Zahme Kandidaten an der langen Leine

Ökumenische Initiative lud zum Abschluss ihrer Diskussionsreibe "Wohin das Kreuz?" die Bundestagsbewerber aufs Podium

Von Detlef Sundermann

"Wohin das Kreuz?" fragte die Ökumenische Initiative am Donnerstagabend zum letzten Mal in der Kreuzkirche. Bei der Abschlussveranstaltung der vierteiligen Diskussionsreihe saßen die Kandidaten für die Bundestagswahl im Wahlkreis Hanau am Podium. An Themen mangelte es nicht, wohl aber zum großen Teil an individuellen Aussagen der Bundespolitiker in spe. Von Wahlkampfbiss war wenig zu spüren.

HANAU. Die Sitzfolge auf dem Podium war symbolisch und traditionell: ganz links Günther Hantel (Grüne) daneben Sascha Raabe (SPD), Moderator Ralph Fischer und dann der konservativ-liberale Flügel mit Harald Hormel (CDU) und Thomas Schäfer (FDP). Eine Vorahnung des Veranstalters zu möglichen Kealitionskonstellationen? Dass die PDS nicht dabei war, war keine Absicht der Ökumenischen Initiative. Günther Desch war zu der Diskussion einfach nicht erschienen. Mangel an Zeit oder Interesse für diese Veranstaltung herrschte offenbar auch beim Bürger/Wähler vor. Möglicherweise war die Diskussionsrunde zu früh vor den Wahlen angesetzt. Keine 80 Personen verloren sich in den Bankreihen der Kirche, zu- meist Leute von sozialen Vereinigungen und Organisationen, Kirchen, Parteien und der Gewerkschaft, um dem Quartett auf den politischen Zahn zu fühlen.

Doch bevor es dazu kam, leitete Fischer die Warm-up-Runde mit der Frage nach der Motivation sich in der Politik zu engagieren ein, beziehungsweise welcher Anlass einen Schlußstrich unter die politische Karriere ziehen ließe. Die Antworten fielen höchst unterschiedlich, Zivildienst- zeit in 1989/90, der Hoch-Zeit der sozialen Kälte (Raabe), der Nato-Doppelbeschluss (Hantel), das Familiencredo an den Diplomatensohn Schäfer "rede mit, mache mit" und Engagement als Gegenbewegung, um nicht mehr in Mittelbuchen "das 5. Rad" (Hormel) in der Hanauer Politik zu sein. Hantel hätte beim Afghanistan-Einsatz fast die politischen Brocken hingeworfen, Schäfer würde dies tun, wenn die Bundesrepublik nicht mehr das Land wäre, das es derzeit ist. Hormel begründete seien möglichen Abschied aus der Politik ähnlich. Raabe nähme indes den Hut, wenn seine "Individualität zu sehr leiden würde" (keine Minister- oder Kanzlerambitionen) oder schlicht der Wählerwille dies so wolle.

Das Themenspektrum zum Abklopfen der Positionen ergab sich weitgehend mit den vorausgegangenen Veranstaltungen (die FR berichtete), in denen Referenten zu den Gefahren der Globalisierung, Ein- schnitten im Sozialsystem sowie Innere Sicherheit und Islam sprachen, ein Thema, dass jedoch am Donnerstagabend außen vor blieb. Arbeitsplätze, Armut, Steuergerechtigkeit, Krankenversicherung sowie Leitbilder und Werte bildeten die Schwerpunkte. Das teilweise Runterbeten von Parteiprogrammen blieb hierbei als Ritual nicht aus, besonders auffällig beim Bewerber der Grünen. Dass die Armut in der Republik, Fischer sprach beispielhaft von "schreiender Armut" in manchen Quartieren von Hanau, vornehmlich die große Arbeitslosigkeit als Grund hat, stand für die Diskutanten unisono fest.

Die geäußerten Lösungsansätze zeigten jedoch unterschiedliche Qualität. Pauschale Steuersenkung und Freibeträge, lautete die Formel bei Schäfer. Die fiskalische Entlastung des untemehmerischen Mittelstandes forderte Hormel, in der frommen Hoffnung, dass die Firmenehefs das Geld hierzulande in neue Arbeitsplätze stecken. Hantel und Raabe gaben sich regierungskonform, wobei der scheidende SPD- Bürgerineister von Rodenbach dem Publikumseinwand beipflichtete, dass Steuererleichterungen nur gut für die sind, die Arbeit haben.

Der etwas steif wirkende Raabe, verdeutlichte am ehesten seine eigene politische Linie. Als Fischer etwa von mangelernährten Kindern in Hanau und ein Bürger von einem Fall von fast Hungertod redeten, musste der SPD-Mann, der als Jugendlicher die Junge Union in Rodenbach gründete, seine Emotionen zurückhalten. Über den wirklichen Hunger werde zurzeit bei Welthungergipfel in Rom verhandelt, regte er sich auf. Der hiesige Hunger habe nichts mit dem System zu tun. Einmal in Fahrt gekommen, schlug der Sozialdemokrat kämpferische Töne gegen die erschreckende Ungerechtigkeit im Land an und scheute auch nicht davor, sich bei den Kleinaktionären unbeliebt zu machen, die mit Blick auf den Shareholder-Value zu Massenentlassungen in den AGs betrügen.

Raabe durfte sich als Punktsieger der Veranstaltung fühlen, ohnehin hatte er in puncto Redezeit den Spitzenplatz eingenommen. Moderator Ralph Fischer hielt die (zahmen) Kontrahenten an einer ziemlich langen Leine, im Nachhaken zeigte er sich bescheiden. In der Beantwortung der Fragen duldete er zu oft thematische Sprünge. Völlig zu Recht konnte Konrad Well, Mitglied der Ökumenischen Initiative, im Schlusswort resümieren, dass es eine "ruhige Diskussion" war. Mit etwas Wehmut erinnerte er an die packenden Podien bei früheren Bundestagswahlen.

Quelle: Frankfurter Rundschau, 15.6.02, Lokalrundschau Main-Kinzig-Kreis, S. I