Armut

 

Panik in der Mittelschicht

 

Am Wochenende berät die Bundesregierung in Neuhardenberg über die Reformen. Hartz IV kommt zwar den Sozialhilfeempfängern zugute, nicht aber den besser gestellten Arbeitslosen. Jetzt ist der Moment gekommen, eine durchdachte Politik für die Armen in Deutschland zu entwickeln

 

Von Elisabeth Niejahr

Anruf in der Pressestelle der SPD-Fraktion: Wer kümmert sich um Armutspolitik? Pause. Schweigen. Dann: »Ich muss mich erkundigen. Wir rufen gleich zurück.«

Mittagessen mit einem Sozialpolitik-Experten der grünen Bundestagsfraktion. Frage: Wann haben die Parlamentarier zum letzten Mal über Politik für die Unterschichten diskutiert? Er kann sich nicht erinnern. Immerhin: »Wir wollen das jetzt machen – wegen der Kürzungen für Arbeitslose durch die Arbeitsmarktreform.«

 

Das sind schon erstaunliche Befunde nach eineinhalb Jahren intensiver Diskussion über Kürzungen, Umverteilung und Gerechtigkeit. Doch Langzeitarbeitslose oder Sozialhilfeempfänger kamen, von einigen Debatten über Kinderarmut abgesehen, meistens nur als Drückeberger vor. Der Kanzler wetterte, es gebe »kein Recht auf Faulheit«, CSU-Chef Edmund Stoiber forderte harte Sanktionen für Arbeitslose, die Job-Angebote ablehnen – und beide trafen damit vermutlich eine verbreitete Stimmung im Land. Jedenfalls ermittelte das Institut für Demoskopie in Allensbach, dass zwei Drittel aller Westdeutschen glauben, »dass viele Arbeitslose gar nicht arbeiten wollen«.

 

Auch die Gewerkschaften zogen von Anfang an mit. Als zu Beginn der rot-grünen Regierungszeit das Motto vom »Fördern und Fordern« in aller Munde war, forderte der damalige IG-Metall-Chef Klaus Zwickel als einer der Ersten, man müsse unwilligen Jugendlichen die Unterstützung streichen, und polterte: »Der Staat hat kein Geld zu verschenken.«

 

Nun wird der Druck auf Arbeitslose mit der faktischen Abschaffung der Arbeitslosenhilfe (HartzIV) zum Jahreswechsel steigen – und viele Deutsche sind empört. Was das Regierungslager wiederum überrascht; angesichts der früheren Zustimmung zu Drückeberger-Parolen hatte man eher eine Mischung aus klammheimlichem Schulterklopfen und verhaltener Kritik erwartet.

 

Als Gerhard Schröder nach der Bundestagswahl 2002 versuchte, bei den Wohlhabenden zu kürzen, wurden ihm wirtschaftsfeindliche Reflexe unterstellt. Nun klagt ver.di-Chef Frank Bsirske, die Regierung stoße Mitbürger in die »Verarmung«, und der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband rechnet vor, dass die Zahl der Armen in Deutschland durch das Hartz-Gesetz von 2,8 auf 4,5 Millionen steigen werde.

 

Wachstum für alle? Der Fahrstuhleffekt findet nicht statt

Da hilft es der Regierung nicht viel, dass gerade das Hartz-IV-Gesetz einem Teil der Betroffenen, den erwerbsfähigen Sozialhilfeempfängern, sogar kleine materielle Verbesserungen beschert. Es nützt ihr nicht, dass sämtliche Arbeitsmarktgesetze darauf zielen, Langzeitarbeitslosen Chancen zu verschaffen. Und es zahlt sich für sie gegenwärtig nicht aus, dass die Jobvermittlung durch das neue Gesetz irgendwann einmal effizienter werden könnte.

 

Denn die Realität ist zunächst ganz anders: Tausende werden ihre Mieten nicht bezahlen können, weil ihre Unterstützung sinkt. Rund 500000 Arbeitslose werden ihren Anspruch auf Geld vom Staat in Gänze verlieren, weil der Partner ein gutes Erwerbseinkommen oder Vermögen hat. Andere bekommen durch den Wegfall der Arbeitslosenhilfe mehrere hundert Euro pro Monat weniger. Und einige spüren schon jetzt, dass die Betreuung schlechter wird, weil sich die Sozialämter langsam aus der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen zurückziehen, für die sie ab Januar in den allermeisten Fällen nicht mehr zuständig sind.

