Ein Beitritt der Türkei würde die Europäische Union überfordern

Von Helmut Schmidt

 

A m 16. und 17. Dezember wollen die 25 Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten die Beitrittsverhandlungen mit Rumänien und Bulgarien abschließen, zugleich wollen sie gleiche Verhandlungen mit Kroatien und der Türkei beginnen. Offensichtlich haben sie weder Maß noch Ziel. Die Neigung zu Illusionen wird erkennbar, wenn ein Mitglied der Kommission sagt: »Mit dem Beitritt der Türkei würde die Europäische Union ein weltpolitischer Akteur werden« – immerhin spricht Günter Verheugen damit die ihm schmerzliche Wahrheit aus, dass die EU allerdings heute in der Weltpolitik keine Rolle spielt. Der neue spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero geht noch weiter: »Europa muss daran glauben, in zwanzig Jahren die bedeutendste Weltmacht sein zu können.« Kanzler Gerhard Schröder, deutlich bescheidener, plädiert für den Beitritt der Türkei, damit sie »zu einem Vorbild für andere muslimische Länder in unserer europäischen Nachbarschaft« werde.

 

In früheren Jahrzehnten haben die Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft tatsächlich weltpolitische Interessen Europas wahren können. So, als sie in den 1970er Jahren die währungspolitischen Turbulenzen nach der Freigabe des Dollar-Wechselkurses begrenzten; so, als sie die USA, Japan und Kanada auf Weltwirtschaftsgipfeln zu einer global abgestimmten ökonomischen Politik zur Überwindung der von der Opec ausgelösten Weltrezession gewinnen konnten; so abermals, als sie mit dem Nato-Doppelbeschluss die USA für Verhandlungen mit der Sowjetunion über die beiderseitige Abrüstung der atomaren Mittelstreckenraketen gewinnen konnten, die schließlich nach acht Jahren erfolgreich waren. Der strategisch bedeutsamste Erfolg Europas war die Aufnahme Spaniens, Portugals und Griechenlands in den achtziger Jahren, nachdem diese Nationen ihre Diktaturen überwunden und durch rechtsstaatliche Demokratien ersetzt hatten – ein Vorbild für die Aufnahme der früher von Moskau diktatorisch beherrschten Staaten im Osten Mitteleuropas.

 

Nach 1989/90 dagegen entzweiten sich die europäischen Regierungschefs angesichts der Selbstbefreiung der bis dahin dem Warschauer Pakt unterworfenen Staaten. Der Widerspruch Frankreichs und Englands gegen die deutsche Vereinigung konnte nur mit Hilfe der USA überwunden werden. Dann aber wurde 1992 der Beschluss zur Errichtung der gemeinsamen Euro-Währung, 1999 verwirklicht, noch einmal zu einem weltstrategischen Erfolg Europas. Wenn auch die Europäische Zentralbank heute nur für zwölf EU-Staaten die Geldpolitik steuert, so kann jeder sich auf die stabile Dauer des Euro verlassen. Denn keiner der Staaten könnte sich den angesichts der Globalisierung der Finanzmärkte halsbrecherischen Versuch zur Wiedererrichtung einer kleinen nationalen Währung leisten.

 

Seither ist die Europäische Union wegen des Irak-Krieges abermals weit auseinander gefallen. Die Anpassung aller alten Regeln, die schon für zwölf Mitgliedsstaaten in den achtziger Jahren nicht mehr ausgereicht hatten, ist noch keineswegs geglückt. Wenn einer der heute 25 Mitgliedsstaaten die Ratifikation der Europäischen Verfassung ablehnen sollte, so weiß heute keiner, was die Folgen sein würden. In dieser unklaren Situation hoffen die Regierungschefs, wenigstens durch den eventuellen Beitritt der Türkei einen weltpolitischen Erfolg zu erringen. Tatsächlich aber wäre der Beitritt der Türkei (er kann nach allen bisherigen Erfahrungen frühestens im Jahre 2015 erfolgen) die Verwirklichung eines strategischen Zieles – nicht der EU, sondern der USA. Washington hat seit über vierzig Jahren kontinuierlich darauf gedrungen.

