Die fünf
nordrhein-westfälischen Bischöfe und Diözesanadministratoren haben die
Verantwortlichen in Politik, Unternehmen und Gewerkschaften zu einer
"außerordentlichen Kraftanstrengung" zur Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit aufgerufen. So wie bisher könne es in Deutschland nicht
weitergehen, heißt es in der am Freitag, 7. März, von den Bistümern
veröffentlichen Erklärung. "Wir stellen die Frage, ob die
Verantwortungsträger in Deutschland , die Regierungen und Parlamente in Bund
und Ländern, die Kommunen, die Unternehmer und Gewerkschaften, wirklich alles
ihnen Mögliche getan haben, um die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen, um neue
Arbeitsplätze zu schaffen und Millionen von Mitbürgern und ihren Familien aus
der wirklichen sozialen Ungerechtigkeit der Massenarbeitslosigkeit zu
befreien?" Unfreiwillige Arbeitslosigkeit mit ihren dramatischen Folgen
sei "zutiefst inhuman und widerspreche dem christlichen Bild vom Menschen.
Die Bemühungen der
Verantwortlichen dürften sich nach Ansicht der Bischöfe nicht darauf
beschränken, die Vermittlung von Arbeitslosen in vorhandene Stellen effizienter
zu gestalten. Es gehe vor allem um die Schaffung neuer, zukunftssicherer
Arbeitsplätze. Dazu seien private und öffentliche Investitionen und ein hohes
Wirtschaftswachstum erforderlich. Insbesondere für kleine und mittlere
Unternehmen müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass sie neue Arbeitsplätze
einrichten könnten.
Nachdrücklich appellieren
die Bischöfe an die besondere Verantwortung der Tarifpartner. Es sei nicht zu
erkennen, inwieweit die letzten Tarifabschlüsse auch einen Beitrag zu dem
gemeinsamen Ziel geleistet hätten, Arbeitsplätze zu sichern, heißt es in dem
Aufruf. Als "alarmierend" bewerten die Bischöfe die Entwicklung auf
dem Ausbildungsmarkt. Es sei eine gesellschaftliche Verpflichtung ersten
Ranges, ausbildungsfähigen und ausbildungswilligen jungen Menschen eine Chance
zum Einstieg in eine selbstverantwortetes Leben zu ermöglichen, betonen sie.
"Die hohe
Arbeitslosigkeit treibt unsere Gesellschaft an den Rand der
Belastbarkeit", heißt es abschließend in dem Aufruf. Deshalb seien alle
aufgerufen, einen Beitrag zu leisten: der einzelne Bürger, der gewissenhaft mit
seinen Ansprüchen an den Staat umgehen sollte; die Tarifparteien, die
Mitverantwortung für die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt tragen und der Staat,
indem er seine Politik vorrangig und gezielt auf die Schaffung von neuen
Arbeitsplätzen ausrichtet.
Die Erklärung im
Wortlaut:
Aufruf der
(Erz-)Bischöfe und Diözesanadministratoren
der fünf in
Nordrhein-Westfalen gelegenen Diözesen
Aachen, Essen, Köln,
Münster und Paderborn
zur Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit
Das Schicksal
arbeitsloser Menschen ist für uns längst mehr als eine Zahl in der Statistik.
Bei den Besuchen in den Pfarrgemeinden unserer Bistümer begegnen wir den
Arbeitslosen. Die Veröffentlichungen der Arbeitsämter bieten anonyme
Statistiken - die Begegnung mit den Arbeitslosen vermittelt einen Einblick in
die existentielle Situation. Arbeitslosigkeit betrifft den Menschen im Kern
seiner Person. Die Mitarbeiter in den kirchlichen Beratungsdiensten berichten
oft mit Erschütterung, wie sehr das psychische, familiäre und soziale
Gleichgewicht durch Arbeitslosigkeit gestört wird. Die Auswirkungen der
Arbeitslosigkeit sind zum Teil zu einem beherrschenden Schwerpunkt der
Beratungstätigkeit geworden. Die Enzyklika "Laborem exercens" von
Papst Johannes Paul II. bezeichnet Arbeit als eine "grundlegende Dimension
menschlicher Existenz". Arbeitslosigkeit erschüttert damit das
Lebensfundament. Der tragende Grund ist beschädigt, so daß Mauern und Pfeiler
des Lebenshauses Risse zeigen und das Ganze ins Wanken bringen.
Im Februar 2003
waren in Deutschland mehr als 4,7 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Dies
ist mit 11,3 Prozent Arbeitslosenquote einer der höchsten Werte seit Bestehen
der Bundesrepublik Deutschland. Die Hauptlast haben dabei die neuen
Bundesländer zu tragen. Aber auch das Ruhrgebiet liegt mit einer Quote von 12,9
Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt.
Seit 1974 ist die
Massenarbeitslosigkeit in Deutschland praktisch kontinuierlich gestiegen und
hat sich nur für relativ kurze Zeiträume vorübergehend etwas abgebaut. Der
Anteil der Langzeitarbeitslosen ist gewachsen, und gerade in letzter Zeit sind
junge sowie überdurchschnittlich gut qualifizierte Menschen mitten in einer
erfolgreichen beruflichen Entwicklung betroffen.
Aus der Perspektive
vieler Arbeitsloser ist unsere Gesellschaft gespalten in Besitzer und
Nicht-Besitzer von Arbeitsplätzen. Wer Arbeit hat, kann ein verhältnismäßig
sorgenfreies Leben mit Entwicklungschancen, persönlicher und gesellschaftlicher
Anerkennung führen und verfügt über eine begründete Lebensperspektive für
Familie und Kinder. Wer jedoch keine Arbeit hat, wird bedrückt von Sorge,
Ungewißheit, Selbstzweifeln, Depressionen und muß häufig hinnehmen, daß
Lebenspläne zerstört werden und die Existenzsicherung der Familie aus eigener
Kraft nicht mehr möglich ist.
