Brasilien: Benedikt auf heikler Mission

Von Dominik Baur

 

Der Papst verlässt Europa. Bei seiner ersten Interkontinentalreise hat sich Benedikt XVI.

ein besonderes Ziel vorgenommen: Brasilien. Das Land ist nicht nur das katholischste

der Welt, sondern auch eins, in dem die Schäfchen dem Oberhirten in Scharen davon laufen.

 

Hamburg - Die Hälfte aller Katholiken lebt in Lateinamerika, allein in Brasilien leben 135 Millionen

von insgesamt gut einer Milliarde, so viel wie in keinem anderen Land der Welt. Ein religiöses

Heimspiel für das Kirchenoberhaupt, das morgen Abend in São Paulo zu einem viertägigen Besuch

eintrifft, möchte man meinen. Doch die Schlussfolgerung wäre falsch.

 

Das Verhältnis der Brasilianer zu Papst Benedikt XVI. ist keines bedingungsloser Verehrung.

Während sich etwa in seiner deutschen Heimat das Image des ehemaligen "Panzerkardinals"

grundlegend gewandelt hat und einer positiven Haltung in weiten Schichten der Gesellschaft gewichen

ist, überwiegt in Brasilien noch immer die Skepsis. Den Bildern der gelb-weiße Fähnchen

schwenkenden Kinder und der Tausenden von Pilgern bei den großen Messen und vor allem am

Wallfahrtsort Aparecida wird das zwar keinen Abbruch tun, doch weiß auch Benedikt, dass seine

Kirche es gerade hier schwer hat, ihre Schäfchen beisammen zu halten.

 

Früher war das ganz anders. Wenn Johannes Paul II. - wie zuletzt im Oktober 1997 - Brasilien

besuchte, wurde er empfangen wie ein Popstar. Mit seinem Charisma hatte er es nicht schwer,

das Kirchenvolk für sich einzunehmen. Und vor allem: Der Pole galt als glühender Brasilienfan.

Es war eine Liebe auf Gegenseitigkeit. Nachfolger Benedikt dagegen wird als einer gesehen, der

sich für den südamerikanischen Kontinent bislang nur wenig interessiert hat.

 

Groß war die Enttäuschung in Brasilien denn auch, als am 19. April 2005 der ehemalige Präfekt

der Glaubenskongregation auf die Loggia des Petersdoms trat. Habemus papam - die Brasilianer

hatten sich das anders vorgestellt. Fest war man zuvor davon ausgegangen, auf Johannes Paul II.

würde ein Lateinamerikaner folgen - vielleicht Kardinal Claudio Hummes, der damalige Erzbischof

von São Paulo. Aber nein, stattdessen kam dieser kühle, gestrenge Deutsche, der mit der

Lebenswirklichkeit der brasilianischen Katholiken so gar nichts zu tun hatte. Als "Gelehrter von

germanischer Strenge, der Mozart und das Klavierspielen liebt und sich vorwiegend in intellektuellen

Kreisen bewegt" sei Benedikt bislang wahrgenommen worden, zitiert die "Frankfurter Allgemeine

Zeitung" den Theologen Fernando Altemeyer von der Katholischen Universität in São Paulo. Er

prophezeit dem Papst manche Überraschung: "Die Brasilianer, die er im Vatikan erlebt, sind

andere als die, denen er jetzt begegnen wird."

 

Wenig Verständnis für Dogmen aus Rom

Sofern diese überhaupt noch Wert auf eine Begegnung legen. Mittlerweile verzeichnet Brasilien

eine rekordverdächtige Kirchenaustrittsquote. Waren vor 20 Jahren noch 89 Prozent aller Brasilianer

Katholiken, sind es heute nur noch 74 Prozent. "Ich weiß nicht, wie lange Lateinamerika noch katholisch

sein wird", erklärte jüngst Kardinal Hummes, inzwischen von Benedikt in die Kurie geholt, resigniert.

 

Nicht der Atheismus jedoch macht der Kirche die Gläubigen abspenstig wie in Europa. Sekten und

evangelische Freikirchen, allen voran die Neupfingstler erfreuen sich besonders großer Popularität

und geben den Brasilianern den spirituellen Halt, den sie suchen. Mit seiner rigiden Sexualmoral

kann der Vatikan hier wenig punkten. Von der dogmatischen Haltung beispielsweise in Sachen

Geburtenkontrolle und Abtreibung hält der gemeine Brasilianer nicht viel. Rom ist weit.

 

Und dann werden seit langem von der katholischen Kirche Antworten auf das dringendste Problem

des Kontinents erwartet - die Armut. Den meisten Lateinamerikanern genügt es nicht, auf ein

besseres Leben nach dem Tod vertröstet zu werden. Sie wollen Hoffnung für das Hier und Jetzt.

Auf wenig Verständnis stößt es da, wenn durchaus populäre Befreiungstheologen wie jüngst der

Jesuitenpater Jon Sobrino aus El Salvador von ihrem obersten Dienstherrn brüsk gemaßregelt werden.

 

Spektakuläres Finale in Aparecida

Bento, wie ihn die Brasilianer nennen, ist sich der Probleme bewusst. Er ließ bereits verlauten,

er werde auf seiner Reise "starke Botschaften" zu Themen wie Armut, soziale Ungerechtigkeit

und Gewalt verkünden. Und gewiss wird sich der Deutsche aus Rom nicht nur angesichts der

abwandernden Kirchenmitglieder einige Sorgen seiner Bischöfe anhören müssen - auch bei der

Lateinamerikanischen Bischofskonferenz, die der Papst am letzten Tag seiner Reise in Aparecida eröffnet.

 

Damit die Reise jedoch nicht nur zur Krisenmission gerät, wird es in Aparecida noch ein Highlight

in Sachen patriotischem Katholizismus geben. Vor erwarteten 1,5 Millionen Pilgern wird

Benedikt XVI. einen Franziskaner aus dem 18. Jahrhundert, Antonio de Sant'Anna Galvao,

heiligsprechen. Für den Papst könnte das eine willkommene Gelegenheit sein, ein paar ernste

Worte über den Schutz des ungeborenen Lebens fallen zu lassen. Schließlich gilt der Mönch

als Schutzpatron gebärender Frauen.

 

8.5.09

Quelle: http://www.spiegel.de:80/panorama/0,1518,481605,00.html