 

Amerika wird seine Hegemonie ausbauen, dank einer schwachen EU

Die Bindung der Türkei an die Vorläufer der EU war »ein Produkt des Kalten Krieges« (so zu Recht Verheugen). Amerika hat aus militärischen Gründen gegenüber der Sowjetunion auf den Beitritt der Türkei zur EWG gedrängt. Heute spielt die Frontstellung gegenüber Russland kaum eine Rolle. Vielmehr erwartet man in Washington, mit Hilfe der Nato die amerikanische Hegemonie über eine nochmals erweiterte und deshalb weitgehend handlungsunfähige Europäische Union zu stabilisieren und die amerikanische Position im Mittleren Osten auszubauen (und damit dem verbündeten Israel zu helfen). Jede Erweiterung der EU zu einem immer heterogener werdenden Gebilde hat schon seit dem Ende des Kalten Krieges zugleich dem Interesse der amerikanischen Hegemonie gedient.

 

Mit Ausnahme von Edward Heath, der von 1970 bis 1974 amtierte, hat bisher jede Regierung in London sich die strategischen Erwägungen Amerikas weitgehend zu Eigen gemacht. Die politische Klasse Englands ist einer politischen Integration Europas abgeneigt geblieben; man hängt immer noch an der Vorstellung, zwischen divergierenden Interessen der kontinentaleuropäischen Staaten manövrieren und dabei selber der ausschlaggebende Faktor bleiben zu können. Deshalb ist London stets für den EU-Beitritt der Türkei eingetreten.

 

Nachdem die damalige EWG noch in den achtziger Jahren den Beitrittsantrag der Türkei beiseite gelegt hatte, hat der Europäische Rat 1999 und erneut 2002 der Türkei Beitrittsverhandlungen zugesagt, jedoch unter der Bedingung, dass die Türkei bis Ende 2004 die »Kopenhagener Kriterien« erfüllt. Die Brüsseler Kommission hat dies geprüft und jetzt ihren Abschlussbericht vorgelegt. Sein Fazit: Diese Bedingung sei im Wesentlichen erfüllt.

 

Die EU-Kommission wird nächstes Jahr also Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beginnen. Sie werden jedoch keineswegs automatisch zum Beitritt führen. Denn nach einem positiven Abschluss der Verhandlungen müsste der Beitritt auch von allen derzeit 25 Mitgliedsstaaten ratifiziert und außerdem vom Europaparlament beschlossen werden. Nicht etwa nur der Zeitverbrauch, sondern auch der Ausgang der Sache ist heute offen.

 

In der Zwischenzeit wird über die Europäische Verfassung entschieden werden; darin werden vor allem die Zuständigkeiten und die Verantwortlichkeiten des Rates, des Parlamentes und der Kommission der EU etwas klarer geordnet. Weil das Schicksal der Europäischen Verfassung einstweilen in der Schwebe bleibt, kann die Türkei heute nicht wissen, welcher Art von Union sie möglicherweise beitreten wird.

 

Jedenfalls aber kann nicht mit einer »gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik« der EU gerechnet werden. Nicht allein der Irak-Krieg hat gezeigt: Hinter allen großen Reden von Regierungs- und Staatschefs oder Außenministern über gemeinsame Außenpolitik standen in den vergangenen Jahren keineswegs ein ernsthafter Wille und die Bereitschaft, auf nationale Geltungsbedürfnisse zu verzichten. Im besten Fall handelte es sich um Illusionen, im schlimmsten Fall um Opportunismus gegenüber dem jeweiligen Publikum. Nicht einmal Paris und Berlin haben bisher auch nur ihre Stimmen in Weltwährungsfonds und Weltbank zusammengelegt.

