"Christen im Kriegszustand"
Theologischer Disput auf dem Forum Deutscher Katholiken in Fulda
Fulda, 24.6.2003. Der Kongress betet und poltert. Zwischen Katechesen,
Beichten und Andachten fallen auf der dritten Fuldaer Großveranstaltung des
Forums Deutscher Katholiken, in dem die "Papst- und Kirchentreuen
unterschiedlicher Spiritualität und geistlicher Ausrichtung" eine Heimat
gefunden haben, starke Worte.
Selbst ein eher zurückhaltender Kirchenmann wie der gastgebende Bischof
Heinz Josef Algermissen beteiligt sich an der rhetorischen Aufrüstung.
Algermissen beklagt einen Verlust grundlegender menschlicher und
christlicher Werte und spricht von der "moralischen und geistlichen
Umweltvergiftung". Die Feinde des Christentums handelten heute nicht mehr
so
plump wie die Nationalsozialisten, sondern gingen viel raffinierter vor. Der
wortgewaltige Johannes Dyba, Algermissens vor drei Jahren verstorbener
Vorgänger, hätte das nicht viel anders formulieren können.
Forum-Vorstandsmitglieder beschreiben die Situation, in der sich bewusste
Christen ihrer Meinung nach befinden, noch viel zugespitzter: Man befinde
sich "im Kriegszustand".
Der Kongress mit dem Titel "Freude am Glauben" ist das kleine
Gegenstück zum
Ökumenischen Kirchentag vor drei Wochen in Berlin. In Fulda, der Stadt des
heiligen Bonifatius, des "Apostels der Deutschen", werden noch einmal
die
Grenzen markiert, die Katholiken und Protestanten trennen. Die
Eucharistie-Enzyklika des Papstes wird als lang ersehnte römische
Klarstellung in einer Phase ökumenischer Verirrung beklatscht. Der
österreichische Opus-Dei-Bischof Klaus Küng bekräftigt die Lehre von der
Bindung der Feier der Eucharistie an das Weihepriestertum. Der greise
Kardinal Leo Scheffczyk tut es ihm nach, und der Papst sagt in seinem
Grußwort, dass auf dem katholischen Eucharistie-Verständnis die
Neuevangelisierung Europas gründe.
Aus dem Umfeld des Forums Deutscher Katholiken war Johannes Paul II. gebeten
worden, rechtzeitig vor dem Ökumenischen Kirchentag seine Enzyklika zu
veröffentlichen. Die in Fulda Versammelten sehen sich in der Rolle der
Bewahrer des wahren Glaubens, und sie möchten auch schwache und müde
gewordene Oberhirten wieder in die richtige Spur bringen. Der Regensburger
Bischof Gerhard Ludwig Müller, Mitglied des Forum-Kuratoriums, gibt just
während des Kongresses im vatikanischen "Osservatore Romano" die
Argumentationsrichtung vor: Gewisse "Strömungen" versuchten, die
grundlegenden Unterschiede zwischen dem Verständnis der katholischen
Eucharistie und dem des protestantischen Abendmahls als überwunden
darzustellen. Mit dieser Haltung gefährde man den ökumenischen Prozess. Ein
Hieb gegen die Zunft der Theologen, von denen einige die alten Barrieren für
längst überwunden erklären. Kurien-Erzbischof Paul Josef Cordes lobt die
papsttreuen geistlichen Gemeinschaften, die in Fulda den Ton angeben. Sie
seien ein Zeichen des Aufbruchs.
In Fulda geht es freilich nicht nur um theologische Dispute. An die
Bischofskonferenz richtet der Kongress den Wunsch nach einer zentralen
"Märtyrer-Gedächtniskirche für Deutschland, um so die katholischen
NS-Opfer
zu würdigen. Deutlicher als der Episkopat und das Zentralkomitee der
deutschen Katholiken artikuliert das Forum den Unmut über die rot-grüne
Bundesregierung. Von Fulda geht die Forderung an die Politik aus, die
"wahre
Eigenart" von Ehe und Familie anzuerkennen und Gesetze, die diese Eigenart
gefährden, zu ändern. Finanzielle Lasten, die eine Folge von
gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, Empfängnisverhütungsprogrammen,
Ehescheidungen und Abtreibungen seien, dürften nicht auf "gesunde"
Ehen und
Familien abgewälzt werden. Ein Gesetz gegen Blasphemie soll religiöse Werte
und Inhalte schützen.
