Am 16. November 1989 herrscht in Deutschland der Ausnahmezustand. Sieben Tage zuvor ist die
Mauer in Berlin gefallen. Die Republik feiert die schönste Woche ihrer Nachkriegsgeschichte. So kommt
es, dass die Meldung aus dem mittelamerikanischen El Salvador, das sich auch im Ausnahmezustand
befindet, nicht allzu viel Aufsehen erregt. Dabei bringt ebendieser 16. November 1989 die finstersten
Stunden der Geschichte über das kleine, geteilte Land. Der Bürgerkrieg hat es zerrissen. Und eine
Mauer in seiner Hauptstadt San Salvador wird über Nacht zum Symbol dafür, dass dem Hass der
Herrschenden nichts mehr heilig ist.
Die Mauer begrenzt die von Jesuiten geleitete Zentralamerikanische Universität (UCA). Sie wird
seit Tagen von Armeesoldaten rundum gesichert, weil das Stabsquartier der Streitkräfte in unmittelbarer
Nähe liegt und Rebellen die Stadt attackieren. Dennoch dringen in der Nacht zum 16. November,
gegen zwei Uhr, sieben Angehörige der von den USA ausgebildeten Eliteeinheit Atlacatl über den
bewachten Campus zum Wohnbereich der Lehrkräfte vor. Der Spezialtrupp mit Leutnant
Espinoza Guerra an der Spitze holt fünf Padres aus ihren Zimmern. Voran den weit über
Lateinamerika hinaus geachteten Rektor und Theologieprofessor Ignacio Ellacuría. Im Vorgarten
müssen sich die Priester auf den Rasen werfen, die Gesichter zur Erde. Dann lässt der Leutnant,
unbekümmert um den Lärm, über Funk dem stellvertretenden Verteidigungsminister melden:
»Wir haben hier noch zwei Frauen gefunden. Was machen wir mit denen?« Die Antwort ist
knapp: »Töten!«
In diesem Moment hört Lucía Berrera de Cerna, die in einem Haus am Rande der Universität
wohnt, eine grabestiefe Stimme aus dem Vorgarten. Es muss einer der Theologen sein, der den
Uniformierten zubrüllt: »Ihr seid Aasgeier!« Dem Aufschrei folgen die leisen Stimmen der Padres im Chor. Für die Zeugin klingt es wie ein Gebet. Dann krachen Salven.
Um sechs Uhr früh findet der Gärtner Obdulio Elba Ramos acht Tote. Vier Padres auf dem
Rasen, zwei Priester im Gebäude. Und die beiden Frauen, mit denen die sonst genau instruierten
Mörder nicht gerechnet hatten. Es sind die 42-jährige Köchin der Jesuiten, Julia Elba, und ihre
16-jährige Tochter Celina. Des Gärtners Frau und Kind. Sie wohnten in einem Häuschen vor
dem Eingang der Universität. Wegen des Ausnahmezustands hatten die Frauen gerade in dieser
Nacht im Wohnkomplex auf dem Campus Schutz gesucht. Den die Armee, so ihr Glauben, absicherte.
Lucía Berrera de Cerna hatte die Camouflage-Uniformen erkennen können; denn die Mörder
ließen ungeniert alle Lichter brennen. Sie floh in die spanische Botschaft. Ihre ersten Angaben führten
später zur Festnahme der Täter. Nur zwei von ihnen wurden zu lächerlich kurzer Haft verurteilt.
Auch ein Deutscher war Zeuge dieser dunkelsten Tage El Salvadors. Der damals 29-jährige Pater
Martin Maier betreute eine Landpfarre und war den Opfern zugleich so nahe wie kaum einer. Er
arbeitete an der Jesuiten-Universität für seine Dissertation – über Ignacio Ellacuría. Der Doktorand
wohnte in einem Haus der Jesuiten nahe der Universität. Um sieben Uhr morgens klingelte dort das
Telefon: »Man hat alle von der UCA erschossen!« Martin Maier, heute in München Herausgeber
und Chefredakteur der Kulturzeitschrift Stimmen der Zeit, verfolgt dieser Tag für immer: »Die
Bilder im Garten vor dem Haus am Morgen des 16. November bleiben mir unauslöschlich vor
Augen. Gehirn und Schädelfragmente lagen neben den Toten auf dem blutgetränkten Rasen. Die
Mörder hatten den Opfern gezielt in die Köpfe geschossen – als sollte mit den Hinrichtungen das
soziale Gewissen des Landes demonstrativ ausgelöscht werden. Denn die Padres hatten in der
Universität Ersatzdienst geleistet für das, was die Politiker nicht bekümmerte.«
Der rechten Oligarchie und der Armee jedoch galten die Jesuiten als liberacionistas, als
Befreiungstheologen, als ideologische Wasserträger des Rebellenbündnisses FMLN. In Wahrheit
waren die Professoren und Priester nicht nur für die Befreiung aus dem Elend und für eine Kirche
der Armen aufgestanden, sondern auch gegen die Gewalt und Gräuel aller Seiten. Weil sie den
Bürgerkrieg für das größte Übel hielten, versuchten sie zwischen Rebellenführern und hohen
Militärs zu vermitteln, eine tödliche Mission.
