Begegnung mit dem Islam
vgl.
www.wir-sind-kriche.de/fulda-hanau
http://www.wir-sind-kirche.de/fulda-hanau/Islam_Kirche_Hanau_index.htm
Inhalt
1. Ein Erfahrungsbericht
2. Arbeitskreis "Muslime und Christen in unserer Stadt"
3. Seminar: Islam für Neugierige in der kath. Familienbildungsstätte
4. Arbeitskreis "Christlich-islamische Begegnung"
1. Ein Erfahrungsbericht
Mein Interesse, mich intensiver mit dem Islam zu beschäftigen, reicht in die Zeit des Regimes Khomeni und des Iranisch Irakischen Kriegs zurück. In den Medien wurde in dieser Zeit viel über den "islamischen Fundamentalismus" gesprochen, was im Westen Verunsicherung auslöste. Darüber hinaus konnte der Islam bei uns in Deutschland nicht länger ignoriert werden, gerade vor dem Hintergrund der zahlreich bei uns lebenden Migranten aus dem Islamischen Kulturkreis. Dies alles war Anlaß, mich inhaltlich mit dem Islam auseinander zu setzten. Bildungsreisen in die Türkei, nach Jordanien und Marokko halfen mir auch vor Ort, Eindrücke zu sammeln.
Auf diesem Hintergrund arbeitet ich im Februar 1993 an einer Podiumsdiskussion zum Thema Islam und Fundamentalismus in der Katholischen Familienbildungsstätte mit. Dabei wurde deutlich, daß ein großer Informationsbedarf zum Thema Islam vorhanden war. So bot ich im März 1993 ein erstes Seminar zum Thema: "Islam für Neugierige" in der Ev. Friedenskirchengemeinde an. Darüber hinaus wurde mir deutlich, daß es nicht der Sinn der Sache sein kann nur übereinander zu reden, sondern vor allem miteinander.
So bemühte ich mich darum, die bei der Podiumsdiskussion geknüpften Kontakte zu Muslimen zu einer gemeinsamen Gesprächsrunde zu nutzen. Es gelang mir den Arbeitskreis "Muslime und Christen in unserer Stadt" zu initiieren, zu dem Frauen und Männer, Christen und Muslime und alle Interessierten eingeladen wurden.
2. Arbeitskreis "Muslime und Christen in unserer Stadt"
Der Arbeitskreis wollte sich mit folgenden Themen beschäftigen:
Auf Anregung der Muslime fand das erste Gespräch in den Räumen der Moschee des Islamischen Vereins in Hanau statt. Aufgrund der damals aktuellen Themen kam es gleich zu einem Streitgespräch über die Stellung der Frau im Islam, das Kopftuch und die Möglichkeit den Koran auszulegen bzw. ihn wortwörtlich akzeptieren zu müssen. Um eine Verhärtung und Frontstellung zu vermeiden, würde für das nächste Treffen das Thema außerschulische Betreuung von Kindern und Jugendlichen gewählt.
Dazu wurde der Besuch einer Kinder- und Jugendeinrichtung der Stadt Hanau vereinbart, die ihr Angebot besonders an die Migrantenkinder und jugendlichen aus ihrem Einzugsbereich richtet. Die Mitarbeiter wiesen auf die sehr beengte Wohnverhältnisse der Migrantenfamilien und die daraus resultierenden Problemen und Spannungen in den Familien hin. Die meisten Familienväter sind als ungelernte Arbeiter beschäftigt. Vielfach haben die Eltern Probleme mit der deutschen Sprache. Die Kinder müssen oft für die Eltern übersetzen. Kommen z.B. aus der Schule Schreiben über das Verhalten de Kinder, sei unklar was die Kinder dann übersetzen.
Die Einrichtung wird gerne von den Kindern und Jugendlichen im Einzugsbereich aufgesucht. Um den kulturellen Gepflogenheiten gerecht zu werden, bietet die Einrichtung spezielle Gruppenangebote für Mädchen an. Schwierigkeiten gibt es bei Freizeitmaßnahmen. Eltern aus dem islamischen Kulturkreis verbieten oft ihren Töchtern an Freizeitmaßnahmen teilzunehmen, die eine Übernachtung außer Haus mit sich bringen und an der auch Jungen mitmachen. Vor allem bei männlichen Jugendlichen gibt es gelegentlich Probleme beim Einhalten von Regeln, vor allem wenn diese Regeln von den weiblichen Mitarbeiterinnen aufgestellt und durchgesetzt werden sollen. Dies sei vor dem Hintergrund der patriarchalischen Familienstrukturen in vielen Migrantenfamilien nicht verwunderlich. Auch würden in diesen Familien körperlichen Züchtigungen von Kindern und Jugendlichen als legitime Erziehungsmethoden angesehen. Hier sei es gelegentlich eine Gradwanderung das Jugendamt einzuschalten oder es bleiben zu lassen. Mit einer solchen Intervention würde die Einrichtung das Vertrauen der Eltern verlieren, die durch ein Verbot den Kindern und Jugendlichen einen weiteren Besuch der Einrichtung untersagen würden.