Der Trierer Sozialwissenschaftler Professor Wolfgang Ockenfels wirft dem
Staat vor, Ehe und Familie in Stich zu lassen. Die regierenden Angehörigen
der 68er-Generation hätten aus ihrem Hass auf die bürgerliche Institutionen
Ehe und Familie nie ein Hehl gemacht. Um in der Gesellschaft von heute nicht
diskriminiert zu werden, müsse man offenbar den Nachweis unsittlicher
Beziehungen erbringen, polemisiert der Dominikanerpater. (Gernot Facius)
Aus: Die Welt, 24.6.2003
Quelle: http://www.welt.de/data/2003/06/24/123608.html
Notbund gegen den Unglauben
Die Zahl der Bischöfe macht "Freude am Glauben" zum Erfolg,
nicht die der
Teilnehmer
Was man am Sonntagmorgen macht, ist den Podiumsteilnehmern klar: Man geht
zur Messe, die keinesfalls durch eine Laienpredigt verhunzt werden darf - am
besten ohne Frühstück, um nicht in die Versuchung faulen Sitzenbleibens zu
geraten, wie Bernhard Müller vom katholisch-konservativen Pur-Magazin
vorschlägt. Aber was ist mit dem Sonntagnachmittag, jenen unerfüllten
Stunden, "in denen die meisten Berufungen verloren gehen", wie der
Moderator
Jörg Splett, Professor an der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen,
diagnostiziert? Die Jugendlichen, die in pubertärer Haltlosigkeit allem
widerstehen außer der Versuchung, die sind am Sonntagnachmittag in Gefahr.
Es müsste deshalb "mehr Vespern" geben, sagt Pfarrer Hendrik Jolie,
und der
Beifall der 1500 Zuhörer rauscht durch die Richthalle am Fuldaer Bahnhof.
"Wir gehen nachmittags zum Lobpreis in die Fußgängerzone", sagt
Stefan
Willmann von der "Jugend 2000", was den Leuten in der Halle fast noch
besser
gefällt als die Vesper-Lösung.
Das Forum deutscher Katholiken, ein lockerer Verband "papst- und
kirchentreuer Katholiken" hat zum dritten Kongress "Freude am
Glauben"
geladen, nach Fulda, der Stadt des Missionars Bonifatius und des
verstorbenen Erzbischofs Johannes Dyba. Das Forum ist eine
Gegen-Organisation zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken, der Kongress
als Gegenveranstaltung zum Ökumenischen Kirchentag in Berlin. Der
Vorsitzende Hubert Gindert, Marketing-Professor aus Kaufering, erzählt, wie
er 1994 über den Dresdner Katholikentag gegangen sei, "da bekam man hier
dieses als katholisch verkauft und fünf Meter weiter das Gegenteil davon".
Überall Papstkritik und als Reform getarnter Unglauben. Da sei ihm klar
gewesen, dass es dazu eine Alternative geben müsse.
In die Gefahr, zwischen gegensätzlichen Positionen auswählen zu müssen,
kommen die Richthallen-Besucher nicht. Die Bandbreite der Referenten,
angekündigt vom charmanten Kongress-Leiter Alois Konstantin Fürst zu
Löwenstein, reicht von konservativ bis ziemlich konservativ. Das Opus Dei
ist vertreten, wobei Referenten wie der Münchner Arzt Josef Dohrenbusch
nicht offen als Vertreter der innerkirchlich umstrittenen Organisation
auftreten - was die Veranstalter als Form der Bescheidenheit werten,
keinesfalls als Heimlichtuerei.
Manchmal blitzt intellektuelles Format auf, wenn zum Beispiel Klaus Berger
redet, der katholische Bibelwissenschaftler auf einem evangelischen
Lehrstuhl in Heidelberg. Meist aber ist das Grundmuster schlicht: Die Welt
jenseits der Richthallen-Mauern ist ungläubig, selbst die katholische Kirche
in Deutschland ist geschwächt und aufgeweicht. Die Gläubigen in der Halle
sind dagegen eine Art Notbund und Keimzelle des spirituellen Aufbruchs, der
kommen muss, wenn der Satan nicht siegen soll.
Gesetze für den Satan
Wenn es politisch wird, nehmen sich die Referenten Rote und Grüne zur
Brust,
meinen aber die Mehrheit der Christdemokraten mit. Die Regierung mache
Gesetze in der Absicht, dem Satan die Tür zu öffnen, schimpft die
konvertierte Autorin Gabriele Kuby; in der Bundesrepublik habe die
"Machtergreifung des Diktators Sexualität" stattgefunden. Der Trierer
Dominikanerpater Wolfgang Ockenfels sieht "die Ehe im Würgegriff des
Staates
" - kein Wunder in einem Land, in dem Kanzler und Vizekanzler auf
insgesamt
acht Ehen kämen und sich auch Christdemokraten fröhlich scheiden ließen.