Nur einer überlebte: Jon Sobrino. Der damals 51-jährige Theologe hielt gerade Vorträge in
Thailand. Dass auch er auf der Todesliste stand, demonstrierten die Mörder mit bestialischer
Symbolik. Sie schleiften den schon erschossenen Professor und Novizenmeister Juan Ramón
Moreno aus dem Vorgarten in jenes Zimmer, das mit Sobrinos Namen ausgeschildert war.
Dabei fiel ein Buch in die Blutlache: El Dios Crucificado, die
spanische Ausgabe von Der
gekreuzigte Gott, dem Buch des deutschen Theologen Jürgen Moltmann. Es liegt heute unter
Glas in dem Raum, in dem der Toten gedacht wird.
Jon Sobrino, der mit diesem Erbe überlebte, verfasste im Jahrzehnt nach dem Massaker zwei
theologische Standardwerke, sie werden von vielen Fachleuten hoch geschätzt: Jesucristo liberador
(Der befreiende Christus) und La fe en Jesucristo (Der Glaube an Jesus Christus). Darin wendet
sich Sobrino gegen eine Sicht, die Jesus als einen »karitativen«, rein »fürsorglichen« Christus versteht.
Er betont die innerweltliche, befreiende Dimension: »Wird Jesus von Nazareth vergessen und
zurechtgestutzt, dann wird Christus in seiner Bedeutung verdreht… In Jesus aber hat Gott den
Christus, den Träger messianischer Hoffnung, mit der Befreiung der Unterdrückten verbunden. Dies
wird durch die Menschen wieder getrennt, sodass das Christusbild ohne Jesus dann sogar in das
Gegenteil des ursprünglich Gemeinten verkehrt werden kann ganz im Interesse der Mächtigen und
Unterdrücker.«
Am 15. März dieses Jahres ist Jon Sobrino als erster Theologe unter Papst Benedikt XVI. wegen
dieser beiden Bücher abgemahnt worden. In einer Notifikation wirft ihm die Vatikanische Kongregation
für die Glaubenslehre vor, die »normativen Aussagen des Neuen Testaments und die Konzilien der
frühen Kirche zu entwerten, wie zum Beispiel die Göttlichkeit Jesu Christi…« Sobrino mache nicht
den Glauben der Kirche zum Ausgangspunkt der theologischen Reflexion, sondern die »Kirche
der Armen«.
Den »römischen Blitz« (Neue Zürcher Zeitung) auf Sobrino schleuderte zwar der jetzige Präfekt
der Glaubenskongregation, der nordamerikanische Kardinal William Levada. Doch dessen Arm
führte nur aus, was sein Amtsvorgänger Joseph Kardinal Ratzinger bereits im Oktober 2001 mit
einem Verfahren gegen Sobrino eingeleitet hatte. Fünf Jahre später, am 13. Oktober 2006,
approbierte dieser als Papst Benedikt XVI. die Notifikation und ordnete ihre Veröffentlichung an.
Die Zurechtweisung des heute bedeutendsten Theologen Lateinamerikas löste spontane Proteste aus.
Ordensgemeinschaften wie die Franziskaner und die Steyler Missionarinnen warfen die Frage auf,
ob es dem Vatikan wirklich um den Glauben oder um Machtpositionen gehe. Die Katholisch-Theologische
Fakultät der Universität Münster, die Sobrino 1998 die Ehrendoktorwürde verliehen hatte, bekundete
ihre Solidarität ebenso wie die Katholisch-Theologische Fakultät in Graz.
Die bisher schärfste Kritik kam von Peter Hünermann, dem emeritierten Tübinger Dogmatiker. Der
heutige Ehrenpräsident der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie wirft den Autoren
der Notifikation »schlicht falsche Aussagen«, »flüchtige Lektüre« und ein »lückenhaftes« Studium
Johannes Pauls II. vor. Die Glaubenskongregation, so empört sich Hünermann, habe »im Grunde
immer noch die Struktur einer frühneuzeitlichen Zensurbehörde«. Um einer modernen »Qualitätssicherung
der Theologie« gewachsen zu sein, bedürfe diese Institution einer »intelligenten Neugestaltung«.
Obendrein stellt er die Frage, ob die Notifikation »auch das neue Modell für die Theologie-Politik
Benedikts XVI.« sei. Und setzt hinzu: »Das wäre fatal.«
Größere Gewissheit besteht zunächst einmal darüber, dass Sobrinos Zurechtweisung ein aktuelles
Warnsignal ist. Es gilt der Fünften Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe (Celam),
die an diesem Sonntag im brasilianischen Wallfahrtsort Aparecida beginnt. Mit der Abmahnung
versucht der Vatikan, sich ein altes, heiß umstrittenes Terrain vorab zu sichern. Denn der Kampf
zwischen Rom und den vorangegangenen Konferenzen gehört zu den dramatischen Kapiteln und
politischen Mythen der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert.
