Schweizer Bischof: Tradition des Zölibat kann geändert werden

St. Gallen, 5.4.2004 (KNA). Der Zölibat ist nach Ansicht des katholischen
Bischofs von St. Gallen, Ivo Fürer (74), kein unabänderliches Gesetz.
Vielmehr gebe es auch in der katholischen Kirche die Notwendigkeit zur
Erneuerung, sagte Fürer vor Journalisten. So wie die Tradition des Lateins
als Sprache der Liturgie aufgegeben worden sei, so könne in Zukunft auch die
Tradition des Zölibats geändert werden, meinte der Bischof, der am
Wochenende sein 50-jähriges Priesterjubiläum gefeiert hat.

Wenn die Kirche die Botschaft des Christentums an die zukünftigen
Generationen weitergeben wolle, so müsse sie sich mit der gesellschaftlichen
Wirklichkeit auseinander setzen, unterstrich Fürer. Das Zweite Vatikanische
Konzil habe das Grundprinzip bestätigt, dass die Kirche immer erneuert
werden müsse. Es gelte deshalb der Versuchung zu widerstehen, einfach alles
beim Alten zu belassen, um das Jahrtausende alte Erbe der Kirche
weiterzutragen.

Quelle:
http://www.kna.de/webnews/kwn0_472prs865qylo/kwn0-20040405t112733812.htm

Linktipp zum Thema:

Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF):
==> http://www.nwn.de/vkpf/

 

Dazu berichtet das St.Galler Tagblatt in Form eines Interviews:

«Gott ist ein Geheimnis»
«Wenn ich von Gott nur das nehme, was ich will, dann begegne ich
letztlich nicht Gott, sondern nur mir selbst.» Dies sagt Ivo Fürer,
Bischof von St. Gallen. Vor 50 Jahren wurde er zum Priester geweiht. Ein
Gespräch darüber, was die Kirche ist und sein soll, über Sinn und Unsinn
des Zölibats, Gott und die Welt. Und über den Weg, der den Bischof zum
Glauben geführt hat.

RS: Herr Fürer, zuerst ein Ausblick: Wie wird sich die Kirche in 25
Jahren präsentieren?
Ivo Fürer: Der Kreis der Menschen, die unseren Glauben teilen und
kirchliche Gemeinschaft bilden, wird kleiner werden. Ein anderer Kreis
wird dafür wachsen: der Kreis jener Menschen, die froh sind, dass es
eine Kirche gibt, weil sie deren Werte teilen. In Zeiten der Lebenswende
und der besonderen Anforderungen hat die Kirche im Sinne einer
Orientierungshilfe für Menschen eine grosse Bedeutung.

RS: Von welchen Anforderungen sprechen Sie?
Fürer: Die Menschen stellen heute die Frage nach dem Sinn des Lebens
mehr als noch vor 50 Jahren. Die Aufgabe der Kirche ist es, darauf eine
Antwort zu geben. Ich persönlich erkenne einen tiefen Sinn in meinem
Leben, weil ich glaube, dass ich von Gott geschaffen und geliebt bin.
Doch ist es nicht leicht, diesen Sinn mitzuteilen. Das hat auch
geschichtliche Gründe: In der Vergangenheit wurde die Kirche als eine
Institution empfunden, die ihre Lehre den Menschen aufdrängt und ihre
Freiheit beschränkt. Seit der Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts ist
aber eine Tendenz beobachtbar, die den Menschen zu mehr Freiheit und
Selbständigkeit erzieht. Diese Tendenz hat auch vor der Kirche nicht
Halt gemacht.

RS: Bedauern Sie diese Entwicklung?
Fürer: Im Gegenteil. Ich erkenne darin ein Erwachsenwerden des Menschen.
Er wächst nicht mehr in einem Sinnganzen auf, in dem sich von selbst
versteht, was «man» macht oder was «man» denkt. Das gilt auch für den
Glauben an Gott: Er ist nicht mehr selbstverständlich. Der Mensch muss
erst zu Gott finden.

RS: Ist die Religion heute zu einer Privatsache geworden?
Fürer: Das ist in unserer individualistischen Welt unvermeidlich. Ich
halte die Trennung von Staat und Kirche für sinnvoll. Doch hat dies
zugleich zu einem Defizit geführt, an dem wir heute leiden: Es wird
immer schwieriger, sich auf gemeinsame Werte zu verständigen. Die Kirche
hatte einst auch die Funktion, die menschliche Gemeinschaft auf
verbindliche Werte zu verpflichten. Heute fällt diese Aufgabe der
Gesellschaft selbst zu. Das macht die Sache nicht einfacher.

