Wohin das Kreuz?

Christen und Gewerkschafter befragen die Hanauer Bundestags - Kandidaten

 

Hanauer Anzeiger, 11.7.98, S. 21

"Wir wollen uns einmischen"

Kirche und DGB Arm in Arm: "Sozialwort" als Meßlatte für Bundestagswahl – Politiker-Befragung

Hanau (mkl/be). - Ein bislang so noch nicht gesehener Schulterschluß: Evangelische und katholische Christen aus Hanau und der DGB Main-Kinzig haben sich erstmals zu einer gemeinsamen Initiative zusammengeschlossen. Als "Arbeitskreis Ökumenische Initiative - DGB Main-Kinzig" verstehen sie sich als eine neue Art von Bündnis.

Am 7. September veranstaltet das Bündnis in der Christuskirche eine Diskussion mit den Bundestagskandidaten des Wahlkreises Hanau über die sozialpolitische Situation in Deutschland. Pfarrer Konrad Well als Vertreter für die Evangelische Kirche Hanau, Hans-Albert Link für die "Kontaktgruppe Wir sind Kirche' Hanau/Maintal" und der DGB-Kreisvorsitzende Ferdinand Hareter erläuterten gestern vor Journalisten den Grund für die "erstmalige Zusammenarbeit dieser Art".

Gemeinsam haben sie einen Fragenkatalog aufgestellt, zu dem sie die Meinung der Direktkandidaten für die Wahl zum Deutschen Bundestag am 27. September, Manfred Kanther (CDU), Bernd Reuter (SPD), Thomas Schäfer (FDP) und Elmar Diez (Bündnis 90/Die Grünen) in konkreten Stellungnahmen wissen wollen. Grundlage der Befragung ist das "Sozialwort der Kirchen". Unter dem Titel "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" haben die evangelische und die katholische Kirche Deutschlands im Frühjahr 1997 detailliert Stellung zu zentralen Fragen der wirtschaftlichen und ,sozialen Situation in Deutschland bezogen. "Dieses gemeinsame Sozialwort stieß bei den Parteien auf großes Interesse - in der Absicht, es totzuloben", merkte Pfarrer Well kritisch an.

Lebendig hingegen soll. es auf der Diskussion zugehen: Hauptthemen sind, die anhaltende Massenarbeitslosigkeit, die Benachteiligung von Familien sowie die zunehmende Armut bei gleichzeitiger Zunahme des Reichtums der Besitzenden. Armut und Arbeitslosigkeit sind keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Skandal - und den wollen wir auch so benennen", sagte Link. Die Bürger seien den nichtssagenden Wahlkampfparolen und Worthülsen mehr als überdrüssig. Jetzt müsse "Butter bei die Fisch", DGB-Chef Hareter zeigte sich "froh" darüber, daß Kirchen und Arbeitnehmervertretung sich zusammengefunden haben. Dies zeige, wie groß die derzeitigen sozialen und wirtschaftlichen Mißstände in Deutschland seien. "Die Menschen müssen wieder den Mut finden, sich politisch einzumischen", unterstrich Hareter. Die Diskussionsveranstaltung des Bündnisses soll hierbei einen Beitrag leisten.

Dabei will sich die Initiative nicht vor den parteipolitischen Karren spannen lassen. "wenn Gerhard Schröder, auf der bisherigen Angebotspolitik weiterreitet, dann kann auch Helmut Kohl Bundeskanzler bleiben. Wir brauchen einen wirklichen Politikwechsel", sagte Hareter. Vor dem "großen Schlagabtausch" am 7. September findet am 3. September - ebenfalls in der Christuskirche - ein Informationsabend über. die wichtigsten Aussagen des "Sozialwortes der Kirchen" statt. Referenten sind Professor Elisabeth Jügemann von der Katholischen Fachhochschule Paderborn/Bochum und Professor Hans-Ulrich Huster von der Evangelischen Fachhochschule Mühlheim. Beide Veranstaltungen beginnen jeweils um 19 Uhr.

 

 

 

Gegen Armut und soziale Ungerechtigkeit

Sozialwort der Kirchen übt Kritik an bundesdeutscher Politik - Inhaltsleerer Wahlkampf ? - Diskussion in Hanau

Hanau (sd). - Mit einem ersten Themenabend zur bevorstehenden Bundestagswahl haben eine ökumenische Initiative der evangelischen Kirche in Hanau und der katholischen Organisation "Wir sind Kirche" aus Hanau und Maintal sowie der DGB Main-Kinzig/Offenbach in der Christuskirche auf die gesellschaftlichen und sozialpolitischen Mißstände in der Bundesrepublik hingewiesen. Unter dem Motto "Wohin das Kreuz?" sollte über die skandalösen Zustände wie lang andauernde Massenarbeitslosigkeit, Benachteiligung der Familien, hohe Steuerlasten für den "normalen" Arbeitnehmer und Zunahme der Armut bei gleichzeitigem Anstieg der Verrnögenswerte aufgeklärt und diskutiert werden.