Benedikt XVI., der am Donnerstag dieser Woche in Brasilien eintrifft, wird die Generalversammlung
am 13. Mai eröffnen. Zwei Jahre nach seiner Wahl steht der 80-jährige Papst damit auf dem
einzigen durchweg katholischen Kontinent der Erde vor unvergleichlich größeren Nöten und
Dimensionen als in Europa. Im sinnenfrohen Brasilien gilt Papst Bento, wie Benedikt auf
Portugiesisch heißt, bisher eher als hart und nicht allzu warmherzig. Dort wird er auch den Spuren
und Wunden seiner eigenen Kämpfe begegnen. Über zwanzig Jahre lang hat Joseph Ratzinger s
ie als Präfekt der Glaubenskongregation ausgefochten. Als Wächter einer nicht politisierten
Religion gegen die aus Lateinamerikas Elend geborene Kirche der Armen und gegen die
Befreiungstheologie.
Vor allem jene, die sich in Lateinamerika pastoral und theologisch, mühevoll und gefährdet für die
Armen engagieren, sind durch die Abmahnung Sobrinos wieder argwöhnisch geworden. Sie fragen,
ob der Vatikan sie neuerlich unter Kuratel stellen will. Das aber kann sich die römische Kurie
eigentlich nicht leisten.
Tag für Tag fallen inzwischen 8000 Latinos vom katholischen Glauben ab und schließen sich den
vor allem aus Nordamerika kommenden und von dort oft finanzierten Sekten an. Will der
Vatikan seinen treuesten Kontinent halten, sind die Kirche der Armen und die neue Generation
der Befreiungstheologen unentbehrlicher als je zuvor.
Amelia da Silvas faltiges Gesicht überzieht ein Schimmer des Entzückens. Sie führt zwei knotige,
nikotinbraune Finger an Mund und Zahnlücken. Sendet einen Kuss in das Dämmerlicht über dem
Sperrmüll-Ambiente ihres »Hauses«. Es tropft von der Wäsche auf der Leine und vom kleinen
Wolkenbruch über São Paulo, der das Wasser zwischen Wellblech und Holzplatten hindurchtreibt.
Amelia inspiziert zufrieden die aufgestellten Plastikeimer: »Jesus hat mich mit allem versorgt.«
Dass der Papst in dieser Woche in ihrer Stadt landen wird, hat die 50-jährige Mestizin nicht gehört.
Früher, vor ihrer Erweckung, wäre es ihr nicht entgangen. Da hatte sie als Katholikin ja auch ein Bild
vom Heiligen Vater. Aber was er von ihr verlangte, so im Leben, kümmerte sie nicht sonderlich.
Es kümmerte sich ja auch niemand um sie.
Das ist vorbei. Jetzt schwebt sie über allem. Amelia geht zum Ball. Gleich. Zum dritten Mal in dieser
Woche. Ihr Ball ist die Gottesversammlung in einem der Nachbarschuppen. Sie fühlt sich reich
beschenkt. Zwar sei ihr Mann längst über alle Berge. Doch dafür habe Jesus zu ihr gefunden. Seit
sie von einer der 2020 Favelas in São Paulo hier herübergezogen ist in die neue Müllkolonie. Die
wuchs nahezu über Nacht aus Staub und Dreck. Und siehe da, kaum waren drei, vier Wochen
vergangen, so erzählt Amelia, schickte Jesus seinen Hirten, aus dem der Heilige Geist predigt. Alle
erfüllt seine Stimme. Und leicht seien seine Gebote zu befolgen, zumal der Lohn reich sein wird,
wenn man hart arbeitet und für die Erlösung spendet. Längst hat Amelia, die in der alten Favela
ihre Ängste vor Jugendbanden, Kidnappern, Taschendieben und Drogenknirpsen im Fusel
ertränkte, keinen Tropfen mehr angerührt.
Der Regen trommelt nun nicht mehr aufs Wellblech. Auch das ist kein Zufall, Amelia muss jetzt
ja zu ihrem Ball. Draußen balgen sich halb nackte Kinder und kläffende Köter. Musikfetzen aus
den Radios überfallen einander. Doch dann donnert ein Kreischen und Brüllen über das Gewirr
von Antennen und angezapften Stromleitungen hinweg: »Halleluja! Halleluja! Halleluja!« Es
bebt und wimmert in dem Schuppen, in dem Amelia da Silva, aufgewachsen im katholischen
Glauben, zum dritten Mal in dieser Woche ihr Heil sucht.
Von den 1,2 Milliarden Katholiken auf der Welt lebt rund die Hälfte in Südamerika. Aber drei
Millionen Latinos verlassen derzeit jährlich ihren alten Glauben und treten Sekten,
Erweckungskirchen, vor allem den Pfingstgemeinden bei. Die Menschen sind in die Städte
geflohen. Rom und seine Bischöfe aber ließen die Kirche im Dorf. Sie predigten gegen die
Empfängnisverhütung und priesen den Kinderreichtum. Die Kinder aus den Gossen der
Großstädte zu holen, überließen sie den kirchlichen Hilfsorganisationen, deren Idealismus
die kommerzielle Kraft der Sekten nicht aufwiegen konnte.
Die katholischen communidades
de base, die Basisgemeinden, die der Kirche der Armen entsprungen waren, galten dem
Vatikan als Hort sozialrevolutionärer Erziehung. Viele verfielen wieder.