Vor allem das Thema Entwicklungschancen für Mädchen wurde von den Teilnehmern kontrovers diskutiert. Hinsichtlich der Disziplinprobleme erklärte ein Vertreter des Islamischen Vereins, daß Kinder aus wirklich gläubigen Familien keine Schwierigkeiten machen würden. Diese Aussage widersprach aber den täglichen Erfahrungen des Personals, die Auffälligkeiten und Disziplinprobleme bei Kindern und Jugendlichen auch aus Familien mit einer Bindung an die Moschee feststellen mußten. Die Aussage des muslimischen Vertreters wurde als Versuch empfunden, sich der gemeinsamen Verantwortung für ein problemfreieres Zusammenleben zu entziehen. Konkrete Lösungsansätze können allerdings nur zwischen Kindern, Jugendlichen, Eltern und der Einrichtung entwickelt werden.
Um speziell den Belangen von Mädchen aus dem islamischen Kulturkreis gerecht zu werden, wurde eine Arbeitsgruppe für diesen Bereich angeregt, die nur aus Frauen bestehen sollte. Vorrangig sollte sich diese Arbeitsgruppe mit sozialpädagoischen Fragen befassen. Leider kam diese Gruppe aus verschiedenen Gründen nicht zustande.
Weitere Versuche wurden unternommen, um den Arbeitskreis auf eine breitere Basis zu stellen. Ein evangelischer Pfarrer konnte zur Mitarbeit gewonnen werden, ebenso der Pfarrer einer Freikirche, der sich im Main-Kinzig-Kreis besonders für die bosnischen, vorwiegend islamischen Bürgerkriegsflüchtlinge aus Jugoslawien einsetzte. Auch wurden islamische Mitglieder des neu gewählten Ausländerbeirats eingeladen.
Insgesamt tagte der Arbeitskreis sechs mal, dann kamen keine Muslime mehr. Zu den Treffen kamen vor allem Muslime aus dem Umfeld des Islamischen Vereins Hanau (vgl. Moscheen in Hanau Die Einschätzung ihrer Dachverbände in der Literatur). Die anderen teilnehmenden Muslima und Muslime stammten nicht aus Hanau. Es war uns nicht gelungen, andere muslimische Vertreter zur Teilnahme zu gewinnen. Auch hatte ich damals noch keinen Überblick über unterschiedlichen Moscheen und Richtungen der in Hanau lebenden Muslime.
Was können die Gründe für das Scheitern gewesen sein?
Fazit: Für einen interreligiösen Dialog in der von uns praktizierten Art und Weise bestand in Hanau damals offensichtlich kein Bedarf.
3. Seminar: Islam für Neugierige in der kath. Familienbildungsstätte
Aufgrund des anhaltenden Interesses bot ich im Winter 94 und im Winter 95 in der Katholischen Familienbildungsstätte in Hanau jeweils an 4 Abenden ein Seminar an mit dem Titel: Islam für Neugierige. Es sollten folgende Themenbereiche behandelt werden:
Adressaten des Seminars waren Gemeindemitglieder, Christen, die sich über den Islam informieren wollten. Angekündigt wurde das Seminar im Programm der Kath. Familienbildungsstätte und der lokalen Presse. Zu meiner Überraschung kamen nicht nur Christen, sondern auch Muslime zu dem Seminar. Sie bekundeten ihr Interesse an einem christlich islamischen Dialog. Es waren zum Teil die selben Personen, die am Arbeitskreis "Muslime und Christen in unserer Stadt" teilgenommen hatten. Aus Hanau waren Mitglieder des Islamischen Vereins dabei. Sehr schnell wurde deutlich, daß die teilnehmenden Muslime darauf achteten wollten, daß nach ihrer Auffassung nichts falsches über den Islam gesagt wurde.
