Die Schaefchen von Erzbischof Wolfgang Haas beginnen zu
rebellieren
VADUZ. In der katholischen Kirche Liechtenstein ist der
Teufel los. Die
letzten liberalen Priester und Diakone verlassen ihre Ämter und werden
durch Anhaenger des Erzbischofs ersetzt. Wolfgang Haas geraet immer mehr
in die Kritik. Markus Rohner
Es war ein offener Brief, der keine Fragen offen liess. «Die
letzten
sechs Jahre, eingeleitet von den Ereignissen im Dezember 1997, wurden zu
den schwierigsten in meiner Dienstzeit als Pfarrer und ueberhaupt meines
Lebens», schrieb Franz Naescher zu seinem Ruecktritt als Pfarrherr von
Vaduz. Er leide an der Situation in der Kirche Liechtenstein, den
Spannungen und Graeben durch Familien, Freundeskreise und Pfarrei.
Einer der letzten liberalen Priester des Fuerstentums Liechtenstein hat
resigniert. Tage spaeter reichte Diakon Peter Vogt seinen Ruecktritt
ein. Fast fluchtartig verlaesst der 54-Jaehrige mit Frau und Kindern
seine Heimat, um in Hinwil eine neue Stelle anzutreten.
Kirche in Aufruhr
Die katholische Kirche Liechtenstein ist in Aufruhr. «Unser Land wird
immer mehr zu einem Biotop fuer konservative Priester, es kommen nur
noch Geistliche zu uns, welche die Linie des Erzbischofs vertreten»,
sagt Klaus Biedermann, Historiker und waehrend vielen Jahren Mitglied
des Pfarreirates Vaduz. Seit dem Amtsantritt von Erzbischof Haas finde
in der Kirche eine «schleichende Klerikalisierung» statt. Engagierte
Laien haetten immer weniger zu sagen. Resignation hat sich breit
gemacht. Einige Katholiken haben sich von der Kirche verabschiedet,
andere besuchen Gottesdienste im benachbarten Ausland. In den letzten
Tagen hat die Krise im Erzbistum einen neuen Hoehepunkt erreicht. Der
Ruecktritt des Vaduzer Pfarrers hat den Erzbischof und seinen
Generalvikar personelle Entscheide treffen lassen, die im Laendle einen
Sturm der Entruestung ausgeloest haben. Markus Kellenberger, Pfarrer von
Triesen, soll Naeschers Nachfolger in Vaduz werden. Der passionierte
Marathonlaeufer, «der schnellste Priester der Welt», wie es heisst, gilt
zwar als ebenso haastreu wie die meisten anderen hochwuerdigen Herren in
Liechtenstein. Im Gegensatz zu vielen anderen fand er aber den Zugang zu
seinen Schaefchen. In ihrer Veraergerung haben die Triesner Katholiken
jetzt mit dem Sammeln von Unterschriften begonnen und verschaffen sich
im Internet und in Leserbriefspalten Luft. «Jesus waere schon laengst
aus dieser Kirche ausgetreten», schreibt ein Kirchbuerger. «Alles, was
wir uns fuer unser Land wuenschen, sind ein Bischof und ein
Generalvikar, die Menschen wie Menschen behandeln», kritisieren zwei
Frauen die bischoefliche Personalpolitik. Gewuenscht werden «starke
Pfarrer des Volkes und nicht Knechte des Erzbischofs».
Fuerst und Erzbischof
Die konservative Restauration in der katholischen Kirche verlief in den
letzten Jahren parallel zu den politischen Verwerfungen im Land. Auch
wenn sich Fuerst Hans-Adam II. immer wieder fuer die Trennung von Staat
und Kirche stark macht, wird die Entwicklung in der Kirche von hoechster
Stelle gefoerdert. Im Maerz 1999 hat der weltliche Fuerst alle seine
Mitspracherechte an der Bestellung von Pfarrstellen in Liechtenstein dem
kirchlichen Fuersten uebertragen. «Eine Geringschaetzung der kirchlichen
Anliegen unserer Gemeinden», aergert sich Klaus Biedermann. Der gleiche
Fuerst, der in seiner Verfassung das Selbstbestimmungsrecht der
politischen Gemeinden unterstuetzt habe, entzog den Gemeinden
kirchlicherseits alle Mitbestimmungsrechte. «So lieferte der Fuerst die
Pfarreien dem Willen des Erzbischofs aus, wohl wissend, was dies fuer
die einzelnen Pfarrgemeinden zur Folge hatte und hat.»
Seine Exzellenz schweigt
Auch wenn seit Wochen in der Kirche Liechtenstein der Teufel los ist und
sich jetzt auch Regierungschef Otmar Hasler vermittelnd eingeschaltet
hat - der Erzbischof schweigt beharrlich. Seine Exzellenz hat sich ins
Frauenkloster von Schellenberg zurueckgezogen und meidet jeden Kontakt
mit der Bevoelkerung. Medieninterviews werden abgelehnt, an
oeffentlichen Podien ist er nicht vertreten. Stattdessen schickt er
seinen loyalen Statthalter, den 38-jaehrigen Generalvikar Markus Walser,
an die Front. Die Mitsprache von politischen Gemeinden und anderen
staatlichen Organen in kirchlichen Personalfragen widerspreche den
Richtlinien der KSZE und des Zweiten Vaticanums, argumentiert dieser.
«Wir bitten die staatlichen Organe, dies gebuehrend zur Kenntnis zu
nehmen und sich dementsprechend zu verhalten», schrieb Walser seinen
Kritikern ins Stammbuch. Und den Anhaengern des Triesner Pfarrers gab
der Generalvikar uebers Lokalradio zu verstehen, dessen Popularitaet sei
durch seinen Sport und das gute Aussehen begruendet. Erzbischof und
Generalvikar lassen sich durch die Protestwelle nicht beeindrucken und
gehen unbeirrt ihren Weg. Wie lange noch? «Falls sich keine
befriedigende Loesung findet, bleibt noch die Option, der
erzbischoeflichen Kirche den Geldhahn zuzudrehen», meint Klaus
Biedermann. Das aber waere faktisch die Trennung von Staat und Kirche.
Mit der Folge, dass Erzbischof und Generalvikar schalten und walten
koennten, wie es ihnen beliebt.
27.5.03
Quelle:
http://www.tagblatt.ch/mailartikel.cfm?pass_id=784781&ressortname=Archiv
Zur hier erwaehnten Versetzung von Pfarrer Markus Kellenberger findet
sich Naehers auch unter
http://www.tagblatt.ch/mailartikel.cfm?pass_id=783340&ressortname=Archiv
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