Josef Sayer, Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks Misereor in Aachen, der als
Theologe in Peru jahrelang das Leben der Ärmsten in engen Schilfhütten teilte, bestätigt Amelia
da Silvas Erfahrung: »Wenn irgendwo ein neues Elendsquartier entsteht, ist in zwei, drei Monaten
ein Sektenprediger zur Stelle. Wir brauchen mit unserem System ein halbes Jahr oder länger,
um Priester für eine solche Aufgabe auszubilden.«
Nicht nur die Bibeln der Evangelikalen, auch ihre Gelder kommen vor allem aus Nordamerika -
während es in Lateinamerika zum Leidwesen der Diözesen keine Kirchensteuer gibt. Es waren
aber nicht nur kommerzielle Talente, sondern auch politische Interessen, die vielen freikirchlichen
Bewegungen nachgeholfen haben. Die US-Regierungen unter Richard Nixon und Ronald Reagan
sahen in ihnen Verbündete, als sie die Befreiungstheologie als Feind ihrer Pläne für Südamerika
orteten. Das US-Magazin Forbes rühmte die Evangelikalen als »antimarxistische und prokapitalistische
Massenbewegung« im »Hinterhof« der USA. In der Tat spielten die Sekten unter den Militärdiktaturen
zumeist eine staatstragende Rolle. Die innere Erbauung, die sie als ihr Ziel vorgeben, fördert zumindest
Stabilität und Status quo aller unsozialen Gesellschaften des Subkontinents. Was deren Vertreter von
einem Prediger erwarten, hat der jüngste Pastorenmord in El Salvador gezeigt:
Am 4. November 2006 starben in der Gemeinde Jayaque der evangelisch-lutherische Pfarrer Francisco
Carillo und seine Frau Jesús. Der in den armen Dörfern verehrte Mittfünfziger hatte gerade einen
Gottesdienst beendet und sein Kirchlein abgeschlossen, als drei Männer von ihren Fahrrädern sprangen,
ihn packten und ihm in Kopf und Brust schossen. Dann richteten sie die Waffen gegen seine im Auto
wartende Frau. Bezeichnend an dieser Tragödie ist, was die »besseren Leute« dem Pfarrer seit Jahren
vorgehalten hatten: »Du predigst und benimmst dich ja gar nicht wie die anderen Evangelikalen. Du redest
so politisch, auch von der Kanzel – ganz wie ein Katholischer…«
Es sind aber nicht allein die Sekten, die heute die Präsenz und Identität der katholischen Kirche in
Lateinamerika bedrohen. Es ist auch der Vormarsch der Gewalt fast überall auf dem Kontinent. Sie hat
nichts mehr zu tun mit revolutionärer Gewalt, mit den Schreckensvisionen des Vatikans von Karabiner
schwingenden Priestern Arm in Arm mit marxistischen Guerilleros. Die letzten traditionellen Dschungelkämpfer,
die Farc-Rebellen in Kolumbien, leben ideologisch in der Steinzeit und materiell von Drogenhandel und
Geiselnahmen. Statt der kommunistischen Bartträger haben lokale Bandenchefs ganze Stadtteile
übernommen. Sie bauen in den Elendsquartieren an der Kirche vorbei ihren eigenen Sozialstaat
auf, versorgen ihre Klientel mit Advokaten, Krediten, Schulbüchern – um aus diesen Gemeinden
die Dealer, Drogenkuriere, Schuldeneintreiber zu rekrutieren.
São Paulo, die größte Stadt der südlichen Halbkugel, in der Benedikt XVI. in dieser Woche landet,
ist die Urbs legenda der großstädtischen Gewalt. Die aus den Gefängnissen heraus gelenkte
Schlacht im Juni 2006, in der die Unterwelt dem Staat das Gewaltmonopol für Tage entriss, hat
diese Parallelmacht des Verbrechens bestätigt. Sie wächst, je weiter sich die Schere zwischen Reich
und Arm öffnet. Derzeit verfügen die 500 reichsten Lateinamerikaner über ein höheres Einkommen
als die Hälfte der Gesamtbevölkerung. So zeichnet sich heute gerade auf dem katholischen Kontinent
schlechthin ab, was Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika Deus Caritas Est benannte: »Ein Staat,
der nicht durch Gerechtigkeit definiert wäre, wäre nur eine große Räuberbande, wie Augustinus einmal sagte.«
Einen kleinen Ausschnitt dieser Welt kann der Papst sehen, wenn ihn der Helikopter am Freitagabend
zur Bischofskonferenz im Wallfahrtsort Aparecida bringt. São Paulo ist das Dach der Welt für
Hubschrauber – nirgendwo sonst gibt es so viele Landeplätze auf den Einkaufstürmen und Hochhäusern.
Der Himmel über São Paulo ist heute der sicherste Weg für die Reichen zu den Luxusläden,
Swimmingpools, Chefetagen weit oben über der Stadt. Es ist ein Himmel ohne Kirchen.