Besonders am Verständnis des Koran entzündeten sich die Kontroversen. Der Koran sei wortwörtlich zu verstehen, so die Muslime. Uneins waren sich die Muslime, ob die Scharia (religiöse Gesetze) mit ihren, in unseren Augen zum Teil drakonischen Strafen, zum Kernbereiche des Koran gehören und somit unveränderbar ist, oder ob sie zeitbedingt sei und somit den Erfordernissen der Gegenwart angepaßt werden kann. Eine Interpretation des Koran, wie dies bei den Christen mit der Bibel üblich ist (textkritische Methoden), wurde von den anwesenden Muslimen strikt abgelehnt. Diese Haltung entspricht der derzeit "herrschenden" Lehre im Islam. Daß es religionsgeschichtlich im Islam auch andere Traditionsstränge gab, war den anwesenden Muslimen nicht bekannt, und wurde als eine nicht zutreffende Behauptung zurückgewiesen. Als unislamisch wurden auch anders lautende Auffassungen von muslimischen Theologen zurückgewiesen. Bis heute müssen diese islamischen Theologen wegen ihrer Auffassungen in islamischen Ländern auch mit staatlicher Verfolgung rechnen.
Bei dieser Frage wurde der geistesgeschichtliche Unterschied der durch Reformation und Aufklärung geprägten westeuropäischen Kultur gegenüber dem Islam sehr deutlich.
Kontrovers wurde auch die Haltung zum Staat diskutiert. Von den Vertretern des Islamischen Vereins wurde betont, daß die Türkei kein Islamischer Staat sei. Aufgrund der laiizistische Verfassung seit Atatürk sei die im Islam grundgelegte Einheit von Religion und Staat aufgehoben. In der Türkei herrschten somit für gläubige Muslime keine idealen Bedingungen, so der Vertreter des Islamischen Vereins. In einem idealen islamischen Staat könne es somit keine Trennung von Religion und Staat geben.
Für Christen beider Konfessionen hat gerade die leidvolle Erfahrung der Religionskriege und des 30 jährigen Kriegs nach der Reformation in Deutschland die Sinnhaftigkeit der Trennung von Kirche und Staat deutlich gemacht. Dahinter möchte kein Christ mehr zurück. Welche Konsequenzen die Staatsvorstellung dieser muslimischen Richtung für deren Verhältnis zur Demokratie hat, sei dahingestellt.
Erschwerend für den Gesprächsverlauf kam hinzu, daß bei kontroversen Auffassungen von muslimischer Seite sehr lange Statements vorgetragen wurden. Es blieb somit kaum noch Raum für den Austausch im Gespräch. All dies machte den Dialog sehr mühsam. Greifbare Ergebnisse waren nicht zu erreichen. Aufgrund dieser Schwierigkeiten sah ich mich nicht mehr in der Lage, diese Thematik ehrenamtlich neben dem Beruf mit der erforderlichen Intensität weiter zu verfolgen.
4. Arbeitskreis "Christlich-islamische Begegnung"
Ein neuer Impuls zum christlich islamischen Dialog kam 1998 von der Evangelischen Kirche Hanaus. Hintergrund war die sozialpolitische Auseinandersetzung der Evangelischen Kirche mit Kriminalität und Gewalt unter Jugendlichen. Auf diese Gewaltproblematik wurde von der Ev. Kirche mit dem Aufbau von jugendbetreuenden diakonischen Einrichtungen wie Jugendwerkstatt und der Stiftung für betreutes Wohnen reagiert. Verstärkt wurde auch das Augenmerk auf die problematische Situation an den Beruflichen Schulen gerichtet. Hier wurde mit der Besetzung der dortigen Pfarrstellen Schulseelsorgeprojekte aufgebaut. Durch diese Maßnahmen bekam das Thema des interkulturellen und interreligiösen Miteinanders wohl erstmals eine kirchliche Relevanz, die in der Vorbereitung und Durchführung eines "Islam-Tages" für die Region ihren Ausdruck fand. Eingeladen wurden Evangelische Pfarrer, kirchliche und kommunale Kinder- und Jugendarbeiterlnnen, Lehrer, sowie alle bekannten muslimischen Gruppen. Es kamen ca. 160 Personen. Der Islam-Tag traf auf eine große Bereitschaft zur interreligiösen Begegnung und vermittelte Aufbruchstimmung. Aus einer der Arbeitsgruppen ging der Arbeitskreis "Christlich-islamische Begegnung" hervor. In formlosem Auftrag des Kirchenkreises übernahm Herr Pfarrer Ferdinand von der Evangelischen Christuskirche in Hanau die Fortsetzung dieser Arbeit und die Moderation des Arbeitskreises. Der Arbeitskreis tage überwiegend in der Christuskichengmeinde.
