Cardenal nennt Globalisierungskritiker "neue Revolutionäre"
Leipzig (AP) Der nicaraguanische Dichter Ernesto Cardenal hat die Kritik vor allem junger Menschen gegen die Globalisierung als «Chance für eine neue Revolution» bezeichnet. «Die Jugend, die in den großen Städten gegen die Globalisierung protestiert, könnte diese neue Revolution tragen», sagte Cardenal am Montag in Leipzig vor Journalisten. Die Proteste seien vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie von den Menschen direkt ausgingen, ohne dass es charismatischer Führer bedürfe.
Dass es bei den Demonstrationen vereinzelt zu Ausschreitungen komme, sei kein Beleg dafür, dass es sich bei der Kritik an der Globalisierung um eine generell gewalttätige Bewegung handele, meinte der 77-jährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Vielmehr sei sie mit der Bibel und dem Evangelium zu vereinbaren, wonach ein «neues Reich auf Erden» möglich sei. Man müsse zwischen guter und schlechter Globalisierung unterscheiden. «Die gute Globalisierung entsteht, wenn die Menschen auf der Welt zusammenarbeiten», erklärte Cardenal.
Die schlechte Globalisierung entstehe hingegen, wenn die transnationalen Konzerne ihre Interessen durchsetzten. «Wir wollen eine Globalisierung der Revolution oder - mit anderen Worten - die Globalisierung des Reichs Gottes», sagte der studierte Theologe. Heftige Kritik äußerte er an der Aussage von Papst Johannes Paul II., der die «Theologie der Befreiung» für tot erklärt hatte. «Solange es Arme gibt auf der Welt, wird es auch eine Theologie der Befreiung geben», sagte der Dichter und fügte hinzu: «Ein Papst wie dieser zerstört die Kirche.»
Cardenal äußerte sich im einzigen Pressegespräch aus Anlass einer Lesereise, die ihn gemeinsam mit dem Schauspieler Dietmar Schönherr durch die Bundesrepublik führt. «Allerdings ist es nicht nur eine Lesereise, sondern es geht auch um das Projekt Pan y Arte, für das sämtliche Einnahmen verwendet werden», sagte Schönherr. Damit werde tausenden Menschen in Nicaragua geholfen. Allerdings habe er feststellen müssen, dass in Deutschland das Interesse an dem lateinamerikanischen Land und an der «so genannten Dritten Welt» in den letzten Jahren abgenommen habe. «Die Liebe zu Nicaragua ist bei vielen eine Modeerscheinung gewesen», meinte der Schauspieler.
Wie Cardenal zeigte sich Schönherr davon überzeugt, dass sowohl Nicaragua als auch Europa große Werte hervorgebracht hätten. Würde man diese Werte zusammenbringen, wäre ein Schritt zur «guten Globalisierung» erreicht.
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2. Dezember 2002