Gründe genug also, dass sich Kardinäle und Bischöfe jetzt in Brasilien, im größten katholischen Land,
treffen. Die Generalversammlung in Aparecida will eine Neuevangelisierung verkünden und einen
kontinentweiten Missionsplan. Tief verborgen liegt darin das Eingeständnis, das Johannes Paul II. mit
seinem Feldzug gegen die Befreiungstheologie und die Kirche der Armen, mit den vielen Pilgerreisen
und medialen Messen den Weg zum Alltag der Gläubigen nicht gefunden hat. Dabei war es gerade
die Kirche Lateinamerikas gewesen, die vor vier Jahrzehnten einen historischen Aufbruch gewagt hatte.
Am Anfang war das Wort. Im September 1962, einen Monat vor Beginn des Zweiten Vatikanischen
Konzils, beschrieb Papst Johannes XXIII., was die Kirche
sein solle: »…particolarmente la
Chiesa
de poveri« – vor allem eine Kirche der Armen. Es war das Stichwort sowohl für das II. Vatikanum
als auch für Lateinamerikas Aufbruch.
»Niemals zuvor in der Geschichte der christlichen Theologie«, so formulierte es später der brasilianische
Franziskaner Leonardo Boff, »ist der Arme so sehr in den Mittelpunkt gerückt worden.« 1968 wurde
das Jahr, das die nördliche und die südliche Halbkugel zu sozialutopischen, herrschaftsfreien, auch
urchristlichen Hoffnungen aufbrechen ließ. Der peruanische Theologe Gustavo Gutierréz sollte in
jenem Sommer im Norden des Landes über die »Theologie der Entwicklung« reden. Stattdessen
hielt er einen Vortrag über die »Theologie der Befreiung«. Damit war das zweite Stichwort des Aufbruchs
gefallen. Wenige Wochen später stellte Lateinamerikas Zweite Bischofskonferenz im kolumbianischen
Medellín die Verbindung zwischen dem Glauben und dem Alltag der Menschen her. »Was in Medellín
geschah, war ein Wunder«, sagt Misereor-Chef Josef Sayer heute, »Lateinamerika vollbrachte, was
Europa nicht gelang: das Zweite Vatikanische Konzil theologisch, pastoral, politisch umzusetzen.«
Viele Priester und Ordensschwestern zogen hinaus in die christlichen Basisgemeinden. »Wenn früher
ein Kleinkind an Unterernährung starb«, so formulierte es ein Beobachter, »zuckten die einfältigen
Bauern mit den Schultern: ein Engelchen mehr im Himmel. Nun lernten sie, dass ihr Elend zu
korrigieren war.« Doch der Standortwechsel, der sich, so der Theologe Martin Maier, »mit der
vorrangigen Option für die Armen verband, führte zum Konflikt mit den herrschenden Oligarchien,
die bisher die Kirche auf ihrer Seite wussten.« Auch in der römischen Kurie machten die Gegner
der vom II. Vatikanum angestoßenen Reformen gegen die Kirche der Armen Front.
Das Jahrzehnt nach Medellín forderte bittere Opfer. Der Militärdiktatur in Brasilien (seit 1964)
gesellten sich mörderische Obristenregime in Chile, Uruguay (1973) und Argentinien (1976) hinzu.
In diesen Ländern übernahmen auch die Todesschwadronen die Auseinandersetzung mit der Kirche
der Armen. In Europa warnten die Gegner sozialer Veränderungen »vor der Gefahr einer
vermischten theologischen Position mit neomarxistischen Gesellschaftsanalysen«, so der Regensburger
Bischof Gerhard Ludwig Müller, der zusammen mit Gutierréz eine überarbeitete Theologie der Befreiung verfasste.
Jon Sobrino stellte die bittere Frage: »Tausende von Bischöfen, Priestern, Ordensfrauen wurden bedroht,
eingekerkert, vertrieben, gefoltert, ermordet. Wie wäre wohl die Reaktion der westlichen und christlichen
Welt ausgefallen, wenn sich so etwas zu dieser Zeit in den kommunistischen Ländern, in Ungarn oder
Polen, ereignet hätte? Welch ein Schrei wäre dann durch den amerikanischen Kongress und das britische
Parlament gegangen? Und was hätte der Vatikan verlautbaren lassen?«
Weit reicht der Blickvom Kirchgarten über die kolonialen Baudenkmäler hinaus auf den Atlantik und
hinunter zur 15 Kilometer weiter südlich gelegenen Hafenstadt Recife. Olinda, die Schöne, heißt die
alte brasilianische Stadt auf dem Hügel noch immer zu Recht. Der Weg vom Garten in die Kathedrale
Praca de Sé führt zu einem schlichten schwarzen Marmorstein vor dem Altar. Keinen Schnörkel und
kein überflüssiges Wort hat der Mann erlaubt, der hier ruht: »Dom Hélder Cámara, Erzbischof von
Olinda und Recife, 1909–1999«. Sein Grab liegt weit weg vom Wallfahrtsort Aparecida. Doch sein
Vorbild werden auch die konservativsten Kurienkardinäle von keiner lateinamerikanischen
Bischofskonferenz verbannen können. Dom Hélder ging allen voran. Schon ein Jahrzehnt bevor das
II. Vatikanum und die Kirche der Armen die Tore zum Elend öffneten, trug der junge Weihbischof
eigenhändig Brot in die Slums von Rio de Janeiro. Die Elenden verehrten, die Reichen verfluchten,
die Militärs isolierten ihn. Mordversuche ließen Dom Hélder nur noch lauter gegen Unterdrückung
und Imperialismus predigen. Insgesamt 14 internationale Friedenspreise sollten ihn vor den Kugeln
schützen. Seinen geistlichen Sekretär trafen sie dennoch.
