Breites Bündnis gegen sozialfeindliche Politik
Gewerkschaften und Kirche steuern in Hanau ein Bündnis gegen die zunehmende Profitorientierungen in der Gesellschaft und die wachsende Würdelosigkeit im Umgang mit Menschen an.
HANAU. Die
sozialpolitische Entwicklung in der Republik wühlt Gewerkschafter und Vertreter
der evangelischen Kir- die in Hanau gleichermaßen auf. Zwei Jahre nach einer
ersten gemeinsamen Initiative gegen die Ladenöffnungszeiten am Sonntag haben
die beiden Institutionen weitere Berührungspunkte entdeckt. Ihr Ziel: die
zunehmend rein marktwirtschaftlich orientierten Sichtweise in allen Bereichen
des Lebens zurück zu drängen.
Gewerkschaften und
Kirche sind die einzig gesellschaftlich relevanten Kräfte die das
vermögen", unterstrich Pfarrer Eckehard Klepper gestern auf einer
gemeinsamen Pressekonferenz in der Martin-Luther-Stiftung. Der
DGB-Regionalvorsitzende Arno Enzmann kündigte ein breites Bündnis und Aktionen
gegen die sozialfeindliche Politik an.
Stillschweigend hat
die soziale Kälte Einzug gehalten", konstatierte Friedrich Trapp. Unter
dem Titel "Marktwert der Menschenwürde" hatte der Geschäftsführer in
der Martin-Luther-Anlage knapp zwei Monate Werke des regelmäßig in der FR publizierenden
Karikaturisten Thomas Plaßmann ausstellen lassen und im Rahmenprogramm
Podiumsdiskussionen angeboten. Auch in der Kirche seien in den 9Oer Jahren
gesellschaftliche und sozialpolitische Fragen in den Hintergrund gerückt,
stellte Dekanin Claudia Brinkmann-Weiß fest. Das soll sich nun wieder ändern.
Gegen Tendenzen, Krankheiten wie etwa Sars in erster Linie unter
Kostengesichtspunkten zu betrachten, müsse die Kirche mit Entschiedenheit ihre
Sichtweise zur Würde jedes einzelnen Menschen gegenüber stellen. "Die
Wüirdelosigkeit im Umgang mit Menschen ist längst real“, ergänzte Pfarrerin
Margret Ortmann. Die vermeintlich armen Leute seien wir zunehmend selbst.
Als Reaktion auf die
„Kahlschlagpolitik“ haben sich erstmals in der Hanauer Nachkriegsgeschichte die
Vertreter die Gewerkschaftsvorsitzenden von IG Metall, IG Bau, Chemie und
Energie sowie Verdi und des DGB zu einer gemeinsamen Sitzung getroffen.
Gewerkschafter würden zunehmend verunglimpft und zu den Schuldigen an der
Misere der leeren Kassen gestempelt. "Diese sind wegen einer verfehlten
Steuerpolitik leer" , gibt sich Enzmann kämpferisch. Wenn es Ziel der
Politik sei, die sozialen Grundfesten der Republik zu zerstören. müsse notfalls
auch der Bruch mit der SPD vollzogen werden.
Verdi-Chef Eberhard
Lorenz nannte die fehlende Binnennachfrage als Grund für die aus den Fugen
geratende soziale Marktwirtschaft. Verweise auf die angeblich zu hohen
Lohnnebenkosten in Deutschland seien angesichts der Exporterfolge nicht
nachvollziehbar.
Übermäßige Vermögen
8ind eine Bedrohung der Demokratie, erinnerte Michael Pilz von der IG-Metall an
Worte des US- Präsidenten Hoover aus der Zeit der frühen 30er Jahre. Den Firmen
gehe es in der Regel noch gut. .Ein Unternehmen in Hanau weist 53 Millionen
Euro Gewinn aus und die werden noch von der Körperschaftssteuer befreit" ,
meinte Pilz.
Nachdem der Staat die
Konzerne und Superreichen aus ihrer Verantwortung für das Gemeinwohl ent1assen
habe, wollen die Gewerkschaften nun nach Vorbildern wie in Osterreich oder
Frankreich Widerstand leisten. Die nächste Protestkundgebung ist am Montag, 19.
Mai, in der Stadthalle in Offenbach, wo um 18 Uhr Oskar Lafontaine spricht.
jan
Quelle: Frankfurter Rundschau 17.5.03, S. 40