 

Es gibt bei türkischen Mitbürgern Anzeichen der Re-Islamisierung

Ziemlich sicher erscheint dagegen die Aufrechterhaltung der Hegemonie der USA, auch wenn eine multilaterale Diplomatie und eine zivilere Sprache wieder zu Ehren kommen sollten – wonach es bisher allerdings nicht aussieht. Sicher ist das Andauern der gefährlichen Konflikte im Mittleren Osten, besonders mit dem islamistischen Fundamentalismus. Sicher ist ebenso das Andauern der Gefahr eines allgemeinen clash of civilizations zwischen dem Islam und dem Westen.

 

Günter Verheugen, der die EU-Verhandlungen mit Ankara geführt hat, sprach sogar von einem denkbaren »Abrutschen der Türkei in einen antieuropäischen fundamentalistischen Islam«, was »Sicherheit und Stabilität ganz Europas erschüttern« würde. Man kann eine solche Entwicklung nicht völlig ausschließen. Denn es gibt in Anatolien – und auch unter den bei uns lebenden türkischen Mitbürgern – Anzeichen von Re-Islamisierung und von Zurückdrängung der laizistischen Reformen, die Kemal Atatürk seit 1923/24 ins Werk gesetzt und die das türkische Militär bisher aufrechterhalten hat.

 

Wenn die mögliche Gefahr des Rückfalls jedoch als Argument für den EU-Beitritt verwendet wird, so kann es doch nicht Aufgabe der EU sein, ihren Mitgliedsstaaten den Rechtsstaat, Demokratie und persönliche Freiheit zu bringen. Alle bisherigen Mitgliedsstaaten haben diese Grundwerte entscheidend aus eigenem Antrieb im eigenen Land verwirklicht, bevor sie sich der EU angeschlossen haben – und nicht etwa zum Zwecke des Beitritts.

 

Wenn Verheugen meinte, der Wahlsieg des türkischen Premiers Erdo˘gan heute vor zwei Jahren habe die innere Situation der Türkei, die bis zum Jahre 2002 reformunwillig gewesen sei, »grundlegend verändert«, so fehlt es an historischer Perspektive. Im Blick auf das fast ein halbes Jahrtausend währende Osmanische Reich unter dem Sultan und dessen Großwesiren können ganze zwei Jahre nicht als Ausweis künftiger Stetigkeit erscheinen. Weil ich die Stabilität der Türkei immer als unser Interesse ansah, habe ich in den 1970er Jahren eine weltweite finanzielle Hilfe für Ankara organisiert. Aber die Auswanderung von weiteren zehn Millionen Türken nach Deutschland habe ich aus guten Gründen abgelehnt.

 

Die 70 Millionen türkischen Staatsbürger wohnen weder in Ankara noch in Istanbul, noch in den Tourismuszentren an der Küste, sondern die große Masse lebt auf dem Lande in Anatolien. Die kulturelle Distanz Anatoliens zu den genannten türkischen Städten ist groß, die kulturelle Distanz zu den bisherigen Mitgliedsstaaten der EU ist außerordentlich groß – ganz zu schweigen von der kulturellen Distanz zwischen den Türken und der bis vorgestern in Ostanatolien blutig unterdrückten größeren Hälfte des kurdischen Volkes, welches die alliierten Sieger des Ersten Weltkrieges auf die Türkei, den Irak und Iran aufgeteilt haben.

 

Die optimistische Erwartung, eine demokratisch verfasste Türkei würde zu einem Vorbild für andere muslimisch geprägte Staaten werden, gar zu einer »Brücke zum Islam«, ist bloße Spekulation. Denn in den arabischen Völkern und Staaten, auch im Maghreb und im Maschrek, sind die Jahrhunderte der Herrschaft durch türkische Sultane unvergessen; überdies steht seit Jahren auch die militärische Zusammenarbeit der Türkei mit Israel der erhofften Brückenfunktion entgegen. Wohl aber kann ein türkischer Beitritt zum Präjudiz für Marokko werden, dessen Beitrittsantrag schon lange vorliegt. Soll danach Algerien folgen? Jedenfalls wird die EU weitere Beitrittsgesuche erhalten; in den USA wird publizistisch bereits für die Aufnahme der Ukraine, Georgiens und Armeniens geworben.