Von Hélder Cámara stammt der Satz, der alle Auseinandersetzungen um die Befreiungstheologie
auf den Punkt gebracht hat: »Wenn ich den Armen Brot gebe, nennt man mich einen Heiligen.
Doch wenn ich frage, warum die Armen nichts zu essen haben, werde ich als Kommunist beschimpft.«
Als Juan Pablo II.,wie der Papst in Lateinamerika heißt, 1978 sein Pontifikat antrat, war die
Befreiungstheologie zehn Jahre alt. Auf Karol Wojtyła, der aus dem real existierenden Sozialismus
kam, wirkte das kirchlich-kämpferische Engagement für soziale Gerechtigkeit wie ein rotes Tuch.
Die Polen hatten 123 Jahre ohne ihren geraubten Staat überleben müssen – all ihr Streben galt s
tets der Nation, und die Befreiung von Armut, Elend und Unterdrückung war für sie ein
antikommunistischer Kampf. Die Kirche nahm mit strenger, voll akzeptierter Autorität und
Hierarchie viele Funktionen von Staat und Zivilgesellschaft wahr.
Als Pontifex wurde Wojtyła 1978 zugleich ungekrönter Landesvater Polens. Mit seinem päpstlichen
Triumphzug durch die Heimat begann 1979 die Erosion des Sowjetsystems. Auf dieser Reise trat
er politischer auf als jeder andere Papst der neueren Geschichte. Den reformerischen Priestern
in Lateinamerika aber untersagte er jedes politische Handeln. Der Finger Karol Wojtyłas, den
er strafend auf Ernesto Cardenal richtete, den Priester aus Nicaragua, wurde zum weltweit
verbreiteten Sinnbild für den damaligen Umgang des Papstes mit Lateinamerika.
Zu diesem Auftritt kam es, knapp vier Jahre nachdem Nicaraguas Sandinisten den Diktator
Anastasio Somoza gestürzt hatten. Washington finanzierte zu dieser Zeit die Gegenrevolution
der Contras. Es war Anfang März 1983, als Johannes Paul II. das mittelamerikanische Land
besuchte. Der Papst wünschte nicht, dass ihm am Flughafen Priester begegneten, die zugleich
Ämter in der linken Regierung übernommen hatten. Sandinisten und Vatikan-Protokoll einigten
sich darauf, dass allein der Priester und Kulturminister Ernesto Cardenal dabei sein werde
und der Heilige Vater die Minister nur von fern im Vorbeigehen grüßen würde.
»Aber der Papst beschloss etwas anderes«, schreibt Cardenal, der 1980 mit dem Friedenspreis
des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, in seinen Erinnerungen. »Flankiert von Daniel
Ortega und Kardinal Casaroli reichte er den Ministern die Hand… Ich nahm ehrerbietig die
Baskenmütze ab und kniete nieder, um ihm den Ring zu küssen. Er erlaubte nicht, dass ich den
Ring küsste, und während er den Zeigefinger wie einen Stock schwang, sagte er in
vorwurfsvollem Ton: ›Sie müssen Ihre Situation in Ordnung bringen.‹ Da ich nichts erwiderte,
wiederholte er die barsche Ermahnung. All dies vor den laufenden Kameras der ganzen
Welt.« Im Zentrum der Hauptstadt Managua kam es dann zum Eklat. Hunderttausende hatten
bei 40 Grad Hitze auf den hohen Besuch gewartet. Johannes Paul II. predigte über die Einheit
der Kirche und ihre Gefährdung durch revolutionäre Christen. Über den Platz senkte sich
lähmendes, langes Schweigen. Dann kamen erste Rufe: »Queremos la paz!«, wir wollen Frieden.
Sie weiteten sich zu Sprechchören aus. »Ruhe!«, donnerte der Papst ins Mikrofon. Die Menge
antwortete: »Poder popular!«, alle Macht dem Volk. »Zum ersten Mal in der modernen Geschichte
war ein Papst von einer Menschenmenge gedemütigt worden«, urteilte Cardenal.
Den misslungenen Auftritt auf der lateinamerikanischen Bühne erklärte er mit den polnischen
Erfahrungen Wojtyłas: »Wiederholte Male hatte der Papst davon gesprochen, dass Nicaragua
sein ›zweites Polen‹ sei… Er glaubte, es gäbe eine unpopuläre Regierung, die von der großen
christlichen Mehrheit abgelehnt würde, und dass seine kämpferische Anwesenheit einen Aufstand
des Volkes gegen die … Sandinisten provozieren würde… Der Papst kam nach Nicaragua, um
die Revolution zu destabilisieren.«
Ganz anders als Johannes Paul II. hat Joseph Ratzinger jede Vermischung von Religion und Politik
stets abgelehnt. Seitdem ihn der polnische Papst 1981 zum Präfekten der Glaubenskongregation
ernannt hatte, sah er seine Aufgabe darin, alle Deutungen von Jesus als eines nur herausragenden
Menschen, eines Partisanen für ein rein irdisches Reich der Gerechtigkeit, zurückzuweisen. Allen
innerweltlichen Heilsversprechen stand er wie ein unverrückbarer Fels entgegen. Leonardo Boff,
dem Brasilianer im Geiste Hélder Cámaras, erlegte er ein Bußschweigen auf und vergraulte ihn
aus dem Priesteramt.
