Presseerklärung von wir-sind-kirche / Fulda - Regionalgruppe Hanau

Benedikt XVI und die Konfliktlinien in der katholischen Kirche

 

Als Chef der Glaubenskongregation war Kardinal Ratzinger ein unerbittlicher Zuchtmeister der katholischen Kirche, ihr Cheftheologe und oberster Glaubenswächter. Seine Lehrverbote und seine inquisitorische Strenge trieben sogar Katholiken die Schamesröte ins Gesicht. Auch zahlreiche deutscher Bischöfe gingen zu ihm auf Distanz. Ratzinger, beim 2. Vatikanischen Konzil noch ein großherziger Reformer, bekämpfte das Priesteramt für Frauen, und die hauptamtlichen Laien in den Gemeinden fürchteten ihn. Dass die Ökumene unter ihm Fortschritte machte, ist nicht überliefert. Eine innere Demokratisierung der Kirche lehnte Ratzinger ab. Die Vorstellung, es müsse eine Balance zwischen dem römischem Zentrum und der Eigenständigkeit der Ortskirche geben, blieb ihm fremd. Die Freiheit der Ortskirchen war nichts das, was Ratzinger am Herzen lag. Römische Machtbehauptung triumphierte über die Gemeinschaft der Gläubigen. (vgl. DIE ZEIT 21.4.05, S. 1).

 

Wie wird Ratzinger sich als Papst Benedikt XVI verhalten?

Der restriktiven Haltung der katholischen Kirche gegenüber Frauen hat Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation mitzuverantworten. Im 19. Jhd. hat die Kirche die Arbeiterschaft verloren – bedingt durch ihr Verhalten in der Sozialen Frage, das geprägt war von der Furcht vor Sozialismus und Kommunismus. Arbeiter gibt es zumindest bei uns immer weniger. Aber Frauen wird es auch in Zukunft geben.

Jetzt besteht die Gefahr, die Frauen zu verlieren. Dies könnte für die Kirche fatale Folgen haben. Denn die Frauen sind nach wie vor diejenigen, die in vielen Gemeinden die Aktivitäten tragen und in den Familien eine wichtige Rolle bei der religiösen Erziehung spielen.

 

Es ist nicht auszuschließen, dass Benedikt XVI die oben geschilderten Konfliktfelder in Deutschland und Europa mit einem römischen Machtwort endgültig zu lösen versucht. Bei diesem Konflikt geht es um das Wesen und die Zukunft der Kirche.

 

Als Papst ist es oberste Aufgabe von Benedikt XVI die Einheit im Glaubens zu wahren. Benedikt XVI sieht die Einheit im Glauben durch Relativismus , eine Gleich – Gültigkeit gefährdet. Diese Einschätzung des Papstes trifft auf das Anliegen vieler Gläubigen, dass ihre persönliche Lebens- und Glaubensbiographien anerkannt und gewertschätz wird. Es geht dabei um die Geschichtlichkeit von Glaube und Kirche auch in unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen. Können solche unterschiedlichen Sichtweisen von Glauben und Kirche in Einklang gebracht werden?

 

Wie wird der neue Papst mit diesen Konfliktlinien umgehen? Es geht um die existentielle Frage: Wie katholisch, allumfassend, darf die römische Kirche sein? Wird sie in der Lage sein, eine innerkatholische Konfliktkultur zu entwickeln? In seiner Ansprache bei seiner Einsetzung bezeichnete sich Benedikt erneut als «schwacher Diener» für eine Aufgabe, die «alles menschliche Vermögen übersteigt». Er folge nicht dem Programm seines eigenen Willens, sondern werde zusammen mit der ganzen Kirche auf die Stimme Christi hören, sagte Benedikt. Für Überraschungen, die uns der neue Papst in positivem Sinne bescheren könnte, wären wir mehr als dankbar.

 

26.04.2005 19:11

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