 

Zweifellos betreibt die seit zwei Jahren im Amt befindliche, betont islamische türkische Regierung den Beitritt zur EU ernsthaft und energisch. Aufseiten des Europäischen Rates und der EU-Kommission jedoch hat seit den späten 1990er Jahren weder die Geschichte noch die Geografie, noch die Ökonomie zu einer rationalen strategischen Abwägung geführt. Im Falle des türkischen Beitritts würden immerhin Georgien, Armenien, Iran, der Irak und Syrien zu unmittelbaren Nachbarn der EU; für die Union würden zusätzliche außenpolitische und strategische Komplikationen unausweichlich.

 

Überall in der EU herrscht Angst vor kultureller Überfremdung

Ökonomisch hat die Türkei – trotz bestehender Zollunion mit der EU – im Vergleich mit allen anderen EU-Staaten den niedrigsten Lebensstandard; deshalb haben die türkischen Regierungen mit erheblichen finanziellen Hilfen der EU gerechnet. Schon die zehn Beitritte des Jahres 2004 haben die Einwohnerzahl der EU um ein Fünftel, das gemeinsame Sozialprodukt aber nur um ein Zwanzigstel vermehrt. Ein türkischer Beitritt würde die Einwohnerzahl der EU stärker wachsen lassen als 2004 der gleichzeitige Beitritt von zehn Staaten; aber das türkische Sozialprodukt pro Einwohner liegt nochmals erheblich niedriger. Die EU würde sich mit einer Aufnahme der Türkei und weiterer Staaten ökonomisch und finanziell übernehmen, jedenfalls sind künftige Enttäuschungen unvermeidlich.

 

Wegen der hohen Geburtenrate wird die Einwohnerzahl der Türkei binnen zwei Jahrzehnten auf über 80 Millionen steigen. Deshalb haben die Regierungen in Ankara seit den 1970er Jahren auf weitere Auswanderung nach Deutschland gehofft. Bisher hat die deutsche Gesellschaft sich leider nicht als fähig erwiesen, die bereits hier lebenden Türken und Kurden wirklich zu integrieren. Ähnlich sieht es in Frankreich aus und anderwärts in der EU mit Algeriern, Marokkanern, Molukkern oder Pakistanis. Deshalb gibt es fast überall in der Union Angst vor ungesteuerter Zuwanderung und vor kultureller Überfremdung.

 

Solche unheilvollen Stimmungen können – zumal im Vorfeld von Volksabstimmungen, zum Beispiel über die Verfassung der Europäischen Union – demagogisch ausgenutzt werden. Und jene Strategen, die durch geburtenreiche Einwanderung die gefährdeten Sozialversicherungssysteme der europäischen Nationen retten wollen, tragen ungewollt zu den dumpfen Ängsten bei. Vollmitgliedschaft in der EU bedeutet im Ergebnis unbeschränktes Zuwanderungsrecht. Stattdessen ist einvernehmliche Begrenzung der Zuwanderungen aus anderen kulturellen Welten geboten!

 

Die leitenden Staatsmänner der europäischen Nationen und die Mitglieder der bisherigen wie der neuen EU-Kommission sind im Begriff, uns alle leichtfertig zu überfordern. Überforderung und Übereifer können zum Zerfall des Jahrhundert-Vorhabens der Integration Europas führen. Am Ende könnte eine bloße Freihandelszone übrig bleiben.

 

Monnet und Schuman, Adenauer und de Gaspari, Churchill und de Gaulle waren Staatsmänner von ungewöhnlichem Weitblick – keiner von ihnen hat die europäische Integration bis über die kulturellen Grenzen Europas ausdehnen wollen. Die heutigen Epigonen sollten jedenfalls wissen: Nur dann, wenn sie sorgfältig einen Schritt nach dem anderen tun, können sie hoffen, ihre Nationen auf dem Wege mitzunehmen.

 

Nach: DIE ZEIT 25.11.2004 Nr.49, S. 3

Quelle: http://www.zeit.de/2004/49/T_9frkei-Beitritt