Bischof Marx verweigert der Theologin Ammicht-Quinn die
Lehrerlaubnis und eine Begründung seiner Entscheidung
VON MARKUS BRAUCK
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Die Geschichte beginnt am 13. Mai vergangenen
Jahres. An diesem Tag schreibt der Trierer Bischof Reinhard Marx an den
Saarbrücker Wissenschaftsminister. Er teilt ihm mit, dass er nicht bereit sei,
der Theologin Regina Ammicht-Quinn die Lehrerlaubnis zu erteilen. Für die Frau
ist es das akademische Todesurteil. Schon einmal ist sie auf dem Weg zu einem
Lehrstuhl an einem Bischof gescheitert. Das kommt vor. Das haben schon andere
erlebt. Doch ein zweites Nein, das weiß sie, wiegt schwer.
Nirgends ein Bischof in Deutschland, der bereit und mutig genug wäre, sich über
das Urteil zweier Kollegen hinwegzusetzen. Die Theologin genießt einen sehr
guten Ruf. In beiden Fällen war sie Wunschkandidat der Universitäten. Als
Gastdozentin und Rednerin ist sie gefragt. Die baden-württembergische
Ministerin Annette Schavan nennt sie eine ihrer "Lieblingstheologen".
Sie gilt als Hoffnungsträgerin der Theologie, als eine der wenigen, die
versucht, das Christentum auch Menschen in einer nachchristlichen Gesellschaft
zugänglich zu machen. Und als eine der ganz wenigen, die das auch kann. Mit dem
Brief vom 13. Mai ist das vorbei. Sie wird aus der Kirche gedrängt. "Das
ist ein berufsverbietendes Urteil", sagt der Moraltheologe Dietmar Mieth.
Mit einem Brief ist sie erledigt. Sie weiß bis heute nicht, was man ihr
vorwirft. Sie hatte keine Gelegenheit, sich zu verteidigen.
Regina Ammicht-Quinn ist nicht das, was man sich unter einer Ketzerin
vorstellt. Auch in ihren Büchern wird man auf der Suche nach skandalösen
Stellen nicht fündig. Sie will die Kirche nicht abreißen, im Gegenteil. Will
Menschen, die mit Christentum nichts anfangen können, erklären, warum ihr das
alles so viel wert ist, Glaube und Kirche. Sie lebt heute, mitten in Frankfurt
am Main, mit Mann und zwei Kindern. Das macht sie in der Klerikerzunft zur
Exotin. Überall sonst macht es sie beruhigend normal. Ihr Mann werkelt in der
Wohnung herum, die Kinder sind bei Freunden, sie kocht Tee und serviert
Plätzchen. Sie räumt Spielzeug beiseite: "Wenn ich morgens am Schreibtisch
Theologie treibe, dann muss sich das auch nachmittags in meinem Leben behaupten.
Auf dem Spielplatz, beim Elternabend, beim Kinderarzt."
Vielleicht landet sie darum in ihren Texten niemals im Elfenbeinturm der
Begriffsklauberei. Sie schreibt viel über Sexualität, und dabei geht sie nicht
einfach Gebote und Verbote durch, wägt Für und Wider ab. Sie fängt einfach dort
an, wo jeder andere auch anfangen würde, nur Theologen kurioserweise nicht:
Beim Körper. Sie rührt im Tee. "Ich kann nur hoffen, dass die Theologie
merkt, dass etwas fehlt, wenn ich fehle", sagt sie.
Vordringende Gerüchte
Sie ist draußen. Lange weiß sie davon nichts. Weder der Wissenschaftsminister
Jürgen Schreier noch Bischof Marx teilen der Theologin mit, welches Urteil über
sie gefällt wurde. Es dauert mehr als zwei Monate, bis Gerüchte zu ihr dringen.
Die Pressestelle des Bistums gibt eine Erklärung ab. Sie selbst erfährt nichts.
Bischof Marx rührt sich immer noch nicht. Erst als sie, einen weiteren Monat
später, selbst vorstellig wird und in einem Brief Auskunft verlangt, schreibt
er in dürren Worten zurück. Gründe nennt er nicht. Auch stört es ihn kein
bisschen, dass er mit seinem Vorgehen eine Handreichung der Deutschen
Bischofskonferenz umgeht, die in solchen Fällen vom Bischof verlangt, mit der
Betroffenen zu reden. Sein lapidarer Kommentar: "Dies ist keine verbindliche
Weisung."
In seinem Bischofspalais in Trier lässt Marx
seiner rheinischen Natur freien Lauf. Vor Journalisten scheut er nicht zurück,
saß schon bei "Christiansen" in der Plauderrunde. Er mag das Genöle
und Gejammer der deutschen Katholiken nicht, genießt sein Amt. Will vorwärts.
