Christliche Minderheiten in der Türkei klagen über Anfeindungen

 

Türkei fürchtet christliche Unterwanderung

 

......Vor allem nationalistischen Kreisen, zu deren Hochburgen die Schwarzmeerstadt Trabzon gehört, ist die Tätigkeit christlicher Seelsorger in der Türkei ein Dorn im Auge. Sie sehen darin den Versuch, die islamisch geprägte Türkei zu spalten - eine Furcht, die auch unter den türkischen Militärs umgeht: ein geheimer Bericht der Armee behauptet, dass protestantische Missionare bis 2020 zehn Prozent der türkischen Bevölkerung zum Christentum bekehren wollen.

 

Die Furcht vor "Unterwanderung" bekommen die kleinen christlichen Gemeinden in der Türkei ständig zu spüren. In der Türkei leben etwa 110000 Christen verschiedener Bekenntnisse, darunter 20000 römische Katholiken. Der Vatikan konstatierte kürzlich eine "institutionelle Christenphobie" in der Türkei. Christliche Gemeinden seien praktisch rechtlos und damit "in ihrer Existenz bedroht", stellte die EU-Kommission jüngst fest. Ohne Rechtsstatus sei eine administrative und finanzielle Selbstverwaltung der Kirchen nicht möglich, Eigentumsrechte blieben ungeklärt, eine Ausbildung von Geistlichen sei unmöglich, kritisiert Otmar Oehring, Türkei-Experte beim katholischen Missionswerk Missio.

 

Das US-Außenministerium kritisierte in seinem jüngsten Bericht über religiöse Freiheiten, in der Türkei sei eine Verschlechterung der Situation eingetreten: die staatliche Religionsbehörde habe eine öffentliche Kampagne gegen christliche Missionstätigkeit gestartet, ranghohe Regierungsmitglieder stellten Missionare als "Gefahr" dar, die Fülle von Drohungen und Vandalismus gegen Christen und kirchliche Einrichtungen häuften sich.

 

Zunehmend schwierig wird vor allem die Lage des griechisch-orthodoxen Patriarchen in Istanbul. Die Türkei erkennt ihn nicht als Oberhaupt der 350 Millionen orthodoxen Christen an. Das orthodoxe Priesterseminar auf der Insel Chalki ließ die Regierung schon 1971 schließen. Immer häufiger wird das Patriarchat im Istanbuler Stadtteil Fener zum Ziel von Aufmärschen militanter türkischer Nationalisten, deren erklärtes Ziel es ist, den Patriarchen aus dem Land zu jagen. Bei den Demonstrationen fliegen Steine, mitunter sogar Handgranaten, und Puppen, die den Patriarchen Bartholomäos darstellen sollen, gehen unter dem Gejohle der Menge in Flammen auf. GERD HöHLER

 

8.2.06

nach: Frankfurter Rundschau, S. 5, Priestermörder gefasst