Der Arbeitskreis wollte zunächst folgende Ziele anstreben:
Nach einer konstituierenden Sitzung am 30.4.1998 fanden Treffen zu folgenden Themen statt:
2.7.98 Rolle der Frau
17.9.98 Jugendarbeit
5.11.98 Über das Zusammenleben der Menschen zwischen Staatsreligion, Säkularismus und Privatreligion
14.1.99 Islamunterricht in der Schule - die Lösung der Probleme? (zu Gast beim Islamischen Verein)
18.3.99 Lust auf Glauben?!
6.5.99 Angst vor Gott? Angst voreinander?
24.6.99 Angst voreinander? (zu Gast beim Islamischen Kulturzentrum)
16.9.99 Angst vor Ausgrenzungen? (zu Gast beim Alevitischen Kulturzentrum )
11.11.99 Was denken Christen über Muslime? Was denken Muslime über Christen?
03.2.2000 Straffälligkeit - Die Jugendgerichtshilfe Hanau e.V. berichtet aus ihrer Arbeit
16.3.2000 Erziehung Teil 1: Welche Anforderungen stellt die multikulturelle Erziehung und wer hat damit welche Probleme?
25.5.2000 Erziehung Teil 2: Für welche Gesellschaft erziehen wir unsere Kinder?
29.6.2000 zu Gast bei der Ahmaddiyyah-Gemeinde/Nuur-Moschee in Frankfurt
21.9.2000 Erziehung Teil 3: Wie erziehen wir unsere Kinder?
9.11.2000 Bilanz der bisherigen Arbeit.
Seit dem Treffen vom 5.11.98 nahm ich an dem Arbeitskreis teil und wirkte auch in der Vorbereitungsgruppe mit, die sich jeweils eine Woche nach der letzten Zusammenkunft traf.
Zu den Begegnungen kamen zwischen 20 und 70 Teilnehmer, beim Thema Religionsunterricht waren es über 100. Ca. 130 Interessierte haben sich in die Teilnehmerlisten eingetragen. Die Sitzungen wurden in der regionalen Presse angekündigt. Zugleich wurden diejenigen schriftlich eingeladen, die Namen und Adresse hinterlassen hatten. Dies war die einzige Möglichkeit, auch die muslimischen Interessierten zu erreichen, da sie in der Regel nicht auf deutsche Veröffentlichungsorgane zugreifen. Von muslimischer Seite gab es kaum regelmäßige Teilnehmer.
In Hanau gibt es sieben Moscheen (vgl. Moscheen in Hanau Die Einschätzung ihrer Dachverbände in der Literatur.). Fünf davon stammen aus dem türkischen Kulturkreis. Vier der Hanauer Moscheen haben einen Islamischen Arbeitskreis gebildet. Dem Arbeitskreis gehören an:
- Der Islamische Verein (Milli Görus)
- Die Türkisch Islamische Union (DITIP)
- Der Verband der islamischen Kulturzentren
- Die Moschee der Marokkaner
Eingeladen sind auch Vertreter der Moschee der Bosnier.
Vom Islamischen Arbeitskreis nicht eingeladen werden die Aleviten und der Deutsch-Türkische Freundschaftsverein. Unabhängig vom Arbeitskreis: Christlich Islamische Begegnung sucht der Islamischen Arbeitskreis von sich aus Kontakt zu christlichen Einrichtungen.
Im folgenden gebe ich meine persönlichen Eindrücke der Begegnungen wieder:
Zu dem Treffen des "Arbeitskreis: Christlich Islamische Begegnung" kamen Vertreter des Islamischen Vereins (Milli Görus), der Türkisch Islamischen Union (DITIB), Vertreter des Verbandes der islamischen Kulturzentren und der Aleviten.
