Bischof Kamphaus betont Recht auf Arbeit

 

Frankfurt. In eindrucksvollen, mit viel Beifall bedachten Worten hat der Limburger Bischof Franz Kamphaus beim Neujahrsempfang der DGB-Region Frankfurt-Rhein-Main davor gewarnt, in der Diskussion über die Arbeitslosigkeit die Maßstäbe auf den Kopf zu stellen und die Betroffenen als die Schuldigen an ihrer eigenen Situation darzustellen. Das Recht auf Arbeit und soziale Teilhabe gehöre zu den unveräußerlichen Rechten des Menschen, betonte Kamphaus. Eine Gesellschaft oder Wirtschaft, die sich der Pflicht entziehe, möglichst viele Arbeitsplätze zu schaffen, gefährde die soziale Marktwirtschaft und die Demokratie.

Vor zahlreichen Gästen im DGB-Haus kritisierte der Bischof die Forderungen von Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel, Deutschland müsse wieder an der Spitze stehen. Wirtschaft brauche Leistungsstärke, so Kamphaus, aber er wehre sich «gegen eine Konkurrenzlogik, die meint, wir sind nur dann gut, wenn wir andere übertrumpfen und ausstechen». Es gebe Aufgaben, die nur gemeinsam, nicht gegeneinander bewältigt werden könnten. Konkurrenz müsse sein, aber sie belebe nicht nur das Geschäft, sondern könne es auch ruinieren. «Solange der Billigste auf dem Weltmarkt gewinnt, egal wie sein Produkt zu Stande kommt, bleibt Ausbeutung der Schlüssel zum Erfolg.»

Bischof Kamphaus plädierte dafür, im Zweifelsfall das auf dem Arbeitsmarkt zu erzielende Einkommen durch soziale Transferleistungen aufzustocken, um den Menschen die Teilhabe am Leben der Gesellschaft zu ermöglichen. Zugleich brach er eine Lanze für die Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen. Dies könne dazu beitragen, die durch Flexibilisierung und Verunsicherung geschwächte Leistungsmotivation und Identifikation mit dem Unternehmen zu wieder zu stärken. Eigentum in Arbeitnehmerhand könne «auch dem vagabundierenden Kapital Bodenhaftung geben». Die Organisation der Arbeit müsse menschengerecht sein, sonst werde sie unmenschlich: «Was nützt eine gesunde Wirtschaft, wenn der Mensch krank wird?»

Bei aller berechtigten Sorge um Arbeit und Wohlstand dürfe Angst nicht zum beherrschenden Lebensgefühl und zum Leitprinzip der Politik werden, hob Kamphaus hervor. Im internationalen Vergleich zähle Deutschland immer noch zu den Starken. Auch Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) betonte in ihrer Ansprache, es sei wichtig, wieder mehr Zuversicht zu wecken. Wenn die notwendigen Reformen überzeugend vermittelt würden, seien die Arbeitnehmer dafür zu gewinnen. Welche Chancen Umstrukturierungen böten, zeige sich auf dem Gelände von Infraserv, wo heute mehr Beschäftigte arbeiteten als früher bei der Hoechst AG.

DGB-Chef Harald Fiedler appellierte an die Politik, «der Brutalität des freien Marktes Schranken zu setzen». Neben einer Wirtschaft, die wieder mehr reguläre Arbeitsplätze schaffe, werde auch ein öffentlich geförderter Beschäftigungssektor benötigt. Die Stadt Frankfurt müsse deshalb auch weiterhin die 40 Millionen Euro bereitstellen, die sie bisher dafür einsetze. Nachdrücklich wandte sich Fiedler gegen weitere Belastungen durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer oder steigende Preise für den öffentlichen Nahverkehr. Dies sei «nicht akzeptabel und auch kontraproduktiv». Die Gewerkschaften wollten in den kommenden Tarifrunden nicht nur einen Inflationsausgleich, so Fiedler, sondern «unseren Anteil an dem, was erwirtschaftet worden ist». (jge)

Quelle: Frankfurter neue Presse, 9.1.06, S. 15