freiburg am Max-Planck-Institut für
ausländisches und internationales Strafrecht. Indem wir die nächste
Juristengeneration ausbilden, unterstützen wir eine Wandel von innen her. Und
kommen so vielleicht auf eine vernünftige Rechtsbasis.
Aber was tun im akuten Fall?
Krisenintervention ist in jedem Fall nötig, damit die merken, dass sie damit
nicht durchkommen. Vielleicht hätte das Gericht in Afghanistan die Klage gegen
Rahman auch ohne die deutschen Proteste abgewiesen. Aber das ist nicht sicher.
Wie suchen sie Krisen vorzubeugen?
Da hilft nur eine Investition in Personen. Und die Begegnung auf politischer
und religiöser Ebene. Wir führen Gespräche mit Theologen und Politikern aus
Jordanien, aus Ägypten und Iran. Über unser jeweiliges Rechtsverständnis, über
Mehrheiten und Minderheiten. Ein Thema ist dabei immer das Verhältnis von Staat
und Religion.
Zu welchen Ergebnissen gelangen sie in diesen Dialogen?
Selten zu fassbaren. Man kann nur hoffen, dass das Ganze weiter wirkt. Ich hab
mich mal öffentlich über Suizidattentate gestritten, ob man die rechtfertigen
kann. Da wird von islamischer Seite mit der Scharia argumentiert, mit dem
"gerechten Krieg" oder dem "gerechten Ziel". Und wir sagen
nach langen Irrungen und Wirrungen: Das ist der falsche Weg, dass man das
rechtfertigt. Wir sollen andere Wege finden zu einem gerechten Frieden. Das
sind so Themen, die müssen ganz mühsam auch im kleinen Kreise verbreitet
werden.
Ohne Erfolgsgarantie.
Es gibt da keine gradlinige Entwicklung. Wir erleben auch Rückschläge. Leider.
Interview: Astrid Hölscher
Frankfurter Rundschau, 27.3.06, S. 6
Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/nachrichten/?cnt=834430&