Der Termin zum Thema Religionsunterricht fand in den Räumen der Moschee des Islamischen Verein statt. Normalerweise gibt es dort getrennte Gebets- und Veranstaltungsräume für Männer und Frauen. Auch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wird dort nach Geschlechtern getrennt angeboten. Aus Anlaß der Veranstaltung konnten auch muslimische Männer und Frauen gemeinsam teilnehmen. Das Thema Religionsunterricht wurde sehr kontrovers zwischen den Muslimen diskutiert. Einige Muslime forderten einen Islamunterricht in türkischer Sprache an der Schule, andere wollten die Inhalte völlig unabhängig von deutschen Schulstrukturen in einer nicht näher definierten Ausrichtung durchführen. Die Aleviten forderten einen religionskundlichen Islamunterricht in deutscher Sprache unter deutscher Schulregie. Die Aleviten befürchten als zahlenmäßig schwächere Gruppe, daß bei einem konfessionellen islamischen Religionsunterricht unter muslimisch konfessioneller Regie, ihre Glaubensauffassung von den anderen islamischen Richtungen unterschlagen und ggf. als Ketzerei denunziert werde. Die anderen Gruppierungen beharrten auf einem konfessionellen Religionsunterricht in muslimischer Eigenregie. Ein Konsens oder Kompromiß konnte nicht erzielt werden.
Beim Besuch des Islamischen Kulturzentrum im eignen Gebäudekomplex ging es in erster Linie den christlichen Vertretern um ein erstes gegenseitiges Kennenlernen. Die Gastgeber wollten die Zusammenkunft nutzten, eine junge muslimische Erzieherin mit Hilfe der ev. Kirchenvertreter eine Stelle zu verschaffen. Die junge Muslima trug eine Kopftuch und erklärte, deswegen keine Stelle bekommen zu können. Persönlich empfand ich dieses Vorgenen als einen Testversuch von muslimischer Seite. Ich hatte den Eindruck das die Christen instrumentalisiert und überfahren werden sollten. Das Gespräch nahm z.T. konfliktartige Züge an..
Die Aleviten hatten in ihre Räumen einer angemieteten Etage in einem Industriegebiet - eingeladen. Sie bezeichnen sich selbst als Muslime und fühlen sich aufgrund ihrer Abweichenden Auffassungen von der sunnitischen Mehrheit in der Türkei verfolgt. Für die Aleviten ist es selbstverständlich, den Koran im Lichte der Gegenwart nach seinen Glaubensaussagen für die heutige Zeit zu befragen. Bei den Aleviten gibt es keine strikte Trennung der Geschlechter und keine Kopftuchpflicht. Sie praktizieren die koedukative Erziehung.
Da sich Religions- und Glaubensthemen als zu schwierig herausgestellt hatten, versuchte der Arbeitskreis Fragen des Zusammenlebens aufzugreifen. Hier ging es um die Straffälligkeit von Jugendlichen und die Ursachen der Straffälligkeit. Hier berichtete die Jugendgerichtshilfe Hanau e.V. über ihrer Arbeit. Diese Veranstaltung war sehr gut besucht. Konsens war, sich verstärkt mit dem Thema Kinder- und Jugenderziehung zu befassen. Hierzu wurde zwei Mal ein türkischer Psychologe eingeladen. Beim zweiten Termin war kein einziger muslimischer Vertreter anwesend.
4. Bilanz der Arbeit des Arbeitskreises
Zum Jahresende 2000 wurde ein Abend der Bilanz veranstaltet. Der Arbeitskreis konnte einen ersten Überblick über die in Hanau bestehenden Moscheen gewinnen. Es konnte aber nicht zu allen Moscheen ein Kontakt hergestellt werden (keine Tel. Nummern, Ansprechpartner unbekannt). Im Laufe der Zeit wurde deutlich, daß bereits das Teilnehmerspektrum von Gläubigen bis hin zu Säkularisierten aus beiden Religionen einigen muslimische Vertreter Probleme bereitete.
Der Arbeitskreis mußte im Verlauf des Jahres erkenne, daß es für einige gläubige Muslime aus Hanauer Moscheen ein Dialog nur unter bestimmen Voraussetzungen sinvoll isti. Von dieser Seite wurden folgende Positionen vertreten:
Von christlichen Religionslehrern wurde betont:
Generell wurde von den christlichen Vertretern bedauert:
Auf dem Hintergrund der Erfahrungen der bisherigen Gesprächsrunden ergeben sich folgende Fragen:
Offensichtliche werden die gleichen Begriffe von christlicher und muslimischer Seite mit z.T. gegensätzlichen, ja sich sogar ausschließenden Inhalten gefüllt. Dies machte eine Kommunikation äußerst schwierig. Mir zumindest ist nicht klar geworden, was einzelne muslimische Vertreter unter den oben aufgeführten Begriffen verstehen. Werden diese Begriffe von einzelne muslimischen Vertretern als Beschwichtigungsformeln gebraucht bzw. um den Gesprächspartner mundtot zu machen?.