In diesem Zusammenhang wurden auch Entstehungsgeschichte und Inhalt des sogenannten "Sozialwortes der Kirchen", einer im Frühjahr 1997 veröffentlichten gemeinsamen Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland, vorgestellt.

Als Referenten für den ersten Abend konnten die Veranstalter Walter Boscheinen, Diplom- Theologe von der Katholischen Fachhochschule Paderborn,

Professor Dr. Hans-Ulrich Huster (Evangelische Fachhochschule Bochum) sowie den Diplom - Theologen und Sozialarbeiter Hans-Albert Link als Moderator gewinnen.

Das Interesse an der Veranstaltung hielt sich zwar noch in Grenzen, dies könnte sich aber am kommenden Montag ändern - dann nämlich wird eine Podiumsdiskussion mit den Wahlkreiskandidaten der großen Parteien für den Main- Kinzig-Kreis stattfinden. Unter der Moderation von Dekan Hans Mener werden sich Innenminister Manfred Kanther (CDU), Bernd Reuter (SPD), Elmar Diez (Bündnis 90/Die Grünen) und Thomas Schäfer von der FDP den Fragen zur konkreten Situation in Deutschland und einer zukunftsorientierten Politik auf der Basis des Sozialwortes der Kirchen stellen.

Vor den Stellungnahmen der Referenten präsentierte zunächst Ferdinand Hareter (DGB) aktuelle Zahlen zur Sozialsituation im Main-Kinzig-Kreis. Gerade vor den anstehenden Wahlen, so der Gewerkschaftler, dürfe man Fakten wie mehr als

16 000 Arbeitslose, wachsender Stellenabbau und fast 1500 fehlende Lehrstellen nicht unter den Tisch fallen lassen, sondern müsse die Dinge beim Namen nennen, auch wenn das für manche Verantwortliche unangenehm sei. Das Sozialwort der Kirchen basiert auf mehreren tausend Berichten von Betroffenen, Stellungnahmen verschiedenster Organisationen wie Parteien, Industrieunternehmen und Gewerkschaften, sowie zahllosen Gesprächen, Aktionen und öffentlichen Veranstaltungen irn gesamten Bundesgebiet. Von sämtlichen Parteien, so Walter Boscheinen, sei das Papier gewissermaßen "totgelobt" worden, inhaltliche Umsetzungsprozesse habe er jedoch auch von seiten der Kirchen vermißt. Zwar habe man der Politik Analysen und Lösungsvorschläge aufgezeigt, die reine Theorie reiche aber eben nicht aus.

Einhellig waren Boscheinen. und sein evangelischer Kollege Huster der Meinung, daß die Kirche Mitverantwortung für gesellschaftliche und sozialpolitische Belange zu tragen und für eine menschengerechte Politik zu sorgen habe. Die zunehmende Armut und die hohe Steuerlast der Normalbürger bei gleich- zeitiger unverschämter Zunahme des Reichtums sei beispielsweise genauso wenig tragbar wie die Tatsache, daß Arbeitslosigkeit oder das bloße "Unglück", eine größere Familie zu haben als der Durchschnittsdeutsche mit einem oder zwei Kindern, eine Gefahr sei, in die soziale Armut abzugleiten oder zum Sozialfall zu werden.

Ganz aktuell, so Huster, sei hier die Forderung nach einem regelmäßigen Vermögensbericht. Es könne nicht sein, daß man die 3,2 Billionen deutscher Vermögenswerte einfach auf 100 000 Mark pro Haushalt , "verdurchschnittliche", obwohl hinlänglich bekannt sei, daß die oberen zehn Prozent der Einkommen mehr als 50 Prozent der Vermögenswerte hielten. Statt weiterhin die Arbeitnehmer durch eine untragbare Steuerlast zu schröpfen, müsse man hier und vor allem auch bei den Unternehmen ansetzen, die trotz des Rückgangs der Gewinnsteuer von 42,1 Prozent (1980) auf 20 Prozent (1997) über eine zu hohe Belastung klagten, zumal auch nur die wenigsten diese Abgaben einhielten.

Auf die Diskussion mit den Wahlkampfkandidaten, die am kommenden Montag um 19 Uhr ebenfalls in der Christuskirche stattfindet, darf man gespannt sein. vielleicht wird sich dann die allerorten beklagte "inhaltsleere" des Bundestagswahlkarnpfes zumindest für einige Teilnehmer relativieren.

Hanauer Anzeiger 5.9.98

 

 

"Die haben doch keine Ahnung, was beim normalen Volk los ist"

Innenminister Kanther erntet Buhrufe und Pfiffe bei Podiumsdiskussion mit den Bundestagskandidaten

Von Katja Schoßer

Die Arroganz der Macht bekamen all jene zu spüren, die dem Ruf zur Bundestagskandidatenrunde in der Hanauer Christuskirche gefolgt waren. Während sich die übrigen Politiker nach Kräften mühten, dem Fragensturm standzuhalten, zeigte der prominenteste Volksvertreter wenig Verständnis für die Probleme seiner Wählerschaft. So hagelte es denn auch einzig für Bundesinnenminister Manfred Kanther Buhrufe und Pfiffe.