Niemand ist heute
gegen Arbeitslosigkeit gefeit. Sie betrifft alle Berufszweige und Schichten.
In dieser
dramatischen Lage rufen wir erneut gemeinsam wie 1994 zu einer
außerordentlichen Kraftanstrengung auf. Es ist eine gesamtgesellschaftliche,
gesamtstaatliche und gesamteuropäische Aufgabe von höchster Priorität, die
Arbeitslosigkeit zu stoppen, abzubauen und zukunftssichere, neue Arbeitsplätze
zu schaffen. So wie bisher kann es in Deutschland nicht weitergehen. Wir stellen
die Frage, ob die Verantwortungsträger in Deutschland, die Regierungen und
Parlamente in Bund und Ländern, die Kommunen, die Unternehmer und
Gewerkschaften, auch in ihrer Eigenschaft als Tarifpartner, wirklich alles
ihnen Mögliche getan haben, um die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen, um neue
Arbeitsplätze zu schaffen und Millionen von Mitbürgern mit ihren Familien aus
der wirklichen sozialen Ungerechtigkeit der Massenarbeitslosigkeit zu befreien.
Haben unsere Verantwortungsträger wirklich die Überwindung der Arbeitslosigkeit
zu ihrer zentralen, alles andere überragenden Aufgabe gemacht? Diese Fragen
stellen wir mit allem Nachdruck, weil unfreiwillige Arbeitslosigkeit mit ihren
dramatischen Folgen für den Betroffenen und seine Familie zutiefst inhuman ist
und dem christlichen Bild vom Menschen widerspricht. Dies verpflichtet uns alle
zu Gerechtigkeit und Solidarität.
Als alarmierend
bewerten wir die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt. Zum Beginn des
Ausbildungsjahres waren bundesweit mehr als 23.000 Bewerberinnen und Bewerber
ohne Ausbildungsplatz. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies einen Zuwachs um
14.3 Prozent. Diese jungen Menschen erleben direkt am Start ihres beruflichen
Werdegangs ein Scheitern, von dem sich manche nicht mehr erholen. Es ist eine gesellschaftliche
Verpflichtung ersten Ranges, ausbildungsfähigen und -willigen jungen Menschen
eine Chance zum Einstieg in ein selbstverantwortetes Leben zu ermöglichen.
Die Bemühungen
können sich nicht darauf beschränken, die Vermittlung von Arbeitslosen in
vorhandene Stellen effizienter zu gestalten, obwohl hierzu die Beschlüsse der
Hartz-Kommission noch zügiger umgesetzt werden müssen. Es geht vor allem um die
Schaffung neuer, zukunftssicherer Arbeitsplätze. Dazu sind private und
öffentliche Investitionen und ein hohes Wirtschaftswachstum erforderlich. Es
müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen insbesondere kleine und
mittlere Unternehmen größeren Handlungsspielraum erhalten und neue
Arbeitsplätze einrichten können.
Eine besondere
Verantwortung kommt in dieser Situation den Tarifpartnern zu. Es ist nicht zu
erkennen, inwieweit die letzten Tarifabschlüsse auch einen Beitrag zu dem
gemeinsamen Ziel geleistet haben, Arbeitsplätze zu sichern. Es ist aus sozialen
Gründen derzeit wichtiger, Anstöße zu mehr Arbeit zu geben. Wir appellieren
deshalb an Arbeitgeber und Gewerkschaften, in konstruktiver Weise zu agieren.
Wir machen
nachdrücklich aufmerksam auf die weniger Qualifizierten, die es besonders
schwer haben einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden. Sie dürfen nicht
ausgeschlossen werden. Es sollte geprüft werden, ob eine stärkere, tariflich
geregelte Lohndifferenzierung die Einstellung von gering Qualifizierten
fördert. Das mögliche Einkommen muß dabei einen ausreichenden Abstand zur
Sozialhilfe haben.
Die hohe
Arbeitslosigkeit treibt unsere Gesellschaft an den Rand der Belastbarkeit.
Deshalb sind alle aufgerufen, einen Beitrag zu leisten: der einzelne Bürger,
der gewissenhaft mit seinen Ansprüchen an den Staat umgehen sollte; die
Tarifparteien, die Mitverantwortung für die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt
tragen; der Staat, indem er seine Politik vorrangig und gezielt auf die
Schaffung von neuen Arbeitsplätzen ausrichtet. Papst Johannes Paul II ist nur
zuzustimmen, wenn er sagt:
"Die Arbeit ist
ein Gut für den Menschen - für sein Menschsein - weil er durch die Arbeit nicht
nur die Natur umwandelt und seinen Bedürfnissen anpaßt, sondern auch sich
selbst als Mensch verwirklicht, ja gewissermaßen Mensch wird." (Enzyklika
Laborem exercens)
Darum ist
unverschuldete Arbeitslosigkeit der soziale Skandal heute.
Köln,
Aachen, Essen, Münster, Paderborn, den 7. März 2003
Erzbischof
Joachim Kardinal Meisner, Köln
Bischof Dr.
Heinrich Mussinghoff, Aachen
Diözesanadministrator
Weihbischof Franz Grave, Essen
Bischof Dr.
Reinhard Lettmann, Münster
Diözesanadministrator
Weihbischof Hans-Josef Becker, Paderborn
7.3.03
Quelle: http://katholische-kirche.de/