Das Bistum Essen in NORDRHEIN-WESTFALEN
will 120 Kirchen schließen. Nun bangen die Gemeinden: Welche wird verkauft,
welche abgerissen ? VON TATJANA KIMMEL
ESSEN
Am kommenden Sonntag wird Michael Buschmeier in
die Kirche gehen, wie fast jeden
Sonntag. Aber vielleicht wird er wahrend der Predigt ein wenig unkonzentriert
sein. Denn das Wichtigste kommt diesmal da- nach: das Bischofswort. Dann wird
Buschmeier endlich erfahren, ob es seine kleine katholische Gemeinde St. Maria
Königin in Essen- Haarzopf in Zukunft noch geben wird. Ruhrbischof Felix Genn
muss sparen und will darum bis zum Jahr 2009 insgesamt 263 Gemeinden zu gerade
einmal 35 Pfarreien zusammenfassen. 120 Kirchen- bauten sind dann überflüssig.
Wird Genn St. Maria
K6nigin verschonen, die kleine Gemeinde mit ihren gerade noch 600 Mitgliedern,
in der der 66-jahrige Buschmeier sich seit mehr als 30 Jahren engagiert? Oder
wird die übergeordnete Gemeinde mit ihren mehr als 24 000 Mitgliedern sie
verschlucken? Michael Buschmeier bangt und betet. »Es geht doch nicht ums
Geld«, sagt er. » Wir haben Angst, dass wir mit unserer Kirchengemeinde unsere
Heimat und einen Ort der Warme verlieren.«
Was geschieht dann
mit der Kirche? Noch lasst die Gemeinde diesen Gedanken nicht zu. Aber Pfarrer
Johanni ist klar, dass das Gebäude mit 5000 Quadratmeter Grundstück im Süden
Essens Begehrlichkeiten wecken k6nnte. Die Mitglieder von St. Maria Königin,
sagt Buschmeier, hatten beim Bau ihrer Kirche mitgeholfen und übernahmen auch
sonst die meisten Aufgaben im Pfarramt. Selbst für die Jugendlichen ist hier
die Kirche wichtig; im Keller des Gebäude haben sie einen Raum, zum Tanzen und
Reden. Und wenn St. Maria Königin ihren Gemeindestatus behalten kann, wollen
die Mitglieder einen Förderverein gründen, um das Bistum finanziell zu
entlasten.
Ob das den Bischof
milde stimmen wird, ist allerdings fraglich. Denn für das größte Problem des
Bistums haben sie auch in St. Maria K6nigin keine Lösung. Dem kollektiven
Abfall vom Glauben und den zahlreichen Kirchenaustritten begegnen die
Gemeindemitglieder mit einer Mischung aus Enttäuschung, Hilf- und
Verständnislosigkeit. In den Tagen der » Wir sind Papst«- Euphorie und später,
als der Weltjugendtag zum Event geriet, sch6pften die Katholiken ein bisschen
Hoffnung. Doch all das ist wirkungslos verpufft.
Bei St. Martin in
Essen- Rüttenscheid sank die Zahl der Mitglieder in den letzten Jahren um die
Hälfte. Allenfalls zu Weihnachten wurde die Kirche mal voll. Nun haben die
Übriggebliebenen resigniert und schon vor dem Bischofswort selbst entschieden:
St. Martin wird zum Teil abgerissen und im Übrigen in ein Altenheim nebst
Kindergarten verwandelt. Traurig sei das, sagt Pastor Heinrich Grafflage. Aber
»die Kirche war nicht mehr finanzierbar, und mit nur wenigen Gläubigen haben
die Gottesdienste auch keinen Spaß gemacht«;
Wie viele Kirchen im
Ruhrgebiet wurden St. Maria Königin und St. Martin in den sechziger Jahren
erbaut. Der Gründungsbischof des Bistums Essen Franz Hengsbach wollte den
Gläubigen, die schon damals die Kirche in Scharen verließen, im Wortsinn
entgegenkommen. Kein Katholik sollte langer als 15 Minuten zum Gottesdienst
gehen müssen, verkündete er und lieg nicht weniger als 120 neue Kirchen bauen.
Doch die Hoffnungen des Bischofs erfüllten sich nicht. Zahlte das Bistum in den
sechziger Jahren noch 1,5 Millionen Katholiken, sind es jetzt nur noch etwa 950
000, Tendenz fallend. Jedes Jahr verliert der Oberhirte des Ruhrbistums weitere
10 000 Schafchen.
Was geschieht nun mit
den überf1iissigen Kirchen? Der Kulturbeauftragte des Bistums Essen,
Herbert Fendrich, würde die sakralen Raume am liebsten für kirchennahe
Einrichtungen wie Caritas, Altersheime, Schulen oder Kindergarten nutzen. Aber
dieser fromme Wunsch wird nur an wenigen Orten erfüllt werden. Man dürfe der
Fantasie keine Grenzen setzen, sagt Fendrich. Er kann sich ein Kletterzentrum
in einem ehemaligen Kirchenraum genauso vorstellen wie ein Restaurant,
Wohnungen oder ein Ärztehaus. An Muslime will das Bistum seine Gotteshäuser
nicht verkaufen, wofür aber nicht theologische, sondern psychologische Gründe
angeführt werden: Man will die Befürchtungen in den Gemeinden nicht weiter
steigern. Außerdem, sagt Fendrich, gebe es entsprechende Nachfragen bislang
ohnehin nicht.
Sorgen macht sich
Fendrich um architektonische Schätze wie die 1929 erbaute expressionistische
Heilig Kreuz- Kirche in Gelsenkirchen. 2000 Gläubige haben dort Platz;
unwahrscheinlich, 'dass je so viele zu einem Gottesdienst gekommen sind. Wenn
sich kein Käufer findet, wird die große Pforte schlicht abgeschlossen.
Schlimmstenfalls,
sagt Fendrich, müsse auch einmal eine Kirche abgerissen werden. Gem sagt er das
nicht. Jeden Tag rufen Gemeindemitglieder im Bistum an, die sich um die Zukunft
ihrer Kirche sorgen. Einige drohen mit Austritt.
Quelle: DIE ZEIT, 12.1.06, S. 11