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Krise als eine Chance begreifen
"Wir sind Kirche" - Bewegung will junge Menschen nicht einfach ziehen lassen - Empirische Daten zusammengestellt
H a n a u (mkl). - Hanau - eine gottlose Stadt? Zumindest ohne den abendländischen Gott, mit immer weniger werdenden Menschen, die an Jesus Christus glauben und dies auch durch ihre Mitgliedschaft und Mitarbeit in den beiden großen Kirchen nach außen dokumentieren?
Eine statistische Datenerhebung der katholischen Bewegung "Wir sind Kirche" zur pastoralen Situation in Hanau hat jedenfalls unter anderem dieses ergeben: In Hanau gehören zur Zeit zirka ein Drittel der evangelischen und ein Drittel der katholischen Kirche an. Jeder dritte Hanauer ist Muslime, gehört einer anderen Religionsgemeinschaft an oder ist aus der Kirche ausgetreten.
Diese Zusammensetzung werde sich in naher Zukunft dramatisch verändern. Denn mehr als 50 Prozent der neu eingeschulten Kinder stammen in manchen Hanauer Schulbezirken aus dem muslimischen Kulturkreis, heißt es in der Dokumentation, die am Mittwoch von den Vertretern der Regionalgruppe Hanau, Dieter Hussing und Hans Albert Link, vorgestellt wurde.
In der Innenstadt (48 Prozent) und in den Stadtteilen Kesselstadt (38 Prozent), Nordwest (36 Prozent), Lamboy (49 Prozent) und Freigericht (56 Prozent) bilden die Muslime und "andere" schon die stärkste Gruppe.
Die Zahl der Gottesdienstbesucher sinkt, die Pfarrer werden immer älter und weniger. Der katholischen Kirche laufen die Menschen, vor allen die jungen, weg. Spätestens nach der Firmung würden die Gemeinden die meisten Jugendliche verlieren, so Link.
Im gesamten Bistum Fulda lag die Wahlbeteiligung für Pfarrgemeinderäte bei 11,7 Prozent, im Dekanat Hanau bei 7,4 Prozent. "Hier muss man zudem feststellen, dass die Gruppe der wahlberechtigten 16-Jährigen sich kaum beteiligt hatte, ja nicht vorhanden war", sagte Hussing. Allgemein setze sich der Trend fort, dass in vielen Lebenskrisen der Priester nicht mehr als kompetenter Ansprechpartner angesehen werde. Unmut und Resignation mache sich bei vielen Katholiken aufgrund der, wie sie es empfinden -würden, päpstlichen und bischöflichen Blockadepolitik breit. Den mündigen Christ scheine es nur auf dem Papier zu geben. Von Rom werde nur Gehorsam gefordert.
"Das wir uns nicht mißverstehen: Unsere Initiative richtet sich nicht gegen die Hierarchie, gegen Pfarrer oder Pfarrgemeinderäte", unterstrich Hussing. Andererseits stellte er fest: Die Kirche blute zunehmend personell als auch intellektuell aus und viele, die da sind, "sind völlig revolutionsunfähig die Nachfolge Jesus Christus anzutreten".

Kirche rnüsse wieder junge Leute begeistern können. Dafür sei Voraussetzung, die Menschen an ihrer Lebenswirklichkeit abzuholen. Und Link fügte hinzu: "Je dogmatischer sich Kirche gibt, desto ablehnender reagieren die Menschen." "Wir sind Kirche" sieht in der augenblicklichen Krise der katholischen Kirche aber auch eine Chance. "Für uns ist der Glaube kein starres Lehrgebäude. Glaube ist für uns kein Selbstzweck, sondern Dienst für die Gemeinschaft, das Wohngebiet, die Stadt. Das beinhaltet besonders den vom Evangelium geforderten Einsatz für Gerechtigkeit, die Option für die Armen, gerade auf dem Hintergrund der sozialen Situation in Hanau, heißt es in einem Positionspapier der Regionalgruppe. Deshalb finden sich in der Datenerhebung auch die Sozialdaten wieder, die die Stadt Hanau im Rahmen des Armutsberichts 1998 veröffentlicht hatte.
Der Zusammenschluss "Wir sind Kirche" besteht seit 1995. Gründungshintergrund waren die Forderungen des Kirchenvolksbegehrens nach "geschwisterlicher Kirche, Gleichberechtigung der Frauen, die Wahl zwischen Zölibat und Ehe für Priester, positive Bewertung der Sexualität und Frohbotschaft statt Drohbotschaft".
Hanauer Anzeiger 28.1.2000