Sätze, derentwegen die Leute nach Fulda gekommen sind. Bernd Potthoff,
35-jähriger Familienvater aus München, könnte sich nicht vorstellen, zu
einem Katholikentag oder gar Ökumenischen Kirchentag zu fahren, "wo die
Politiker ihre Sonntagsrede halten und ab Montag wieder gegen die Kirche
arbeiten". So sehen es die meisten an den Ständen, wo sich Pfarrer Abels
Kassettenapostolat sowie diverse Kleinverlage und -sender präsentieren, wo
Gemeinschaften wie das Neokatechumenat, die Jugend 2000 oder die
Medjougorje-Wallfahrer nach Interessenten Ausschau halten. Doch gerade die
charismatischen Jugendlichen können mit der kulturpessimistischen
Politisierung wenig anfangen. "Wir waren auch auf dem Kirchentag in
Berlin",
sagt Joachim Federhen von der Gemeinschaft Totus Tuus ("ganz der Deine -
der
Wahlspruch von Papst Johannes Paul II.), "wir sind überall, wo wir
evangelisieren können". Die biedere Mehrheit der Richthallen-Besucher
wiederum steht ratlos vor den Evangelisations- Methoden der
Marienerscheinungs-Begeisterten.
Der Kreis derer, die sich von organisierter Fraglosigkeit begeistern lassen,
bleibt begrenzt. Die Teilnehmerzahl bei "Freude am Glauben" stagniert
bei
1500; zum Kirchentag nach Berlin kamen allein 70000 Katholiken, was wohl
auch die Verhältnisse in den Gemeinden widerspiegeln dürfte. Trotzdem ist
die Arbeit des Forums erfolgreich: In einer Szene, in der sich häufig eine
Gruppe für frömmer hält als die andere, ist es noch nie gelungen, ein
Bündnis so lange am Leben zu halten. Wobei auch das Forum seine Spaltung
hinter sich hat: Vergangenes Jahr verließen die Fans der vorkonziliaren
tridentinischen Messe das Bündnis - sie wallfahren statt zum Fuldaer
Kongress in derselben Zeit nach Altötting, was natürlich Zufall ist.
Der wahre (und wachsende) Einfluss des Forums erklärt sich ohnehin nicht aus
der Zahl der Kongressteilnehmer. Er resultiert aus der Zahl der Bischöfe und
Kardinäle aus Rom und Deutschland, die das Forum als Gegengewicht zu den
aufmüpfigen Verbänden und unbotmäßigen Diözesanräten wünschen. Am Sonntag
feiert der Pariser Kardinal Jean-Marie Lustiger den Abschlussgottesdienst;
der deutsche Kurien-Erzbischof Paul Josef Cordes, Kardinal Leo Scheffczyk
und der österreichische Opus-Dei-Bischof Klaus Küng aus Feldkirch halten
Vorträge; 2002 gab sich Kardinal Joseph Ratzinger, der Präfekt der
Glaubenskongregation, die Ehre. Stolz präsentiert Gindert die Grußworte:
Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano übermittelt den Segen des Papstes, der
Kölner Kardinal Joachim Meisner und der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig
Müller wünschen Erfolg - aber auch der neue Trierer Bischof Reinhard Marx.
Es ist diese Reihung, die Eindruck macht. Die für Stabilität sorgt, auch
wenn 2004 die Richthalle abgerissen wird und der Kongress nach Regensburg
geht, wo er ein Heimspiel haben wird - als Bischof Müller noch Professor
war, gehörte er zu den Referenten bei "Freude am Glauben".
Wie sehr ein solcher Kongress das verändern kann, was ein Bischof sagt,
zeigt sich im Eröffnungsgottesdienst des Kongresses. Heinz Josef Algermissen
predigt, der Bischof von Fulda, der ansonsten gar nicht in der Tradition
seines fröhlich polternden Vorgängers Dyba steht. Doch diesmal lässt er sich
zu einer schlimmen Predigt hinreißen. Er zieht eine Linie von der
Kirchenspaltung über Aufklärung und Säkularisation zum Nationalsozialismus,
der "eine Trümmerlandschaft" hinterlassen habe. "Schlimmer
aber" sei der
"Verlust der christlichen Moral und Werte", und: "Die Feinde des
Christentums und der Kirche sind auch heute am Werk. Sie tun ihr Werk nicht
mehr so plump, sondern viel raffinierter, als es im Dritten Reich
geschah."
Später zitiert er den Schriftsteller Reinhold Schneider, der "in dunkler
Zeit" gelebt habe, um zu erklären: "Die Zeiten heute sind ebenso
dunkel."
Sind Angriffskrieg, Judenvernichtung und Christenverfolgung der Nazis
weniger schlimm als ein wie immer gearteter "Verlust der christlichen
Werte
"? Ist die parlamentarische Demokratie so düster wie die massenmörderische
Diktatur? Hätte Algermissen eine derart demokratieverachtende und die
NS-Opfer verhöhnende Predigt zu Beginn der Herbstvollversammlung der
deutschen Bischöfe in Fulda gesprochen - der Skandal wäre perfekt gewesen.
Beim "Freude am Glauben"-Publikum aber kommt so etwas an. (Matthias
Drobinski)
Aus: Süddeutsche Zeitung, 24.6.2003
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/sz/politik/red-artikel4155/