Vor
einem Strafgericht im nordtürkischen Trabzon beginnt heute der Prozess um den
Mord an einem katholischen Priester Andrea Santoro, der im Februar vor seiner
Kirche erschossen worden war. Mutmaßlicher Hintergrund der Tat ist die in der
Türkei weit verbreitete Angst vor angeblichen christlichen Missionaren, die das
Land unterwandern wollten. Zwar versteht sich die Türkei offiziell als
säkulärer Staat, doch bis in die Regierung hinein reicht die Christenangst.
Schon
eine Broschüre, die in türkischer Sprache etwas über die Kirche oder das
Christentum erklärt, gilt hierzulande als etwas Kontroverses.
Christliche Literatur in türkischer Sprache habe in der Kirche in Trabzon
ausgelegen, entsetzte sich die türkische Presse nach dem Mord an Andrea
Santoro. Nicht, dass Mission in der Türkei gesetzlich verboten wäre - durchaus
nicht. Dass der Fund von türkischsprachigen Katechismen in einer katholischen
Kirche in der Türkei dennoch als "mildernder Umstand" im Mordfall an
dem italienischen Priester gesehen wird, das erschreckt selbst langjährige
Beobachter wie den anglikanischen Priester Ian Sherwood, der seit 17 Jahren in
Istanbul tätig ist:
Dem verstorbenen Pater
Andrea wurde unterstellt, er treibe etwas Unrichtiges, Unbotmäßiges in der
Türkei, nur weil er christliche Literatur in türkischer Sprache besaß. Ich
finde es sehr beunruhigend, dass der verstorbene Priester dafür kritisiert
wird, dass er christliche Literatur in seiner Kirche hatte.
Wer christliche Literatur in türkischer Sprache besitze, der wolle den Türken
das Christentum bringen - so der Verdacht, der in der türkischen Öffentlichkeit
nicht nur gegen den verstorbenen Priester von Trabzon erhoben wird. Und das ist
selbst im offiziell laizistischen Staat Kemal Atatürks ein Tabu. Der
protestantische Pfarrer Behnan Konutgan:
In der Türkei wird der
Begriff Missionare nur für Christen gebraucht. Die allermeisten Türken
verstehen darunter einen Feind der Türkei, der das Land zerstören will. Wir
werden ja schon angefeindet, weil wir Christen sind. Sie nennen uns Gavur,
Ungläubige, das ist hierzulande ein ganz schlimmes Wort. Im Wörterbuch der
Gesellschaft für Türkische Sprache wird Gavur so definiert: jemand ohne
Religion oder Glauben, ein Christ oder ein schlechter Mensch. Und deshalb
halten uns alle für ungläubige und schlechte Menschen.
Die Immanuel-Kirche, deren Pfarrer Konutgan ist, liegt versteckt in einem
Hinterhaus im Istanbuler Basarviertel. Nicht einmal ein Türschild weist auf die
Gemeinde hin, von einem Kirchturm ganz zu schweigen. Ein Wachmann schließt
eingeweihten Besuchern das Eisentor auf. Dennoch empören sich Anwohner und
Passanten über das Kommen und Gehen der Gottesdienstbesucher:
Ich bin schon oft bei der
Polizei angezeigt worden, mindestens 20 Mal wurde ich schon abgeführt oder
musste ich auf der Wache erscheinen. Ich bin nie verurteilt worden, weil die
Richter die Gesetze kennen und mich freilassen. Aber die Bevölkerung und selbst
die Polizei kennen die Gesetze eben nicht.
Die Missionare sind hier
aktiv, und das ist nicht gut. Ich rufe alle Türken auf, sich nicht hinters
Licht führen zu lassen. Die Missionare wollen unseren Glauben zerstören.
Händler Yusuf Nizan ist von den subversiven Aktivitäten ausländischer Chgristen
in derf Türkei überzeugt, ebenso wie Eisenwarenhändler Nuri Temel, der sogar
eine drohende Gefahr für sein Land ausmacht:
Dahinter stecken
bestimmte Mächte, große Mächte. Es geht dabei gar nicht so sehr um Religion, es
geht um ganz andere Sachen. Das sind bestimmte Mächte, die wollen uns
destabilisieren.
