Christen und Juden nähern sich an

 

Kirchenvertreter und Rabbiner treffen sich in Berlin / Gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus vereinbart

Die beiden großen Kirchen und die jüdischen Rabbiner in Deutschland haben vereinbart, intensiv zusammenzuarbeiten. Sie trafen sich am Donnerstagabend zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg.

Berlin · Henry G. Brandt steht der deutschen Rabbinerkonferenz vor, zugleich dem Koordinierungsrat der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, und ist Gemeinderabbiner in Augsburg. Nach seiner Rede im Konferenzsaal der Katholischen Akademie zu Berlin hatte er sich gesetzt. Doch der Beifall wollte kein Ende nehmen. Da erhob er sich erneut, ging auf "die jüngeren Brüder" (nach einem Wort von Papst Johannes Paul II.) zu, und dann umarmten sie sich fest: erst Kurienkardinal Walter Kasper, Präsident der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, dann Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland und Bischof von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Kardinal Kasper: "Wir brauchen einander, und die Welt braucht uns"


Vor der öffentlichen Veranstaltung waren in der Akademie die Vertreter des Vatikans, der katholischen und der evangelischen Kirche mit den deutschen Rabbinern zusammengetroffen: neben Kasper und Huber nahmen auch der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, und weitere Bischöfe teil. Organisiert hatte das "historisch" genannte Treffen der Deutsche Koordinierungsrat der 83 Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Das Gespräch soll zu regelmäßiger Zusammenarbeit führen.

Lehmann, Huber und Kasper würdigten in ihren Ansprachen die Schritte der christlichen Kirchen nach dem Verbrechen des Holocaust, auf die Juden zuzugehen. Kasper hob hervor, dass die christlichen Kirchen umgedacht hätten, sich auf ihre jüdischen Wurzeln besonnen und sie neu entdeckt hätten. Der Kurienkardinal wörtlich: "Wir brauchen einander, und die Welt braucht uns." Dazu gehöre auch der gemeinsame Kampf gegen den Antisemitismus. Antisemitismus beleidige die Würde des Menschen und beleidige Gott.

Rabbiner Brandt nannte die Begegnung einen "Durchbruch", "einen großen Schritt zu Annäherung und Aussöhnung" in den christlich-jüdischen Beziehungen. Diesen Wandel habe er sich nie vorzustellen gewagt. Zwar seien auch heutzutage antijüdische Ausschreitungen nicht auszuschließen; doch er sei gewiss, dass dann unsere christlichen Brüder "uns nicht allein lassen werden".

Wenn es gelinge, gerade in Deutschland, gerade von Berlin aus - der Stadt, in der im Zweiten Weltkrieg der Holocaust beschlossen wurde - zu dauerhafter Verständigung zwischen Christen und Juden zu kommen, dann seien alle Konflikte zwischen Christen und Juden lösbar, sagte Brandt weiter. Nachdem über 2000 Jahre Ströme von Blut eine Kluft zwischen Christen und Juden entstehen ließen, sei jetzt die Zeit, eine Brücke zu schlagen. Den Hauptteil dieser Brücke müssten allerdings die Christen bauen, erklärte Brandt. Grund dafür sei die kleine Zahl der Juden in Deutschland. Doch es sei ein Wunder, dass es überhaupt noch jüdische Gemeinden und inzwischen wieder 25 Rabbiner in Deutschland gebe.

Bischof Huber betonte, dass in den vergangenen Jahrzehnten Vertrauen und Wertschätzung zwischen Christen und Juden gewachsen seien. Er sagte laut epd, das Treffen habe der "Geschwisterlichkeit beider Religionen sichtbaren Ausdruck gegeben". Mit der Begegnung sei ein neues Kapitel zwischen Juden und Christen eröffnet worden. Beide Seiten seien gewillt, nicht nur über gesellschaftliche und politische Fragen zu sprechen, sondern auch über gemeinsame geistliche Grundlagen. Karl-Heinz Baum

Frankfurter Rundschau, 11.3.06, S. 5

Qulle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/nachrichten/?cnt=823582&