Immer wieder stellte er das Ethos gegen die Utopie. Unverblümt setzte er sich im Sommer
1985 in der Rheinisch-Westfälischen Akademie mit dem »theopolitischen« Konzept von
Gustavo Gutierréz auseinander: »Rationalität und Glauben sind beide, so weit sie vorkommen,
in den Dienst der Utopie gestellt, die der Motor und die sammelnde Kraft des Ganzen ist.« Damit
werde die Geschichte zur eigentlichen Gottheit der Utopie.
Gutierréz stellte später in einer Überarbeitung seiner »Theologie der Befreiung« in der Tat das
Ethos über die Utopie und räumte ein: »Es erwies sich als notwendig, unsere Ausdruckweise zu
verfeinern.« Auch der Glaubenswächter Ratzinger klappte dann sein Scharnier hoch: »Das hat uns
geholfen, ihn zu verstehen. Und er hat andererseits die Einseitigkeit seines Werkes eingesehen und
es wirklich weiterentwickelt auf eine sachgerechte und integrationsfähige Form von
›Befreiungstheologie‹ hin.« Als der erzkonservative Bischof von Lima, Juan Luis Cipriani,
wieder ein Verfahren gegen den Befreiungstheologen anstrengen wollte, ließ der Papst wissen:
Nun reiche es, Gutierréz sei zu rehabilitieren. Am Aschermittwoch dieses Jahres legte
Benedikt XVI. in Rom dem Vater der Befreiungstheologie das Aschekreuz auf.
Wie aber ist bei so viel Versöhnung am Ende die Abmahnung des leidgeprüften Jon Sobrino
zu erklären? Die »Notifikation« hatte eigentlich schon am 5. Januar erscheinen sollen. Bei ihrer
verspäteten Veröffentlichung war ihr dann zusätzlich eine erklärende Note vorangestellt worden.
Und der Pressesprecher des Vatikans, Federico Lombardi, erklärte ausdrücklich, die
Bekanntmachung bedeute »keine Verurteilung«. Mehr ist aus dem Vatikan seither nicht zu
erfahren. Aber vieles spricht dafür, dass konservative Kurienkardinäle beabsichtigt hatten, den
Fall Sobrino für die Bischofskonferenz zu einem neuen Rundumschlag gegen die Kirche der
Armen zu benutzen. Benedikt hingegen wollte nur als Mahner, nicht als strafender Papst in
Erscheinung treten, keine neuen Scheiterhaufen entzünden.
Dass die theologischen Positionen von Joseph Ratzinger und Jon Sobrino dennoch unvereinbar
bleiben, liegt nicht zuletzt an ihren Biografien. Ratzinger lehrte ausgerechnet zwischen 1966 und
1969 in Tübingen, dem Hort progressiver Theologen. Der fromme Hochbegabte aus der
tiefsten bayerischen Provinz erschauderte ob der »Zerstörung der Theologie durch ihre
Politisierung im Sinne des marxistischen Messianismus«, wie er es in seinen Erinnerungen
bezeugt. Am Ende brachte er seinen Glauben in der katholischen Feste Regensburg in Sicherheit.
Vierzig Jahr später geißelt er zwar die »Grausamkeit eines Kapitalismus, die den Menschen
zur Ware degradiert« – aber jede Instrumentalisierung der Theologie lehnt er weiter ab. »Die
Kirche kann nicht und darf nicht den politischen Kampf an sich reißen, um die möglichst
gerechte Gesellschaft zu verwirklichen«, hat er in seiner ersten Enzyklika betont. »Sie kann
und darf sich nicht an die Stelle des Staates setzen.« Das ist eine Position, für die heute, im
Schatten des islamischen Fundamentalismus, viele Bürger mehr Verständnis aufbringen als
früher. Für den einstigen brasilianischen Erzbischof Kardinal Páulo Evaristo Arns aus São
Paulo ist das jedoch nicht zu Ende gedacht: Es könne, so hat er sinngemäß gesagt, keine
unpolitische Kirche und Theologie geben. Wenn sie es sei, setze sie sich für den Status quo
ein – als gottgewollt.