Darüber hinaus könnten in der Organisationsstruktur des Arbeitskreises sicher einige strukturellen Verbesserungen sinnvoll sein. So sollte von jeder Sitzung ein Protokoll geschrieben werden. Es sollte jeder einmal an die Reihe kommen, Protokoll zu schreiben. Besonders bei Zusammenkünften, die die Arbeit bilanzieren ist eine Protokoll unverzichtbar. Erfahrungen, Erfolge, Mißerfolge können sonst nicht weitergegeben werden. Protokolle dienen auch zur Fixierung von Vereinbarungen, auf die man sich berufen kann. Man braucht dann nicht mehr gerade bei wechselnden Teilnehmern - jedesmal bei Null anzufangen.. Eine strukturierte Gesprächsführung kann das Ausufern von Redebeiträgen in lange Statements verhindern. Gerade am Ende von Sitzungen sollte eine Gesprächsleitung darauf achten, daß nicht neue Themen angerissen werden und der Abend sich endlos hinzieht. Diese Themen kann man höflich aber bestimmt auf die nächste Sitzung vertagen. Es ist sinnvoll Regeln für das Gespräch festzulegen sowie für Anfang und Endezeit. Diese Regeln sollten auch zu sanktioniert werden..
Obwohl das Thema Mißtrauen und Angst voreinander angesprochen wurde, konnte aufgrund der wechselnden Teilnehmer bei den einzelnen Treffen nicht das nötige Vertrauen aufgebaut werden. Manchmal kam der Eindruck auf, daß einzelne Vertreter von Moscheen den Arbeitskreis für nicht durchschaubare Ziel instrumentalisieren wollten. Die Argumentationsweise von einigen Muslimen scheint darauf hinzudeuten, daß in einzelnen Hanauer Moscheen die jeweilige Glaubensausrichtung als System Vorrang vor dem einzelnen Menschen als Individuum hat und die Suche nach Konsens oder Kompromiß als Schwäche ausgelegt wird. Unklar blieb der christlichen Seite, ob und wenn ja, welche unausgesprochen Ziele, Absichten, Erwartungen und Wünsche die Muslime an den Kreis hatten. Unklar blieb auch, wie die Muslime die christlichen Vertreter erlebt haben.
Dies alles macht deutlich, wie schwierig Kommunikation mit gläubigen Muslimen ist. Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, daß sowohl bei Christen als auch bei Muslimen die Spannbreite von fundamentalistischen Glaubensauffassungen über eine Bemühen um ein heutigwerden des Glaubens bis hin zur Säkularisierung reicht. Auf diesem Hintergrund gibt es sowohl bei Christen als auch bei Muslimen Personen, die offener sind und welche, die weniger offen sind. Erfahrungsgemäß läßt sich mit offeneren Menschen leichter zusammenarbeiten..
Vielleicht waren auch die Erwartungen von vielen Seiten an den Arbeitskreis zu hoch. Da der Arbeitskreis die Stadtebene ansprach, konnten Themen nur angerissen werden. Es war ein vorsichtiges gegenseitiges Kennenlernen möglich. Man weis ansatzweise, was man von einander zu erwarten hat und was nicht. Mit dem Anspruch, konkrete Problemlösung im Bereich des Zusammenlebens zu betreiben, wäre der Arbeitskreis überfordert. Die Entwicklung von konkreten Problemlösungsstrategien (etwa bei Auffälligkeiten von Jugendlichen im Stadtteil) ist am ehesten im Rahmen der Hanauer Stadtteilkonferenzen möglich. Es liegt an den Kirchengemeinden und Moscheen, ob und wie sie sich dort einbringen. Hierbei ist weniger die Zugehörigkeit zu einer Religion oder Konfession entscheidend, sondern das Problem, das es zu lösen gilt. In den Stadtteilkonferenzen wird deutlich, wer konkret und an Problemlösungen konstruktiv mitarbeiten kann und mitarbeiten will. Für Christen, Muslime und "Ungläubige" gilt gleichermaßen: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen (Mt 7.16)
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Quelle: Pfr. Ferdinand; Aus der Geschichte des Arbeitskreises Christlich Islamische Begegnung