Gemeinsame Planung und Durchführung einer Ökumenischen Veranstaltungsreihe

zum Sozialwort der Kirchen

 

Frankfurter Rundschau, Main-Kinzig-Kreis, 11.10.97, Seite III

"Wir sind Kirche" setzt auf Frohbotschaft anstatt Drohbotschaft

Der katholische Kreis um Hans-Albert Link möchte alte Zöpfe abschneiden und neue Kontakte zu christlich geprägten Gruppen knüpfen

Von Helrnut Pomplun

HANAU / MAINTAL. Einen Stein ins Wasser werfen und sehen, was sich bewegt; einen Pfeil loslassen; Samen ausstreuen ... Mit solchen Bildern versucht Hans-Albert Link zu verdeutlichen, was er und rund zwei Dutzend andere katholische Christen aus Hanau, Maintal und einigen umliegenden Gemeinden mit ihrem Engagement bezwecken.

"Wir sind Kirche", Regionalgruppe Hanau - Maintal, nennt sich der Kreis, den Diplom-Theologe und Diplom-Sozialarbeiter Link gemeinsam mit dem FR-Redakteur Joachim Haas-Feldmann leitet. Entstanden ist er vor zwei Jahren im Rahmen des Kirchenvolksbegehrens und fühlt sich selbstverständlich dessen Zielen und Forderungen verpflichtet: Aufbau einer geschwisterlichen Kirche; volle Gleichberechtigung der Frauen; freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform; positive Bewertung der Sexualität als wichtiger Teil des von Gott geschaffenen und bejahten Menschen; Frohbotschaft statt Drohbotschaft.

,Die Forderungen sind zunächst einmal plakativ formuliert, um Resonanz hervorzurufen', sagt Hans-Albert Link beim Besuch der FR in seinem Reihenhaus in der Hanauer Weststadt. Aber wir als Wir sind Kirche' Regionalgruppe Hanau- Maintal wollen nüchtern schauen, was in der real existierenden katholischen Kirche möglich ist. Wir haben uns dem Thema soziale Gerechtigkeit zugewandt insbesondere dem Thema Arbeitslosigkeit und deren Folgeprobleme."

Dazu hat die Gruppe sich eine feste Basis ausgesucht, das gemeinsame Sozialwort' beider Kirchen, das im Februar dieses Jahres von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz herausgegeben wurde. Link war schon mal vom SPD- Ortsverein Kesselstadt eingeladen worden, über dieses denkwürdige Sozialwort zu sprechen. Und ein gleichlautendes Angebot der Katholischen Erwachsenenbildungsstelle in Hanau hatte es schon früher gegeben.

Aber Link und seine Mitstreiter wollten natürlich mehr als Referate und Vorträge. Sie planten öffentliche Veranstaltungen und stellten dabei fest, daß andere gleiches wollten, parallel im selben Geist wirkten: Die evangelische Kirche in Hanau war bereits mit der Vorbereitung einer Veranstaltungsreihe unter dem Slogan Es ist Zeit' beschäftigt.

,Uns war schnell klar, daß nur gemeinsame Veranstaltungen mit der evangelischen Kirche in Hanau sinnvoll, glaubwürdig und durchführbar sind', erinnerte sich Hans-Albert Link an diese Phase der Entscheidungsfindung. Herausgekommen ist dabei die ökumenische Forumsreihe in der Hanauer Christuskirche (FR vom 8. Oktober: Suche nach Visionen für das 3. Jahrtausend'), die am Donnerstag zum Thema Arbeit der Zukunft eröffnet worden ist.

Der katholische Regionaldekan Pfarrer Norbert Zwergel sei regelmäßig über die Aktivitäten der Gruppe informiert worden, betont Link. Den Hinweis, daß es unter den Würdenträgern seiner Konfession durchaus erhebliche Unterschiede bei der Bewertung von Ökumene gebe, quittiert Hans-Albert Link mit dem ersten Lachen des Abends.

Und auf die Frage, was wohl sein Bischof dazu sagen würde, muß Link nochmals lachen. Er sei nicht von Johannes Dyba abhängig, er arbeite für einen freien Träger in Frankfurt. Es sei auch ein Vorteil für den Kreis" nicht vom Oberhirten in Fulda abhängig zu sein, betont Link wie- der ganz ernst: Wir suchen Kontakt zum Hanauer Klerus, Kontakte zur evangelischen Kirche haben wir. Wir sehen uns als eine Gruppierung, die ihren Weg sucht, einerseits innerhalb der Kirche, aber auch als mündige Christen.'

Die nächsten Ziele sind schon fixiert. Die Veranstaltungen zum Sozialwort will man Nicht folgenlos im Raum stehen lassen'. Deshalb sollen nach der Podiumsdiskussion, mit der am 20. November die ökumenische Forenreihe abgeschlossen wird, weitere Veranstaltungen für Interessierte und Fachleute folgen, allerdings erst etwa ab Januar nächsten Jahres. So soll die Entwicklung von Wahlprüfsteinen für die Bundestagswahl auf dem Hintergrund des Menschenrechts auf Arbeit angeschoben werden. Thematisieren will die Gruppe die Entwicklung von Netzwerken zur Arbeitsplatzvermittlung. Eine öffentliche Gesprächsrunde mit Politikern, Vertreten der Wirtschaft und des Arbeitsamtes ist vorgesehen, und schließlich eine Dokumentation des ganzen Geschehens.