RS: Wir haben über das Verhältnis zwischen Kirche und Gesellschaft
gesprochen. Doch wie wird sich die Kirche verändern? Konkret: Wird das
Zölibat auch in 25 Jahren noch Bestand haben?
Fürer: Es gibt einen Kern des Glaubens: dass Gott uns geschaffen hat,
dass uns Gott in Christus nahe gekommen ist, dass Christus gestorben und
auferstanden ist, dass wir zu einem ewigen Leben berufen sind. Daran
hält die Kirche fest. Anderes hingegen wird und muss sich ändern. Dazu
gehört meiner Auffassung nach auch das Zölibat. Es existiert zwar eine
lange Tradition des Zölibats in der lateinischen Kirche. Aber so wie
etwa die Tradition des Lateins als Sprache der Liturgie aufgegeben
wurde, kann in Zukunft auch die Tradition des Zölibats geändert werden.

RS: Sie sehen das ziemlich gelassen.
Fürer: Für mich ist die Kirche unterwegs. Wenn wir die Botschaft des
Christentums an die zukünftigen Generationen weitergeben wollen, müssen
wir uns mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit auseinander setzen.
Dabei vertraue ich darauf, dass Christus das Haupt der Kirche heute wie
im 1. Jahrhundert ist.

RS: Sehen dies auch andere Würdenträger so?
Fürer: Ich erinnere an ein Grundprinzip aus dem Zweiten Vatikanischen
Konzil von 1962-1965: «ecclesia semper reformanda», sprich: Die Kirche
muss immer erneuert werden. Wir haben ein jahrtausendealtes Erbe
weiterzutragen, und natürlich ist man versucht, alles beim Alten zu
belassen, um das Erbe nicht zu verlieren. Doch gilt es dieser Versuchung
zu widerstehen. Denn es handelt sich nicht um ein Erbe von leblosen
Sätzen, sondern es ist eine Botschaft, die sich an Menschen richtet und
die immer wieder neu übersetzt werden muss.

RS: Blicken wir nun zurück: Wie haben Sie das Priestertum vor 50 Jahren
erlebt, als Sie geweiht wurden?
Fürer: Früher hatte der Priester eine wichtige gesellschaftliche
Funktion. Entsprechend wurde er wahrgenommen: mehr als Priester denn als
Mensch. Heute verhält es sich umgekehrt. Es zählt mehr der Mensch als
die Stellung. Das fordert die Priester, sie müssen die Menschen
überzeugen können.

RS: Ist es schwieriger geworden, Priester zu sein?
Fürer: Einerseits ja, denn der Glauben versteht sich nicht mehr von
selbst. Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten. Andererseits kann
ich aber heute als Priester mehr mich selber sein, nicht mehr nur der
Träger einer Funktion.

RS: Wie haben Sie zum Glauben gefunden?
Fürer: Ich bin in Gossau aufgewachsen. Damals war das kirchliche Leben
absolut selbstverständlich. Alle gingen in die Kirche, und alle wussten,
wer ihr am Sonntag fernblieb. Heute ist es wohl eher umgekehrt. Ich bin
gleichsam in die Kirche hineingewachsen. Dieses Milieu gefiel mir, und
ich diente gerne als Ministrant. Dies hat mich auch der Liturgie näher
gebracht.

RS: Jenseits dieses kirchlichen Eingebettetseins - gibt es prägende
Erfahrungen, die Sie auf den priesterlichen Weg gebracht haben?
Fürer: Die Theologie von Karl Rahner hat mich zweifellos geprägt. Er
stand damals in seiner Blüte, ich kann mich gut an meine Zeit in
Innsbruck erinnern. Es war eine harte Zeit, nach dem Krieg. Kommilitonen
von mir waren eben aus der russischen Kriegsgefangenschaft
zurückgekehrt. Dieses Leid hat mich vielleicht besonders empfänglich
gemacht für die tiefe Theologie von Rahner. Er stellte den Menschen in
den Mittelpunkt, seine Schriften waren Zeugnisse eines tief religiösen
Menschen, der sich mit aktuellen Fragen beschäftigte.