Und auch der Student Hakan Aksu fürchtet die Missionare:
Geheime Mächte betreiben
das, sie tun das im Verborgenen. Ausländische Staaten sind das meiner Ansicht
nach, die unseren Glauben vernichten wollen. Dahinter steckt Amerika,
wahrscheinlich auch Israel.
Die Ansicht, dass ausgerechnet der jüdische Staat die Christianisierung der
Türkei betreibe, hat im Basarviertel viele Anhänger. Doch woher kommen diese
Ängste? Nicht zuletzt aus den Moscheen des Landes, wo beim Freitagsgebet
mitunter Predigten wie diese zu hören sind:
Werte Brüder! Jene
Kräfte, die die Verbreitung des Islam als einzigen Glauben Gottes nicht
hinnehmen wollen, haben in der Geschichte nichts unversucht gelassen, um ihn
aufzuhalten. Sie haben so genannte heilige Armeen aufgestellt, um den Islam und
die Moslems aus der Geschichte auszulöschen, aber sie haben es nicht geschafft.
Wie damals, so sehen diese Mächte auch heute noch den Islam als größtes
Hindernis für ihre eigenen Interessen. Diese Mächte gehen nach wie vor
planmäßig und organisiert vor, um unser Volk von seinem Glauben abzubringen.
Nicht irgendeine Hinterhofpredigt war das, sondern die amtliche Predigt des
staatlichen Religionsamtes, die in fast allen 70.000 Moscheen der Türkei
verlesen wird. Bis hinein in die Regierung ist die Angst vor den christlichen
Missionaren in der Türkei salonfähig. So erklärte der für das Religionsamt
zuständige Minister Mehmet Aydin im vergangenen Jahr auf eine parlamentarische
Anfrage hin:
Wir sehen in den
Aktivitäten der Missionare den Versuch, unsere Gesellschaft in verschiedene
Glaubensgemeinschaften aufzusplittern, um ihre religiöse, nationale und
kulturelle Einheit aufzubrechen. Wir betrachten die Missionarstätigkeit nicht
als harmlose Glaubensverkündung oder Gebrauch der Religionsfreiheit, sondern
als in höchstem Maße gelenkte Einflussnahme mit historischem Hintergrund und
politischen Zielen.
Nicht nur als christliche Pfarrer und Priester würden die gefürchteten
Missionare auftreten, auch getarnt als Ärzte, Krankenschwestern,
Menschenrechtler oder Lehrer könnten sie einem begegnen, warnte Aydin. Belege
konnte der Minister keine vorweisen: Schließlich wühlten die Missionare ja im
Verborgenen, so seine Begründung. Nur eine Zahl liege der Regierung offiziell
vor: Demnach seien bisher 368 moslemische Türken von Missionaren zum
Christentum bekehrt worden: 368 von 70 Millionen.
Einen ganzen Forschungszweig haben diese paar Konvertiten in der Türkei
inspiriert. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass an irgendeiner Universität oder
einer Behörde in der Türkei ein Symposium zur Missionarsgefahr veranstaltet
wird, bei dem sich Professoren und Gelehrte über die christliche Bedrohung
austauschen. Einer der prominentesten Missionarsforscher ist der Publizist Ali
Riza Bayzan, der in Kürze sein drittes Buch zur christlichen Gefahr vorlegen
will. "Die globale Taufe" lautete der Titel seines ersten Werkes, in
dem es unter anderem um die katholische Hilfsorganisation Caritas geht:
In ihren englischsprachigen
Veröffentlichungen stellt sich Caritas als religiöse Organisation vor, die
Gottes Geboten gehorche. Aber in ihren türkischen Veröffentlichungen
präsentiert sie sich als humanitäre Organisation, die nicht nach Sprache,
Religion oder Rasse diskriminiere. Das ist schon ziemlich verdächtig, diese
Verstellung.