 

All das könnte einer neuen Politik für die Unterschichten Anlass geben. In der Kabinettsklausur in Neuhardenberg soll in dieser Woche darüber diskutiert werden, was »Fördern« jenseits staatlicher Jobvermittlung heißen kann. Vier Milliarden Euro zusätzliche Ausgaben für Kinderbetreuung werden als dringend nötig angesehen, aber eine neue Politik für Verlierer ist das nicht. Sie wird gesucht. SPD-Parteichef Franz Müntefering und auch die Grünen haben die Diskussion angestoßen. Hartz dient ihnen als Auslöser, doch der tiefere Grund liegt eher darin, dass neben anderen Wohlstandsillusionen in den vergangenen Jahren auch die Hoffnung geschwunden ist, Armut und Verwahrlosung würden sich in einer Wachstumsgesellschaft früher oder später von selbst erledigen. Dieser »Fahrstuhleffekt«, den der Soziologe Ulrich Beck beschrieb, wird bis auf weiteres nicht eintreten.

 

Nicht, dass es eine rot-grüne Armutspolitik nie gegeben hätte: Erstens hat die Regierung die Altersarmut weitgehend abgeschafft. Mit ihrer ersten Rentenreform hat sie die soziale Grundsicherung eingeführt, die armen Menschen im Rentenalter den Anspruch auf ein Einkommen in Höhe der Sozialhilfe gewährt. Das Sozialamt kann das Geld nicht von Kindern oder Eltern zurückverlangen, anders als bei Sozialhilfeempfängern. Die zweite Neuerung besteht darin, dass die rot-grüne Regierung regelmäßig einen nationalen Armutsbericht präsentiert. Beides hatten Kirchen, Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften viele Jahre lang gefordert. Beides hat hohen Symbolwert. Aber auch nicht viel mehr. Altersarmut zu bekämpfen ist vergleichsweise einfach in einem Land, in dem nur 1,4 Prozent der über 65-Jährigen zusätzlich zur Rente Sozialhilfe beziehen. Die Grundsicherung schützt gerade jene Altersgruppe, die von Armut ohnehin am wenigsten betroffen ist – Rentnern geht es in Deutschland verhältnismäßig gut. Und der Armutsbericht verbessert zunächst keine einzige konkrete Lebenssituation.

 

»Armut wurde erstmals regierungsamtlich anerkannt, Armutsbekämpfung wurde zur Schwerpunktaufgabe erklärt«, schreibt Petra Buhr, Sozialexpertin der Universität Bremen in einer Analyse der rot-grünen Armutspolitik. Diese positive Bilanz sei aber »in mehrfacher Hinsicht zu relativieren«, ergänzt sie: »Bei den neuen Maßnahmen handelt es sich insgesamt gesehen um relativ kostengünstige Maßnahmen auf Nebenkriegsschauplätzen, Armutspolitik ›light‹ sozusagen.«

 

Umso bemerkenswerter, dass in den Sozialdebatten der vergangenen Monate von Armut fast nie die Rede war. Die einfachste Erklärung wäre, dass alle Beteiligten einer optischen Täuschung unterliegen: Sie verwechseln Sozialpolitik mit Sozialversicherungspolitik. Schröders Agenda 2010 ging es vor allem um Reparaturen an den Sozialsystemen, von denen fast jeder irgendwie betroffen war. Mit Armut oder Verwahrlosung hat das nur insofern zu tun, als dass die Agenda auf bessere Beschäftigungschancen für alle zielt.

 

Eine zweite Erklärung lautet, dass Anwälte der Armen in den politischen Schaukämpfen kaum noch auszumachen sind. Wenn früher Arbeitgeber und Gewerkschaften kämpften und verhandelten, standen sie stellvertretend für die Interessen von Arbeit und Kapital. Wenn heute zu Massendemonstrationen gegen die Agenda 2010 aufgerufen wird, ist viel weniger klar, wer an wessen Seite steht: Die Rentnerin, die sich über ihre von der Regierung verordnete Nullrunde empört, marschiert neben der Verkäuferin, die von der Senkung der Lohnnebenkosten profitiert.