RS: Was hat Sie an Karl Rahners Theologie besonders beeindruckt?
Fürer: Seine «Theologie des Todes», die er damals entwickelte. Er
begriff den Tod als etwas, was das Leben nicht nur beendet, sondern
zugleich in die Ewigkeit hinein vollendet. Die grosse Anziehungskraft,
die die Frage nach dem Sinn des Todes auf mich ausübte, mag auch
biografische Gründe haben. Als ich viereinhalb Jahre alt war, starb mein
Vater. Sein Zimmer lag neben dem meinen, und als er um fünf Uhr morgens
entschlief, wachte ich plötzlich auf. Ich kann mich noch heute an jedes
Detail erinnern, an das Zimmer, die Trauer, das Grab.

RS: Stand die Todeserfahrung eines anderen am Anfang Ihres Glaubens?
Fürer: Damals habe ich dies nicht so wahrgenommen. Aber wenn ich heute
zurückblicke und mir meinen Lebensweg vor Augen halte, scheint es mir
so. Am Grab meines Vaters habe ich den Sinn des menschlichen Lebens in
einer anderen Dimension erfahren. Diese Erfahrung hat mich mein Leben
lang begleitet.

RS: Wir haben von Ihrem Lehrer gesprochen, dessen Denken stets vom
Menschen ausging. Was ist für Sie der Mensch?
Fürer: Etwas Grossartiges, Einzigartiges. Von aussen betrachtet, mag der
Mensch als das zufällige Produkt eines Evolutionsprozesses erscheinen.
Aber für Gott gibt es keine Zeit, wie sie für die Evolution notwendig
war. Aus göttlicher Sicht ist der Mensch deshalb kein Zufallsprodukt,
sondern steht von Anfang an in seiner Einzigartigkeit fest.

RS: Was antworten Sie jemandem, der Sie fragt: Was bringt die Kirche?
Fürer: Ich kann nur sagen, was sie mir bringt. Mir hat sie den Glauben
geschenkt, den Zugang zu Gott. Das bedeutet für mich Gelassenheit,
Freude und die Gewissheit, nicht allein zu sein. Ich glaube aber, dass
die Kirche nur dem etwas bringt, der ihr auch etwas bringt ...

RS: ... was bringt?
Fürer: Er muss fragen und staunen können. Gott ist ein Geheimnis. Der
Mensch muss die Bereitschaft mitbringen, sich auf dieses Geheimnis
einzulassen. Wer nur in sich zementiert lebt und nur das annimmt, was
ihm passt, dem fehlt die Offenheit für etwas Grösseres. Wenn ich von
Gott nur das nehme, was ich will, dann begegne ich letztlich nicht Gott,
sondern nur mir selbst.

Interview: René Scheu

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Von Mensch zu Mensch

Die Begrüssung des Bischofs ist warm. Keine Formalitäten, keine
Floskeln. Um ein offenes Gespräch zu ermöglichen, teile ich ihm mit,
Agnostiker zu sein. Jemand also, der davon überzeugt ist, dass sich
weder die Existenz noch die Nichtexistenz Gottes beweisen lässt (was ihn
vom Atheisten unterscheidet). Der Bischof reagiert gelassen, menschlich.
Das Gespräch kann beginnen, von Mensch zu Mensch. Das ist konsequent,
denn der Mensch steht auch im Mittelpunkt von Ivo Fürers Glauben und
Denken. Wie sein Lehrer Karl Rahner begreift er ihn als ein Wesen der
Transzendenz, das über sich hinausweist - zu Gott. Gott ist kein
Abstraktum, sondern wirkt im Menschen in der Frage: Was will Gott von
mir? Der Bischof spricht langsam und formuliert präzise. Seine Antworten
liegen nicht einfach bereit, sondern werden im Gang des Gesprächs
entwickelt. Ein Schritt nach vorn, ein Schritt zurück, ein besonnener
Gang.

Geboren wurde Ivo Fürer am 20. April 1930 in Gossau, wo er auch
aufwuchs. Er besuchte die Gymnasien Friedberg und Appenzell und
studierte nach dem Zweiten Weltkrieg Theologie, unter anderem bei Karl
Rahner in Innsbruck. Am 3. April 1954, noch vor der Vollendung seines
24. Lebensjahres, wurde er zum Priester geweiht. Seither sind 50 Jahre
vergangen - Anlass, sich an diese Zeit zurückzuerinnern. 1995 wurde Ivo
Fürer, der zuvor als Vikar, Bischöflicher Sekretär und Generalsekretär
des Rates der europäischen Bischofskonferenz wirkte, zum Bischof von St.
Gallen gewählt. (rs)

Quelle:
http://www.tagblatt.ch/mailartikel.cfm?pass_id=894693&ressortname=Archiv