Zur Vorbereitung dieser Folgeveranstaltungen hat sich die Regionalgruppe schon mal mit Vertretern des Arbeitsamtes, der evangelischen Jugendwerkstatt, Leuten vom Internationalen Bund für Sozialarbeit, der Gesellschaft für Wirtschaftskunde und der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung getroffen. Wir wollten Experten befragen, ob es überhaupt sinnvoll und notwendig ist, neben den offiziellen Ansätzen, die es bereits gibt, auch noch was in Richtung Arbeitsbeschaffung zu tun', erklärte Link. Fazit der Begegnung: Es sind gewiß keine Wunder zu vollbringen. Aber wichtig ist die Erkenntnis, daß es einen Bedarf an Vernetzung zwischen diesen und anderen Einrichtungen und Organisationen gibt.

Über Wege dahin macht man sich derzeit Gedanken. Der Kreis trifft sich etwa im vierteljährlichem Rhythmus.

 

Gemeinsame Veranstaltungsreihe mit der Evangelischen Kiche in Hanau

 

 

 

Frankfurter Rundschau 22.11.97 Main-Kinzig-Kreis

 

Zumindest ein Menschenrecht auf Lehrstelle

Ökumenische Gesprächsreihe diskutierte Möglichkeiten, der Massenarbeitslosigkeit zu begenen

Von Joachim Haas-Feldmann

HANAU. Die Denkschrift der deutschen katholischen und evangelischen Kirche zur wirtschaftlichen und sozialen Lage war Thema einer ökumenischen Forum- reihe in Hanau, die am Donnerstag abend mit einer Podiumsdiskussion endete. Da- bei ging es darum, welche Konsequenzen sich aus dein Memorandum ziehen lassen. Lothar Graf, Geschäftsführer der Caritas Main-Kinzig, forderte dazu auf, in den Kirchengemeinden ganz kleine Zeichen' für ausgegrenzte Arbeitslose zu setzen. Er könne sich vorstellen, Geld zu sammeln und damit bereitwilligen Arbeitgebern Stellen finanzieren zu helfen.

Diskussionsleiter Harald Pawlowski von der linkskatholischen Zeitung Publik- Forum wandte ein, das reiche nicht. Auch nach Meinung des Caritas-Verbandes müsse sich die Politik ändern, damit die Massenarbeitslosigkeit abnimmt.

Damit hatte er den Bogen gespannt zu den Schwerpunkten der Debatte in der evangelischen Christuskirche: Ist ein Menschenrecht auf Arbeit legitim? Kann Vollbeschäftigung wiederkehren? Wie lassen sich Arbeitszeit, Einkommen und Gewinne gerechter verteilen? Unterschiedliche Auffassungen schälten sich heraus zwischen Frank Braun als Geschäftsführer des Maintaler Auto-Zulieferers Rasmussen einerseits und Pfarrer Eckhard Kleppe (Marköbel), Karl Koch vom katholischen Bildungswerk in Frankfurt sowie dem Großauheimer ABB-Betriebsratsvorsitzenden Richard Pfaff andererseits.

Braun kritisierte das Anspruchsdenken deutscher Arbeitnehmer, die ihre Arbeitszeit nur bei vollem Lohnausgleich verkürzen wollten und damit Arbeitslosen Einstellchancen vorbauten. Polarisieren nutzen nichts, vielmehr müßten Tarifpartner und Politik in gemeinsamer Verantwortung die Lage bessern. Vollbeschäftigung sei nicht mehr möglich, aber ein Abbau der Arbeitslosigkeit. Wenn alles bleibe wie bisher, drohe ein "großer Knall mit viel destruktiver Energie".

Betriebsrat Pfaff warf ihm vor, auch Rasmussen zahle wegen hoher Abschreibungen keine Steuern. Die Marktwirtschaft habe nur solange ein soziales Mäntelchen gehabt, wie es die System-Konkurrenz mit Planwirtschaften gegeben habe. Er fürchte um die Demokratie, wenn der Sozialabbau so weiter gehe.

Karl Koch kritisierte die ungerechte Güterverteilung, daß die Hälfte von 5,2 Billionen Mark in Deutschland nur zehn Prozent der Bevölkerung gehören. Er plädierte für die 32 Stunden-Woche, Überstunden-Abbau und mehr Teilzeitarbeit. Pfarrer Kleppe sagte, theologisch gesehen sei das Menschenrecht auf Arbeit ein ,lebensnotwendiges Kontinuum'. Zumindest sei ein Menschenrecht auf eine Lehrstelle nötig, daher müsse der Staat eine Ausbildungspflicht einführen. Vollbeschäftigung sei nicht mehr möglich. Wichtiger sei die Frage, ob Arbeit unabdingbare Voraussetzung sein müsse, um menschenwürdig leben zu können.

Hans-Albert Link von der regionalen katholischen Basisgruppe "Wir sind Kirche" kündigte an, in einer ökumenischen Arbeitsgruppe auf der Basis der Kirchen- Denkschrift Wahlprüfsteine für die Bundestagswahl 1998 zu erarbeiten.