Mit guter Laune poltert er durchs Gespräch. Nur bei Kritik an der katholischen
Kirche wird er ungemütlich. "Er mag Abweichler nicht", sagt einer, der
ihn kennt. "Er ist der Meinung, dass es in der deutschen Kirche jetzt
schon zu viele Abweichler gibt." Überdies sei er sehr um sein Rom-treues
Image besorgt. Das braucht er, um weiter Karriere zu machen. Gotthold
Hasenhüttl, der Priester, der beim Gemeinsamen Kirchentag auch Protestanten die
Kommunion reichte, gehört zu seinem Bistum. Marx hat ihn damals hart
abgekanzelt.
Seitdem sie weiß, dass es diesen Brief von Marx gibt, kämpft Regina
Ammicht-Quinn darum zu erfahren, was dort geschrieben steht. Oder was ihr in
den Gutachten zu ihren Veröffentlichungen, die Marx eingeholt hat, vorgeworfen
wird. Immerhin geht es um ihren Ruf als Theologin. Sie will sich wehren, doch
sie kennt nicht mal die Vorwürfe. Um die Entscheidung des Bischofs herum zieht
sich eine Mauer des Schweigens. Das Ministerium verweist auf die Kirche und die
Universität. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann,
beantwortet ihren Brief nicht. "Er hat zu wenig Zeit", entschuldigt
sein Pressesprecher. Bischof Marx, von seinen Mitarbeitern als
"Fernsehbischof" und "Medienmann" bewundert, antwortet auf
Anfrage der FR in drei Sätzen: "Die Entscheidung liegt jetzt ein
Jahr zurück. Von daher möchte ich mich heute nicht mehr dazu äußern. Ich kann
nur sagen, dass ich mir die Entscheidung damals nicht leicht gemacht
habe." Die Anfrage lautete, ob er in dem Verfahren rechtsstaatliche
Grundsätze gewahrt sehe. In einer früheren Presseerklärung des Bistums heißt es
einigermaßen beleidigt: "Wenn der Bischof nicht auch einmal oder auch
zweimal begründet ,Nein' sagen könnte, bräuchte man ihn ja gar nicht erst zu
fragen."
Die Karriere ist pfutsch. Ihr Bild von der
Kirche angekratzt. Regina Ammicht-Quinn will nur wissen, warum. Es ist kein
Kampf gegen die Kirche. Es ist einer um ihr Recht. Deshalb hat sie sich erst
spät entschlossen, ihre Geschichte öffentlich zu machen. "Ich will nicht
ins Fernsehen gezerrt werden, nur um über den Papst und die Kirche zu
schimpfen." Sie bleibt loyal zu ihrer Kirche. Hoffnung, alles werde sich
zum Guten wenden, hat sie kaum: "Vielleicht erreiche ich, dass anderen
diese Ungerechtigkeit erspart bleibt." Und für sich selbst? "Ich muss
überlegen, was ich mit meinem Berufsleben noch anfangen könnte." Sie hält
weiter Vorträge, schreibt. Sonst: Ratlosigkeit.
Im Dienst der Wissenschaft
Diese Geschichte ist keine klassischer Kämpfe von Linken und Rechten in der
Kirche. Auch wenn Regina Ammicht-Quinn über Sexualmoral schreibt, was sie
manchen Konservativen von vornherein verdächtig macht. Sie betreibt keine
Papst-Kritik wie Küng, sie wühlt nicht im Seelenleben der Priester wie
Drewermann. Sie ist ganz und gar nicht auf den traditionellen Dreiklang von
Papst, Pille und Zölibat abonniert. Vor allem ist sie Wissenschaftlerin.
Deshalb stößt das bischöfliche Verhalten nach Gutsherrenart auch
konservativeren Geistern in der Kirche übel auf. Es "unterbietet die
Selbstverständlichkeiten einer rechtsstaatlichen Praxis und verletzt das
Rechtsempfinden", schrieben die Professoren Hans F. Zacher, Hanspeter
Heinz und Hans Maier dem Bischof.
Gerade Maiers Stimme hat in der deutschen Kirche Gewicht. "Geradezu
kafkaesk", findet er die Situation: "Die Gutachten bleiben unbekannt,
die Gutachter anonym. Nicht einmal gegen Denunzianten ist Frau Ammicht-Quinn geschützt."
Unter Theologieprofessoren gilt der Fall als tragisch. "So eine
Habilitation zu schreiben und gleichzeitig zwei Kinder großzuziehen, das nötigt
mir Respekt ab", sagt ein Moraltheologe, der nicht namentlich zitiert
werden möchte. Und zugleich: "Es war vielleicht ein Fehler, dass sie über
Sexualmoral geschrieben hat, bevor sie Professorin war. Wir wissen doch, dass
es bei dem Thema schnell Probleme gibt. Deshalb halten sich da ja alle
zurück." Und schweigen.
31.3.03 Frankfurter Rundschau S. 3
Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/die_seite_3/?cnt=413553&cnt_page=1