 

Das größte Problem besteht, drittens, darin, zu definieren, was Armut eigentlich ist. Wie arm ist beispielsweise ein Student, der mit 400 Euro im Monat auskommen muss, in einem Zehn-Quadratmeter-Zimmer lebt, auf einer Matratze schläft und außer zwei vollen Bücherregalen und einem Computer fast nichts besitzt? Ist er ärmer als der Sozialhilfeempfänger in der Nachbarwohnung, der über doppelt so viele Quadratmeter, eine Couch, einen Fernseher und einen Videorekorder verfügt?

 

Die offiziellen Armutsdefinitionen helfen nicht weiter. Arm ist nach gängiger Lesart, wer weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens verdient. Wie problematisch diese Art der Messung ist, zeigt ein beliebtes Rechenexempel: Angenommen, ein Milliardär wie Bill Gates würde in eine kleinere Gemeinde ziehen, so würde er damit auch das Durchschnittseinkommen in die Höhe treiben – und die Zahl der Armen stiege nach dieser Definition sofort dramatisch an, obwohl es keinem der Geringverdiener materiell schlechter ginge. Genauso wenig sinnvoll ist es, Armut an der Zahl der Sozialhilfeempfänger zu messen. Dann würde derjenige die Armut effektiv bekämpfen, der den Anspruch auf Unterstützung zusammenstreicht.

 

Wie aber soll man Politik für die Armen machen, wenn sich so schwer definieren lässt, um wen es eigentlich geht? Niemand solle von zentralen Bereichen gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen werden, kein Schulkind beispielsweise auf den Klassenausflug verzichten müssen, sagen Sozialwissenschaftler und sprechen von »Teilhabe« oder »Exklusion«. Massentauglich ist das nicht. Gegen Armut lässt sich mobilisieren. Aber wer würde neben ver.dis wehenden Fahnen Transparente »Für Teilhabe – gegen Exklusion, und zwar sofort!« hochhalten?

 

Besuch in einer Beratungsstelle für arbeitslose Jugendliche im Berliner Problembezirk Neukölln. Hier liegt die Arbeitslosigkeit zwischen 35 und 40Prozent, etwa 25 Prozent beziehen Sozialhilfe – der Bundesdurchschnitt liegt bei drei Prozent. Die meisten jungen Menschen haben keinen Schulabschluss, und um einige davon kümmert sich das Neuköllner Netzwerk Berufshilfe. Für viele der Jugendlichen stelle es schon eine unüberwindbare Hürde dar, in einem anderen Stadtteil zu arbeiten, erzählen die Sozialarbeiter: »So ist das, wenn man in der Familie Mobilität nicht lernt.« Sind die Teenager, die vor der Eingangstür auf der Treppe lungern, arm? Ein Ja geht dem Sozialarbeiter Michael Stelte nicht über die Lippen: »Ich würde eher sagen, dass ihr Einkommen unterhalb der offiziellen Armutsgrenze liegt.«

 

Ein Treffen im Café mit Regine Malzer*, einer arbeitslosen Mittfünfzigerin, die einen lilafarbenen Blazer und passenden Lippenstift trägt. Sie ist eloquent, selbstbewusst, gebildet und empört sich über die Folgen der Hartz-Reform. Sie soll einen Vollzeit-Job übernehmen, für den sie 1075 Euro im Monat erhält, umgerechnet etwas mehr als vier Euro Stundenlohn – und das für vergleichsweise stupide Recherchearbeiten. Andernfalls fällt die Unterstützung weg. Außerdem sorgt sie sich, ihre kleine Altbauwohnung nicht mehr finanzieren zu können, wenn das Haus saniert und gleichzeitig durch Hartz IV ihr Einkommen spürbar geringer ausfallen wird. Verständliche Sorgen. Aber ist Regine Malzer arm?

