Christen werden in der Türkei diskriminiert und drangsaliert

Nach: GERD HÖHLER (ISTANBUL)

Frieren muss niemand, wenn sich die kleine evangelische Gemeinde zu Adventsgottesdiensten in der Istanbuler Kreuzkirche versammelt. Denn das fast 150 Jahre alte Gebäude im Stadtteil Beyoglu, das 1857 errichtet wurde, hat eine moderne Erdgasheizung - Abdülmecid I. sei Dank. "Ohne seine Urkunde hätten wir den Gasanschluss wohl nie bekommen", sagt der deutsche Gemeindepfarrer Holger Nollmann. Dass ein vor 143 Jahren gestorbener Sultan posthum den evangelischen Christen in Istanbul zu einer Erdgasheizung verhalf, ist nur eine von vielen Absurditäten, mit denen nicht-muslimische Glaubensgemeinschaften in der Türkei zu leben haben.

Vor der Entscheidung in dieser Woche über EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei rückt die schwierige Lage religiöser Minderheiten ins Blickfeld. In der Türkei leben etwa 110 000 Christen verschiedener Bekenntnisse. Die größten Gemeinden stellen die Armenisch-Orthodoxen mit rund 55 000 und die Römisch-Katholischen mit etwa 20 000 Gläubigen. Die Zahl der Juden in der Türkei beläuft sich auf etwa 25 000. Der 1923 geschlossene Friedensvertrag von Lausanne, der die Grenzen der türkischen Republik festlegte, garantiert zwar die Rechte der nicht-muslimischen Minderheiten. Doch in der Praxis werden sie vielfältig diskriminiert und drangsaliert. Christen und Juden können nicht Beamte werden, der öffentliche Dienst bleibt ihnen ebenso verschlossen wie die Offizierslaufbahn. Ihre Gemeinden sind quasi rechtlos.

Multikulturalismus? Nicht in der Türkei. Anatolien war zwar immer schon ein Mosaik Dutzender Ethnien und Religionen. Aber die Minderheitenfrage gehört zu den großen Tabus der Türkei. Der Nationalismus des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk kennt keine Minderheiten, sondern nur stolze Türken. Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer, ein eingefleischter Kemalist, äußerte jetzt, es sei "destruktiv", über Minderheitenrechte zu diskutieren. Und auch das Militär meldet sich zu Wort: Die Nation sei eine "Einheit", doziert Vize-Generalstabschef Ilker Basbug, man dürfe sie nicht als etwas sehen, das aus Teilen bestehe, "denn das würde den Weg zum Auseinanderbrechen des Staates öffnen".

Der Nationalismus ist die eine Säule der Republik, die Trennung von Staat und Religion die andere. Aber während der Islam, zu dem sich 99,8 Prozent der Türken bekennen, in der Praxis Staatsreligion ist, kriegen religiöse Minderheiten zu spüren, was Laizismus für Nicht-Muslime bedeutet: Juristisch existieren ihre Kirchen nicht. Die Ämter der Patriarchen, Bischöfe und des Oberrabiners sind rechtlich nicht anerkannt.

"Unser größtes Problem ist die Rechtsstatusfrage", sagt der evangelische Pfarrer Nollmann. Das erfuhr er einmal mehr, als es um die Erdgasheizung ging. Weil seine Kirche juristisch gar nicht existiert und im Grundbuch für das Gebäude kein Besitzer eingetragen ist, konnte sie den Gasanschluss nicht beantragen. Dann fand sich eine Urkunde von 1857, mit der Sultan Abdülmecid den Christen den Bau der Kirche genehmigt hatte. Die Unterschrift des Sultans überzeugte das Gaswerk, der Anschluss wurde gelegt. "Aber wir existieren weiter in einem juristischen Vakuum", sagt Nollmann.

Mit welchen Hürden nicht-muslimische Gemeinden in der Türkei zu kämpfen haben, erfuhr auch Prälat Reiner Korten, der vor gut einem Jahr aus der Diözese Hildesheim nach Antalya kam. 14 000 Deutsche haben sich in der Region niedergelassen. Am 1. Advent hat Korten dort in einem früheren Internetcafé die Kirche Sankt Nikolaus eingeweiht. Erst im dritten Anlauf erlaubten die Behörden der Gemeinde die Eintragung als Verein. Vereinen ist in der Türkei aber jede religiöse Betätigung untersagt, jederzeit droht ein Verbot.

Während Prälat Korten und andere ausländische Christen in der Türkei eher als merkwürdige Fremdlinge bestaunt werden, schlägt anderen Gemeinden Misstrauen oder Feindschaft entgegen. So ist der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. zwar türkischer Staatsbürger, aber er hat das Unglück, gleich zwei Minderheiten anzugehören: Er ist das Oberhaupt von 350 Millionen orthodoxen Christen und wird mit den Griechen, den Erbfeinden der Türkei, in Verbindung gebracht. Erst jüngst wurde das Patriarchat im Istanbuler Stadtteil Fener Ziel militanter Proteste türkischer Rechtsnationalisten. Demonstranten verbrannten eine Puppe, die an den Patriarchen erinnerte, eine Handgranate flog auf das Patriarchat.

"Wir glauben, dass bestimmte Kreise versuchen, die EU-Perspektive der Türkei zu durchkreuzen", sagt Bartholomaios in seinem bescheidenen Amtszimmer. Vom Beginn der Beitrittsverhandlungen versprechen sich die Orthodoxen die Achtung ihrer Rechte. Die Erwartung, die Türkei könnte Minderheiten schon im Vorfeld solcher Gespräche entgegenkommen, hat sich nicht erfüllt. Das 1971 von der Regierung geschlossene orthodoxe Priesterseminar auf der Insel Halki durfte seine Lehrtätigkeit immer noch nicht wieder aufnehmen. Dem vor 250 Jahren gegründeten griechisch-orthodoxen Krankenhaus von Balikli, das bedürftige Patienten aller Religionen kostenlos behandelt, wurde jetzt die Gemeinnützigkeit rückwirkend aberkannt. "Unsere Situation bewegt sich vom Schlechten zum Schlechteren", klagt Patriarch Bartholomaios. Was bleibt, ist die Hoffnung.

13.12.04

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