Jon Sobrino ist der gleichen Überzeugung – auch bei ihm ist sie biografisch begründet. »Die
traumatischen Erfahrungen aus den vergangenen 50 Jahren haben sich tief in diese Lebensgeschichte
eingegraben«, sagt der österreichische Jesuit und Mitherausgeber des Gesamtwerks von Karl Rahner,
Andreas Batlogg. »Angesichts von Zehntausenden Bürgerkriegstoten und Verschwundenen,
angesichts einer gespaltenen kirchlichen Hierarchie, die oft an der Seite der korrupten Oligarchien
stand, angesichts massiver Interventionen aus Rom, ›linientreue‹ Bischöfe zu installieren, kann
einer nicht Theologie treiben, die lediglich lehramtliche Daten wiederholt, völlig unabhängig
vom Kontext.«
Die Karibische See rauscht, die Sterne funkeln. Doch Selino Ortiz und Juan Polo starren zu Boden.
Wie ihre versklavten Vorfahren in den historischen Bildbänden. Am Nachmittag hat der Bürgermeister d
er kolumbianischen Touristenperle Cartagena das alte Paar und noch sieben Nach-barn aus ihren
Wohnungen setzen lassen. Jetzt hocken rund 50 Afrokolumbianer aus dem Fischerdorf La Boquilla
mit ihren handgemalten Protestplakaten niedergeschlagen am Strand. Ein paar Kilometer weiter südlich
überreicht der Bürgermeister zu dieser Stunde den goldenen Schlüssel Cartagenas an Bundespräsident
Horst Köhler, der auf seiner Lateinamerika-Reise gerade in der einst legendären Hauptstadt der
spanischen Vizekönige eingetroffen ist.
Die Fischer haben auch einen deutschen Gast. Allerdings schon seit geraumer Zeit. Evelyn Burgmaier,
die im Auftrag der katholischen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) in Köln für die
Sozialpastoral der Erzdiözese Cartagena arbeitet, bringt einen kleinen Hoffnungsstrahl nach La Boquilla.
Mit zwei Rechtsanwältinnen hat die 35-Jährige Grundstücksverzeichnisse und Besitzurkunden aus
dem 19. und 20. Jahrhundert aufgetrieben. Von der Hacienda de Crespo, zu der die Ländereien
ringsum gehörten – und die Sklaven ebenso.
Deren Nachfahren blieben auf dem Land, als die Hacienda 1931 niemand mehr wollte. Nach
kolumbianischem Recht ist es längst ihr Boden – nur Rechtstitel dafür haben sie nicht. Jetzt heißt es,
ihr Land liege unter dem Meeresspiegel und drohe überschwemmt zu werden. Nach dieser »Expertise«
hat die Nachbargemeinde ihren Grund im Kollektiv und spottbillig verkauft. Inzwischen sind auf dem
»Überschwemmungsgebiet« Luxushotels hochgezogen worden. Das malerische Cartagena hat
ehrgeizige Entwicklungspläne. So werden die Fischer von La Boquilla wohl in alle Winde verstreut
werden. Doch ohne die pastorale Hilfe wäre ihr Schicksal noch härter. Evelyn Burgmaier und
die beiden Rechtsanwältinnen helfen ihnen, Fristverlängerungen und finanzielle Hilfsversprechungen
zu erkämpfen.
Cartagena ist durch den Tourismus ein relativ sicherer Hafen auch für die Kirche der Armen.
Viele Orte im Drogenland Kolumbien sind es noch immer nicht. Yolanda Ceron, die in der
Diözese von Tumaco die Sozialpastoral leitete, führte Buch über alles Land, von dem rechte
Paramilitärs die Armen vertrieben: Hektar für Hektar. Am 19. September 2001 – es war der
achte Tag, an dem die schockierte Welt nur die Trümmer der New Yorker Zwillingstürme vor
Augen hatte – wurde das kleine Katasteramt der Nächstenliebe in Tumaco ausgelöscht. Um
zwölf Uhr mittags erschossen Paramilitärs Yolanda Ceron vor der Kirche Nuestra Señora de Merced.
Das erste Dokument zur Vorbereitung der Bischofskonferenz des Jahres 2007 erwähnt die
Ordensfrauen, Bischöfe, Priester, pastoralen Mitarbeiter nicht, die ihre Einsätze mit dem Leben
bezahlten. Kein Wort über die Basisgemeinden und die Befreiungstheologie. Viele Gläubige sehen
darin ein Signal für die »vergessene Zukunft« der katholischen Kirche.
Anderen erscheint der militante Frieden des Evangeliums, wie ihn die Befreiungstheologie sucht,
als ein falsches Ziel. Aus dieser – vor allem europäischen – Sicht sollte die Kirche ein Raum der
stillen Besinnung und Selbstfindung bleiben. Ein Refugium vor der – um es mit den Worten von
Benedikt XVI. auszudrücken – »Diktatur der Gewöhnlichkeit« und der »verlogenen Vergöttlichung
der Macht und des Wohlstands«. Nur bietet den 290 Millionen Latinos in Armut und den
81 Millionen im Elend die Not kaum eine Chance zur Besinnung – allenfalls zur Betäubung.
Wie ihre Flucht in die Sekten zeigt.
Welchen Weg zwischen ihrem irdischen Los und dem jenseitigen Heil Papst Benedikt XVI.
diesen Menschen weisen wird, erwarten nicht nur die 270 in Aparecida versammelten Kardinäle,
Bischöfe und Ordensleute mit Ungeduld.
Quelle: Die Zeit, 10.5.07, S. 17 ff