Sozialforscher stellen steigende
Quoten schon vor Hartz-Reform fest
Die aktuellen Reformen der sozialen
Sicherungssysteme werden Armut und Einkommens-Ungleichheit in Deutschland
künftig vergrößern. Damit rechnen Sozialforscher, die den Datenreport 2004
vorlegten.
VON WERNER BALSEN
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Frankfurt a. M. · 23. August · Schon vor Hartz
IV hat nach den Daten der Forscher der Anteil der Bundesbürger, die in Armut
leben, zugenommen. Als arm gilt, wer weniger als die Hälfte des
Durchschnittseinkommens aller Deutschen erhält. "Alle Indikatoren weisen
für 2002 eine Zunahme der Armut gegenüber dem Vorjahr aus", heißt es in
dem Report, in dem amtliche Daten des Statistischen Bundesamtes und Ergebnisse
der Sozialforschung verschiedener Institute zusammengefasst sind.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das die Armutszahlen zum
Report beisteuerte, hat intern die Daten schon bis in das vergangene Jahr
fortgeschrieben: "Vom Jahr 2002 auf 2003 ist die Armutsquote um fast einen
Prozentpunkt auf zwölf Prozent weiter gestiegen." Gert Wagner,
Forschungsdirektor am DIW, betont allerdings, dass die Bundesrepublik in der
Europäischen Union nach wie vor relativ gut dasteht: In punkto Armut und
ungleiche Verteilung des Einkommens liegt Deutschland unter dem Durchschnitt
der 15 "alten" EU-Staaten.
Zur Beruhigung besteht dennoch kein Anlass.
Denn - so Heinz-Herbert Noll, einer der Autoren des Reports - es sei
"bemerkenswert, wie viele Indizien auf eine Trendumkehr der Lebensqualität
in Deutschland hinweisen". Vor allem würden die eingeleiteten Reformen der
sozialen Sicherungssysteme "die ungleichheitsreduzierende Wirkung"
staatlicher Sozialleistungen weiter vermindern. Die von den Forschern erhobenen
Daten berücksichtigen die Änderungen in der Kranken- und Rentenversicherung
sowie die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe noch nicht.
Die "Lebenszufriedenheit" der Bürger, als "negative Entwicklung
des subjektiven Wohlbefindens" von 2001 auf 2002 ermittelt, sinkt in West-
und Ostdeutschland. Dabei sind die Menschen östlich von Elbe und Werra weniger
zufrieden als die im Westen.
Allerdings kann das DIW in Fortschreibung des Datenreports auch erfreuliche
Informationen präsentieren. Etwa mit dem Hinweis, dass Jugendliche nicht so
desinteressiert sind, wie immer vermutet wird. Seit 1990 schwankt der Anteil
der jungen Leute, die sich ehrenamtlich engagieren, um 13 Prozent. Im vergangenen
Jahr ermittelten die Forscher einen Anstieg auf 14 Prozent.
24.8.04
Quelle: Frankfurter Rundschau S.1
http://www.fr-aktuell.de/fr_home/startseite/?sid=16eeb0a30bccdfa6d4d238e3c4c83fcd&cnt=492020