Nicht nur in Wort und Schrift, auch mit Rat und Tat will Bayzan die Christen
von Caritas bei verdächtigen Aktivitäten ertappt haben - etwa bei ihren
Hilfsaktionen nach dem furchtbaren Erdbeben von 1999 in der Nordwesttürkei, bei
dem 20.000 Menschen starben und hunderttausende obdachlos wurden:
Ich habe bei meinen
Feldstudien selbst gesehen, dass Organisationen wie etwa Caritas im türkischen
Erdbebengebiet versuchten, die Menschen mit Hilfsleistungen und mit Druck dazu
zu bringen, zum Christentum zu konvertieren.
Im Gegensatz zum Minister nennt Bayzan immerhin Ross und Reiter, wenn es um die
Frage geht, wer die geheimnisvollen Mächte hinter den Unterwanderungsversuchen
der Missionare sind. Die westlichen Verbündeten der Türkei sind es offenbar:
In Irak zum Beispiel sind
die amerikanischen Missionare zusammen mit den US-Soldaten einmarschiert und
haben die Bibel mit Brot und Wasser verteilt. Ich sehe die Missionare hier als
wichtige Stütze der amerikanischen Außenpolitik. Die Missionare sind
Bestandteil der internationalen Politik ihrer Herkunftsländer.
Was ist dann aber mit den türkischen Christen, die keinen fremden Staat im
Rücken haben und von ihren Mitbürgern dennoch ständig des Verrats bezichtigt
werden? Das fragt sich Pfarrer Konutgan von der Immanuel-Kirche in Istanbul
auch:
Meine Vorfahren leben
seit 2000 Jahren in Anatolien, ich bin ein Anatolier. Die Türken sind erst vor
tausend Jahren nach Anatolien gekommen. Wir waren schon in Anatolien, als die
noch in Zentralasien lebten, unsere Kirchen und Klöster hier stammen aus dem
ersten, dem dritten, vierten und fünften Jahrhundert. Und nun kommen die an und
sagen, Du bist kein Türke. Wir sehen uns als vollwertige Staatsbürger dieses
Landes. Aber leider erkennt uns das Volk nicht als solche an.
Die Ursache für dieses gestörte Verhältnis liegt in der Geschichte der
Beziehungen zwischen den moslemischen Osmanen und dem christlichen Westen, sagt
Konutgan:
Die Kreuzzüge sind es, an
die alle denken. Wir türkischen Christen haben mit den Kreuzzügen nichts zu
tun, aber hierzulande hält man uns für Kreuzritter. Deshalb gibt es diese
Stimmung gegen uns.
Eine explosive Stimmung, die sich jederzeit entzünden kann, wie der
anglikanische Priester Sherwood bezeugt:
Wenn ich hinausgehen
wollte in die Fußgängerzone und die Leute dort ansprechen und in meine Kirche
einladen wollte, um das Wort Gottes zu hören, dann würde ich mich in eine sehr
gefährliche Situation begeben. Natürlich will die Kirche hier frei sein, wie
sie es in Europa und fast überall auf der Welt ist. Doch diese Freiheit gibt es
in der Türkei nicht.
Und das weniger an den Gesetzen des Landes, sondern vielmehr am Misstrauen der
Bevölkerung gegen die christliche Minderheit - der nicht einmal ihre Regierung
beisteht, wie Pfarrer Konutgan beklagt:
Der Staatspräsident, der
Ministerpräsident, der Parlamentspräsident und die Presse müssten einmal klar
und deutlich sagen, dass wir Christen zu diesem Land gehören und vollwertige
Staatsbürger dieses Landes sind. Damit könnten die Vorurteile ausgeräumt
werden. Aber leider schreibt die Presse jeden Tag schlimmes Zeug über uns. Und
kein Politiker steht auf und sagt, dass das Lügen sind. Leider!
Auf die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union hofft Konutgan, um das Los
der Christen in der Türkei zu verbessern. Und selbst dann würden die türkischen
Christen noch lange darauf warten müssebn, von ihren moslemischen Landsleuten
akzeptiert zu werden:
Die Mauer der Vorurteile
gegen uns Christen einzureißen, das wird noch lange dauern. Hundert Jahre wird
das dauern, erst unsere Enkel werden das erleben.
15.05.2006
Quelle: http://www.dradio.de/aktuell/500386/