HANAU. Wohin das Kreuz?' Unter dieser Überschrift mischen sich Hanauer Christen und der DGB Main-Kinzig/Offenbach in den Wahlkampf ein. Gemessen am Sozialwort der Kirchen, das in einer ersten Veranstaltung beleuchtet worden war, fühlten sie am Montag abend den Kandidaten der etablierten Parteien auf den Zahn. Im Zentrum der ungewöhnlich gut besuchten Debatte standen die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Sozialabbau, welche Wege die Parteien dabei beschreiten wollen und welche gesellschaftlichen Gruppen aus ihrer Sicht da- für Opfer bringen müssen.

Wenn auch die anderen Kandidaten mehr mit Wahlversprechen denn mit konkreten Lösungsansätzen glänzten - die eindeutig schlechteste Figur machte dabei Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU). Nicht nur, weil er das Podium pfiffumtost schon nach einer knappen Stunde verließ, um zu seinen Nidderauer Parteifreunden zu eilen - was so mancher im Publikum trotz der erklärten Terminpanne als "Flucht" wertete. Seinen Platz nahm wenig später die PDS - Kandidatin Petra Nitsche ein, die sich von der Zuhörerbank zu Wort gemeldet hatte. Das Verhalten des CDU - Hardliners aber war es vor allem, das lauten Protest hervorrief . So hatte er für einen Studenten, der die Stagnation des Bildungswesens bei gleichzeitig steigenden Lebenshaltungskosten und Rüstungsausgaben kritisierte, nur ein "Mir kommen die Tränen" übrig. Er sei 1958 mit der Zahnbürste aus dem Osten gekommen. Kanthers Rat für den Studiosus, der sich nur mit Nebenjobs über Wasser halten kann: "Überprüfen Sie ihre Ansprüche!" Wen wundert's, daß der frühere DGB - Kreisvorsitzende Sepp Sigualla blankes Entsetzen über solche "Arroganz und Mißachtung" äußerte. Die Armut steigt, da spricht dieser wohlversorgte Herr von Neidkomplexen - "Eine Schande."

Allerdings hatte Kanther von Anfang an keinen leichten Stand. Für Unmut sorgte der allzu knappe Zeitplan des Ministers. Gleich eingangs bemerkte der Kesselstädter Pfarrer Konrad Well, daß die Verbindlichkeit von Terminabsprachen die Verbindlichkeit von Politik widerspiegele. Kanthers Replik-. Es sei eine organisatorische Panne gewesen, "aber mit Politik hat das selten so wenig zu tun gehabt". Dennoch hätte es ihm gut zu Gesicht gestanden und auch der Diskussion gedient, die Nidderauer Christdemokraten eine halbe Stunde länger warten zu lassen. So aber gingen viele Wählerfragen ins Leere.

Auch der Versuch des Ministers, die Kritik an den drängenden Problemen der Zeit auf die "Neidfrage" zu fokussieren, schlug fehl. Verbale Prügel bezog er dafür nicht nur von seinen Kontrahenten Bernd Reuter (SPD) und Elmar Diez (Bündnisgrüne), sondern auch von vielen Zuhörern. Tenor: Es gehe nicht um Neid, sondern um Gerechtigkeit, und darum, daß die dringend nötige Urnverteilung nicht nur auf dem Rücken der Kleinen erfolgen dürfe. Väter verglichen ihre Rentenansprüche mit denen von Bundestagsabgeordneten: "Nach 35 Jahren bleiben mir 1900 Mark im Monat und Ihnen?" Arbeitslose schilderten, wie sie erst entlassen und dann wieder als Freie beschäftigt würden, wie schwer es sei, mit den Sozialämtern klarzukommen, wie sehr die Angst vor Jobverlust und Armut allerorten steige. Und Rentner klagten über die fortschreitende Kürzung ihrer Bezüge.

FDP-Kandidat Thomas Schäfer, der generell recht blaß wirkte und außer seinem Parteiprogramm nicht viel zu bieten hatte, machte sich da wenig Freunde, als er bemerkte: "im Vergleich geht's unseren Armen besser als denen in der Sahelzone." Der Schlußkommentar einer jungen Arbeitslosen: "Die mit ihren dicken Gehältern haben doch keine Ahnung, was beim normalen Volk los ist - ich würde gerne mal einen Monat mit denen tauschen."

Frankfurter Rundschau 9.9.98

 

Vor allem die Veranstaltung mit dem ehemaligen Bundesinnenminister Kanther füllte die Ev. Christuskirche völlig. Das Presseecho war beachtlich und eine "Leserbriefschlacht" zu dieser Veranstaltung tobte 14 Tage lang in der lokalen Presse.