 

Sie ist jedenfalls typisch für die Debatte über die Hartz-IV-Reform, die vor allem zwei Gruppen in voller Härte trifft: erstens Langzeitarbeitslose mit einkommensstärkeren Partnern. Zweitens, und zu dieser Gruppe gehört Regine Malzer, sind es arbeitslose Akademiker, die bisher Anspruch auf Arbeitslosenhilfe hatten. Während die Arbeitslosenhilfe vom früheren Einkommen abhing, gilt beim Arbeitslosengeld II ein einheitlicher, niedriger Satz für alle. Übergangsregeln verschaffen zwei Jahre lang Luft. Für die bisherigen Sozialhilfeempfänger verbessern sich die Leistungen teilweise sogar. Aber sie nehmen an der gesellschaftlichen Debatte nicht teil.

 

Nicht jeder, der sich subjektiv unsicher fühlt, ist objektiv bedroht

Über die Hartz-IV-Reformen wird momentan vor allem deshalb so laut und intensiv gestritten, weil das Gesetz Abstiegsängste von Mittelschichten provoziert. Besonders deutlich zeigt das die Empörung darüber, dass Arbeitslose teilweise Lebensversicherungen auflösen müssen, bevor sie staatliche Unterstützung erhalten. Gegen diese Regelung lässt sich vieles einwenden, vor allem passt sie nicht zu den Regierungsappellen für mehr private Altersvorsorge. Um Not und Elend geht es dabei jedoch nicht. Man muss sich eine Lebensversicherung überhaupt erst einmal leisten können, um ihren Verlust durch Hartz IV zu fürchten. Andere, die ärger dran sind, wissen nicht einmal, wie man »Lebensversicherung« schreibt.

 

Die Kriminologie kennt die Unterscheidung zwischen »objektiver« und »subjektiver« Sicherheitslage: Nicht jeder, der sich subjektiv unsicher fühlt, ist objektiv bedroht. Man hört das Argument in Debatten über Ausländerfeindlichkeit: Die Ängste vor Fremden sind dort groß, wo es wenig Ausländer gibt. Übertragen auf die Sozialpolitik, könnte das bedeuten: Dass sich eine Gruppe besonders vernehmlich gegen Kürzungen wehrt, heißt noch nicht, dass sie besonders viel Solidarität verdient. Und Politik für Unterschichten setzt zunächst voraus, genau darauf zu achten, wer von welchen Leistungen wie stark profitiert.

 

Für dieses Thema haben die Unionspolitiker Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler in den achtziger Jahren den Begriff der „neuen sozialen Frage“ geprägt: Nicht die gut organisierten Gewerkschaftsmitglieder seien die wahrhaft Bedürftigen im deutschen System, sondern Gruppen, die sich kaum artikulieren. Familien beispielsweise.

 

Auch die Grünen haben sich in der Sozialpolitik ihrer Anfangsjahre vorrangig für Gruppen jenseits der organisierten Facharbeiterschaft stark gemacht. Sie traten, ähnlich wie Biedenkopf, beispielsweise für steuerfinanzierte Sozialsysteme ein, weil sich in ihnen die soziale Absicherung weniger auf den vollzeitbeschäftigten Angestellten oder Facharbeiter konzentriert. Die Grünen wollten Anwälte der Job-Hopper, Teilzeitkräfte oder auch Scheinselbstständigen sein – Menschen mit ähnlich ungeordneten Arbeitsbiografien wie der des Ex-Taxifahrers, Ex-Buchhändlers und Ex-Fließbandarbeiters Joschka Fischer. Lange Zeit unterschied sie das von der SPD.

 

Zuletzt blitzte dieser kulturelle Unterschied zu Beginn der rot-grünen Regierungszeit auf, beim Streit um das Gesetz für 630-Mark-Beschäftigte. Damals klagte der Abgeordnete Christian Ströbele, einer der letzten Linken aus grünen Gründerzeiten, ganz Kreuzberg lebe von den Minijobs, »und zwar auf der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerseite«.

 

Der Sozialstaat verteilt das Geld von unten in die Mitte

Seitdem hat die rot-grüne Regierung, wie ihre Vorgänger, Politik für die Mittelschichten gemacht – und dies gelegentlich mit dem Zitat des US-Präsidenten Bill Clinton verklärt, es gehe um »people who work hard and play by the rules«.

