Wohin das Kreuz?

Vortragsreihe zur Befragung der Bundestagskandidaten aus unserem Wahlkreis

Gehen diese politischen Fragen die Kirche überhaupt etwas an? Auf jeden Fall. Das gehört zu den wesentlichen Aufgaben der Kirche, sich für Versöhnung ein- zusetzen. Dazu gehören natürlich auch die Probleme dieser Welt und unserer Gesellschaft. Um kompetent mitreden und entscheiden zu können, müssen diese Probleme benannt und beschrieben wer- den. Auf jeden Fall war diese Veranstaltungsreihe unser kirchlicher Beitrag zu einer nicht Parteiorientierten aber gewissenhaften und notwendigen Auseinandersetzung mit den drängenden und brennenden Fragen und Herausforderungen der Zeit. Die Themen der Vorträge und die Auseinandersetzung mit ihren Inhalten haben die Möglichkeit geboten, die eigene Wahrnehmungs- und Urteilskraft zu schärfen.

Aus diesem Grunde hatte die Ökumenische Initiative - bestehend aus der Evangelischen Kirche in Hanau und der Katholischen Kirche, vertreten durch die Initiative "Wir sind Kirche Hanau - Maintal" - im Mai und Juni 2002 zu drei Vortragsabenden in die Kreuzkirche ein- geladen, um am vierten Abend, am 13. Juni die Bundestagskandidaten zu befragen.

Die Kirche bot ein sinnvolles Forum der Auseinandersetzung und Meinungsbildung an. Die Resonanz auf diese Veranstaltungsreihe war, wie es einem Forum entspricht positiv und kritisch.

Am 16. Mai sprach der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen- Waldeck, Dr. Martin Hein, über das Thema: "Zwischen Globalisierung und Individualisierung. Unsere Kirche vor den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts." Zu seinen Hauptaussagen gehörte die Feststellung, dass weltweites Denken, Wirtschaften und Handeln längst üblich ist. Neben den angenehmen Seiten der Globalisierung, nämlich dem weltweiten Tourismus, gibt es aber Gefahren, denen begegnet werden muss. In der globalen wirtschaftlichen Verflochtenheit müssen humane, christliche Maßstäben gefordert werden. Vor allem Gerechtigkeit und so- ziale Marktwirtschaft sind dabei unaufgebbar. In der weltweiten Verflochtenheit darf der einzelne Mensch nicht verloren gehen. Beidem gerecht zu werden, sei die künftige Aufgabe. Dabei warnte er vor fundamentalistischen Lösungen. Die Aufgabe sei sehr komplex. Fundamentalismus bedeute Vereinfachung, die aber keine Lösungen biete. Das an- schließende Gespräch moderierte Pfarrer Horst Rühl.

Am 23. Mai sollte Prof. Dr. Ursula Spuler-Stegemann von der Universität Marburg über "Innere Sicherheit und Islam" reden. Leider sagte sie uns kurzfristig ab, empfahl uns aber als Vertretung Hans- Peter Raddatz. Er hat ein Buch geschrieben"Von Gott zu Allah?"

Seiten habe ich vor und nach einem Vor- trag so viele positiv zustimmende und so viele warnende ablehnende Stimmen gehört. So weit es geht, will ich in wenigen Punkten seine Gedanken zusammen- fassen. Er sagte: Es sei schwierig, mit dem Islam einen Dialog zu führen, denn die Unterschiede zur westlichen Gesellschaft seien sehr groß. Das zeige sich zum Beispiel bei dem Begriff der Toleranz. Für uns sei Toleranz zwischen zwei Gleichberechtigten möglich. Im Islam gelten andere Religionen und Kulturen nicht als gleichberechtigt, sondern als untergeordnet. Zum anderen sei im Islam die Verbindung zwischen Religion und Staat nicht aufgegeben worden. Das heißt, dass dem Islam durch die Geschichte hindurch bis heute unverändert ein politischer Expansionswille zu eigen sei. Als dritten von ihm benannten Punkt nenne ich die Unvereinbarkeit zwischen Grundgesetz und Koran. Im Koran und in der Lebenspraxis der Muslime heute gebe es keine Gleichberechtigung. Zahl- reiche von unserem Staat nicht kontrollierte Kulturzentren seien eine demographische Zeitbombe.

In der anschließenden Diskussion, moderiert von Joachim Haas-Feldmann von der Frankfurter Rundschau, wurde dem Referenten entgegengehalten, dass man so undifferenziert von dem Islam nicht reden kann. Außerdem stünde die Generation der hier geborenen und groß gewordenen Jugendlichen zwischen den Kulturen. Das sei eine große Herausforderung für uns.

Am 6. Juni sprach Dr. Wolfgang Kessler über das Thema: "Wie (un)-sozial ist die Bundesrepublik Deutschland? Wie viel Soziales können wir uns leisten." Der Chefredakteur der kirchenunabhängigen, christlichen Zeitung "Publik-Forum" nannte sechs "Schlaglichter", also Problembereiche, und schlug dafür Lösungen vor. (Da uns der Vortrag vorliegt, können Sie ihn bei uns im Büro fotokopiert gegen einen kleinen Unkostenbeitrag erhalten.) Deshalb zähle ich hier unkommentiert die Schlaglichter auf: 1. Wachsende Armut. 2. Die Gewinne steigen viel schneller als die Löhne. 3. Die Reichen besitzen immer mehr. 4.'Die Verteilung des Produktivvermögens. 5. Schlupflöcher für die Reichen. 6. Die wachsenden Probleme der Sozialversicherungen. Als Antworten auf diese Probleme schlug er folgende Strategien vor: 1. Eine konsequente Vollbeschäftigungspolitik. 2. Eine offensive Familien- und Sozialpolitik. 3. Alle Bürger und Einkommen gerecht belasten - Sozialstaat sichern. 4. Schlupflöcher schließen - Steuern senken. 5. Möglichst breite Beteiligung der Bürger am Produktiv- vermögen. 6. Die Wohlhabenden zu "edlen" Investitionen motivieren. Das anschließende Gespräch moderierte Dipl. Theol. Hans-Albert Link.

Bei der Befragung der Bundestagskandidaten am 13. Juni waren alle Kandidaten da, nur von der PDS nicht: Dr. Sascha Raabe, SPD; Harald Hormel, CDU; Thomas Schäfer, FDP; Herr Günter Hantel, Bündnis 90/die Grünen. Alle Kandidaten stellten sich bei der sachkundigen Moderation von Diakon Ralph Fischer vom Amt für Kirchliche Dienste unserer Landeskirche engagiert den Fragen der Besucher.

Konrad Well

Quelle: Unsere Gemeinde, Evangelische Kirchengemeinde Hanau- Kesselstadt, Friedenskirche, Sept/Okt/Nov 2002, S. 14