Orthodoxen in
Istanbul Dialog über das Papstamt angeboten / Spaltung des Christentums
"Skandal für
die Welt"
VON GERD HÖHLER
............... Bartholomäus
I., der den Gast aus Rom am Eingang mit einem Bruderkuss begrüßte,
hat zwar für die 300
Millionen orthodoxen Gläubigen in aller Welt nicht die Autorität eines
Oberhaupts, wie der
Papst für die römischen Katholiken. Aber als "Primus inter pares",
als Erster
unter Gleichen im
Kreis der orthodoxen Patriarchen, ist Bartholomäus eine Art Ehrenvorsitzender
der Orthodoxen. Der
Streit über den absoluten Machtanspruch des Papstes war es, der 1054 zum
"Schisma"
führte, zur Kirchenspaltung. Benedikts Besuch beim Patriarchen Bartholomäus,
den
er selbst als das
"Herz" seiner Reise bezeichnet, soll helfen, die Wiederannäherung der
beiden
Kirchen
voranzubringen...........
Der Papst beklagte
die Spaltung des Christentums als "Skandal für die Welt"; sie stehe
im
Widerspruch zur Lehre
der Evangelien. Er sei "bereit, alles zu tun, um die Hindernisse auf dem
Weg zu einer vollen
Gemeinschaft der Kirchen auszuräumen", sagte Benedikt. Ein Ziel, das beide
Kirchenführer in
einer gemeinsamen Erklärung bekräftigten. Dazu solle auch ein "brüderlicher
Dialog" über
die Frage gehören, wie das Papstamt ausgeübt werden kann, regte
Benedikt an. Das
ist die zentrale, heikelste Frage, die Katholiken und Orthodoxe trennt,
da letztere die
Autorität des Papstes nicht anerkennen.
.............Die
Bemühungen um eine Annäherung der West- und Ostkirche begannen 1964, als
der damalige
orthodoxe Patriarch Athenagoras und Papst Paul VI. in Jerusalem zusammentrafen.
"Bisher ging
dieser Dialog sehr langsam voran", sagt Pater Dositheos vom ökumenischen
Patriarchat.
"Aber wir hoffen, dass er nun dank der tiefen theologischen und
historischen
Kenntnisse des
Papstes Benedikt schneller voranschreiten wird." Der Weg zu einer
Wiedervereinigung der
beiden Kirchen mag noch weit sein, aber die Orthodoxen hoffen
zumindest, dass der
Papstbesuch und das damit verbundene internationale Interesse helfen
werden, ihren bisher weitgehend rechtlosen Gemeinden einen gesicherten Status zu verschaffen.
............In ihrer
gemeinsamen Erklärung verurteilten die beiden Kirchenoberhäupter Agenturen
zufolge nicht nur
Terrorismus und eine religiöse Rechtfertigung von Anschlägen. In einem
ungewöhnlichen
Schritt lobten sie zudem die Schaffung der Europäischen Union (EU) und
unterstützten damit
indirekt das Streben der Türkei nach einem Beitritt zu der Gemeinschaft.
Dabei hoben sie vor
allem Religionsfreiheit und Minderheitenschutz hervor...............
............Der
Besuch Benedikts in der Hagia Sofia und der Blauen Moschee symbolisierte wie
keine andere Station
das schwierige, eng verwobene Spannungsfeld dieser Papst-Mission:
die Solidarität mit
den bedrängten Christen in der Türkei, der Brückenschlag zu den
Ostkirchen, der
Versuch eines Dialogs zwischen christlicher und islamischer Welt und
die europäische
Zukunft der Türkei.
Frankfurter Rundschau 1.12.06
Quelle: http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1021405