"Die Benediktiner und das Dritte Reich"

Tiefe Spaltung

Die von Papst Johannes Paul II. zu Beginn des dritten Jahrtausends von seiner Kirche eingeforderte kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte hat nun auch den Benediktinerorden erreicht. Die jüngste Jahrestagung des Abt-Herwegen-Instituts in Maria Laach stand unter dem Titel "Die Benediktiner und das Dritte Reich" - ein ungewöhnliches Thema für diese katholische Einrichtung, die sich hauptsächlich der Erforschung der Liturgie widmet. Spannend versprach die Tagung auch deshalb zu werden, weil der Namenspatron der Instituts, der 1946 verstorbene Abt Ildefons Herwegen, 1933 durch seine Vermittlungsversuche zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus hervorgetreten ist (vgl. FR vom 25.9.2001). Einige seiner Weggefährten leben bis heute im Kloster Maria Laach. In drei Vorträgen zeigte sich eine tiefe Spaltung zwischen einer apologetischen Geschichtsdeutung, in der die Benediktinerabteien als Opfer der Verfolgung in den Blick geraten, und einer selbstkritischen Aufarbeitung der eigenen Verstrickung in die frühe Phase der Machtkonsolidierung des "Dritten Reiches".

Für die Deutung der Benediktiner als Opfer des Regimes stand der Vortrag von Professor Ulrich Faust OSB aus der Abtei Ottobeuren, der die Historische Sektion der Bayerischen Benediktinerakademie leitet. Faust hob hervor, dass in Deutschland 22 von 39 Benediktinerklöstern aufgehoben wurden. In Österreich wurden sogar nahezu alle Klöster aufgehoben. Hier galt das 1934 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem NS-Regime abgeschlossene Konkordat nicht, in dem der Staat sich verpflichtet hatte, den innerkirchlichen Bereich der Religionsausübung zu schützen. Allerdings konnte Faust nicht erklären, warum der für die Aufhebung der Klöster zuständige Ministerialdirigent im Reichskirchenministerium, Joseph Roth, ausgerechnet ein katholischer Priester war. Sein Resümee von der Unvereinbarkeit des Nationalsozialismus mit dem benediktinischen Mönchtum bezeugte zwar den Wunsch nach historischer Unbeflecktheit, ließ aber wichtige Einzelstudien, die dieses Bild relativieren, außer acht (vgl. etwa Brigitte Lobs Studie "Albert Schmitt OSB", Böhlau-Verlag 2000).

Ein anderes Bild entwarf der Prager Historiker Jaroslav Sebec vom historischen Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, der den gegensätzlichen Werdegang zweier Äbte des Klosters Emaus in Prag miteinander verglich: Das Schicksal von Alban Schachleiter und Ernst Vykoukal zeigte, dass die Verfolgungen und Klosteraufhebungen durch die Nazis nicht in erster Linie mit der Zugehörigkeit zum Benediktinerorden begründet wurden, sondern mit der unterschiedlichen nationalen Herkunft und Gesinnung der Klostergemeinschaften: Während der großdeutsch orientierte Abt Schachleiter 1937 mit einem Staatsbegräbnis von den Nationalsozialisten geehrt wurde, starb sein tschechischer Nachfolger Abt Vykoukal 1942 im Konzentrationslager Dachau.

Der Kirchenhistoriker und Theologe Marcel Albert OSB aus der Benediktinerabtei Gerleve beleuchtete die NS-Verstrickung des Laacher Abtes Herwegen. Dieser verließ - ähnlich wie der Prager Abt Alban Schachleiter - schon 1930 die offizielle Linie der deutschen Bischöfe, als er sich für den antirepublikanischen Kampfbund "Stahlhelm" einsetzte; ab Anfang 1933 trat er dann für eine positive Zusammenarbeit mit der NSDAP ein. Erst als Hitler den kirchenfeindlichen Alfred Rosenberg 1934 zum weltanschaulichen Leiter der NSDAP berief und konservative Oppositionelle während des Röhm-Putsches ermorden ließ, distanzierte sich der Abt vom Regime.

In den folgenden Jahren hatte sich das Kloster gegen die inszenierten NS-Sittlichkeitsprozesse (1937-1938) und den "Klostersturm" zu wehren, der 1940 mit dem Verbot neuer Klostereintritte begann und 1941 mit der Enteignung von Klöstern und der Vertreibung von Ordensleuten seinen Höhepunkt erreichte. Dass das Kloster überlebte, verdankte sich vermutlich den guten Kontakten Herwegens zu hohen Militärs. Seit 1940 beschäftigten die Benediktiner in Maria Laach Zwangsarbeiter, um den Arbeitsausfall in der Landwirtschaft auszugleichen, der entstanden war, als 32 Mönche zum Kriegsdienst eingezogen wurden.

Der Initiator der Tagung, Professor Pius Engelbert, Abt in Gerleve, warf die Frage auf, ob es inhaltliche Verbindungen zwischen Liturgischer Bewegung und nationalsozialistischer Ideologie gegeben haben könnte. Doch die Frage stieß auf große Abwehr im Publikum. Dort bestand man lieber auf dem hohen Anpassungsdruck in einem totalitären Staat, statt sich mit den möglicherweise tieferen Gründen für den Kotau mancher Äbte und ihrer Klostergemeinschaften vor dem Nationalsozialismus zu beschäftigen. Im Laufe der Diskussionen wurde deutlich, dass die weitgehend autarken Klöster leichter dem "Zeitgeist und seiner Flachheit" (Herwegen) verfallen konnten als die schwerfällige episkopale Amtskirche. Insgesamt hat die Tagung nicht zuletzt in den eigenen Reihen einen schmerzhaften Prozess der historischen Selbstkritik angestoßen. Darüber hinaus wurden Forschungsdesiderate sichtbar: die bislang noch völlig unbeachtete Rolle der benediktinischen Nonnenklöster im Dritten Reich und das Thema der Zwangsarbeit. Eine wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Benediktinerabteien im "Dritten Reich" steht noch aus.

(DAGMAR PÖPPING)

Aus: Frankfurter Rundschau, 9.10.2001

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/fr/0604/t0604002.htm