 

Tatsächlich hat die Regierungspolitik im Namen des sozialen Ausgleichs vor allem klassische Wählerschichten gut bedient – oft zulasten derer, die auf Hilfe dringend angewiesen wären.

 

Drei Beispiele:

Ø      Absurd sind die Förderkriterien der Riester-Rente: Anspruch auf die staatliche Förderung hat nur jemand, der einen sozialversicherten Arbeitsplatz hat. Die jobbende Langzeitstudentin oder der mühsam um jeden Auftrag kämpfende Selbstständige gehen leer aus – also ausgerechnet diejenigen, die eine ergänzende Altersversorgung besonders dringend brauchen, weil es für eine gute gesetzliche Rente vermutlich nicht reicht. Beide finanzieren über ihre Steuern die Förderung allerdings kräftig mit.

 

Ø      Kaum besser ist die Verteilungswirkung sämtlicher Präventionsmaßnahmen in der Gesundheitspolitik. Gerade die schwerwiegenden Massenkrankheiten wie Diabetes oder Herzinfarkt treten bei Menschen mit schwierigem sozialen Umfeld besonders häufig auf. Wer wohlhabend ist, lebt länger – Männer aus dem unteren Viertel der Einkommenspyramide sterben im Schnitt zehn Jahre früher als diejenigen aus dem oberen Viertel. Die Programme zum Beispiel, die bessere Ernährung lehren, sind vor allem auf informierte Mittelschichten zugeschnitten – sie werden aber von allen Beitragszahlern finanziert.

 

Ø      Auch der soziale Wohnungsbau erreichte viele Jahre das Gegenteil von dem, was er verhieß: Zeitweise wurden fast 40 Prozent der Bevölkerung ein Recht auf Bezug einer vom Staat finanzierten Sozialwohnung eingeräumt. In der Praxis führte das dazu, dass gerade die sozial Randständigen nicht zum Zuge kamen: Die Verwalter verhielten sich wie alle Wohnungsverwalter und bevorzugten Mieter mit ordentlichen Einkommen, von denen es ja unter 40 Prozent Berechtigten genug gab.

 

Die Liste ließe sich fortsetzen – vom kostenlosen Studienplatz für Mittelschichtkinder bis zur Eigenheimzulage gibt es zahlreiche Maßnahmen, die mit sozialen Motiven begründet werden, aber nicht den sozial Schwachen dienen. Es gibt also einen massiven Verteilungskonflikt zwischen Mittel- und Unterschichten – allerdings keine bekannte Person, keine Partei, die dies artikuliert. Einzig der Paritätische Wohlfahrtsverband eröffnete vor einiger Zeit diese Diskussion und forderte, Behinderte oder Alleinerziehende nicht durch Steuerrabatte zu unterstützen. Davon profitierten diejenigen, die es nicht nötig hätten. Keine Partei griff das auf.

 

»Gerhard Schröder hat vor seiner Kanzlerschaft eine Politik für die neue Mitte angekündigt – und er hat genau das gemacht«, sagt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Verbandes. Im Ausland haben die Liberalen die Debatte über die nötige Konzentration von Sozialleistungen auf Bedürftige geführt – etwa in der Schweiz, wo gerade eine Regierungsstudie untersuchte, wer für die soziale Sicherung zahlt und wer davon profitiert. Das Ergebnis: Das Geld fließt von Arm zu Reich.

 

In Deutschland findet Schneider bei keiner Partei Verbündete – oft sperrt sich gerade die Opposition gegen die Kürzungen von Subventionen für die Mittelschicht, Eigenheimzulage und Pendlerpauschale. Außer der Öffnung des Arbeitsmarktes für Jobs zu Niedriglöhnen fällt Union und FDP momentan zum Thema nicht viel ein. Armut, Unterschichten, Exklusion – dazu hat man auch von der Opposition schon lange nichts gehört.

*Name von der Redaktion geändert

 

Quelle:             DIE ZEIT, 8.7.04, S. 4

                        http://www.zeit.de/2004/29/Unterschicht