"Arbeitslosigkeit als zentrales Problem der Gesellschaft"

Erklärung Bischof Dr. Marx zum 1. Mai

Am Tag der Arbeit muss daran erinnert werden, dass der Skandal der Arbeitslosigkeit weiter besteht. In Deutschland fehlen Millionen Arbeitsplätze. Das ist eines der zentralen Problem unserer Gesellschaft. Ohne Arbeit werden viele Menschen - oft auf lange Zeit - an den Rand der Gesellschaft gedrängt, können am gesellschaftlichen Leben nicht wirklich teilnehmen. Die Politik und auch die Tarifparteien müssen sich an der Lösung dieser Frage messen lassen.

Die Politik reduziert den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit immer mehr auf die Erhöhung der Vermittlungsquote der Arbeitsverwaltung. Diese Anstrengungen lassen das zentrale Problem der Arbeitslosigkeit außer Acht: auf eine offene Stelle kommen sieben Arbeitsplatzsuchende. Die von den Arbeitgebern, den Gewerkschaften und den Politkern gemeinsam verantworteten Vorschläge zur Reform der Arbeitsverwaltung werden deshalb - die Situation wohl nicht wesentlich verbessern, denn Arbeitsplätze werden so nicht geschaffen. - vornehmlich auf dem Rücken derer ausgetragen, die schon jetzt die geringsten Chancen haben. Ihre Situation wird sich noch weiter verschärfen, wenn nur die Vermittlungsquote zählt für die Förderung von Maßnahmen.

Für die Kirche ist die Option für die Armen besondere Verpflichtung. Deshalb machen wir uns zum Fürsprecher für diejenigen, die kaum eine Chance bekommen:

Es gibt keine Fakten, die auf eine Besserung für diese besonderen Zielgruppen hoffen lassen. In unserer Marktwirtschaft wird der Wettbewerb den Druck zur Rationalisierung und Digitalisierung nicht vermindern, d.h. jedes Unternehmen wird nur so wenig Beschäftigte wie unbedingt nötig einstellen und nur die Leistungsfähigsten auswählen. Was ist zu tun, um den Benachteiligten eine Chance zur Partizipation zu eröffnen? Patentrezepte gibt es nicht. Zwei Ziele können aber verfolgt werden:

  1. Den sozialen Aspekt der Sozialen Marktwirtschaft stärker in den Blick nehmen, damit unser Wirtschaftssystem wieder erfolgreich wird. Volkswirtschaftlich betrachtet lohnt es sich, für einen hohen Beschäftigungsgrad zu sorgen: bei der Sozialversicherung gibt es mehr Einzahler als Empfänger, die Lohnnebenkosten sinken und politische Extremisten verlieren an Zustimmung. Wir brauchen Arbeitsplätze nicht nur für Spitzenkräfte und müssen deshalb nach Instrumentarien wie beispielsweise dem Kombilohn suchen, damit für die Benachteiligten Arbeitsplätze geschaffen werden.
  2. Wenn die Tarifparteien und die Politik es auch in Zukunft nicht schaffen, für eine Vollbeschäftigung zu sorgen - und dafür gibt es leider keine Anzeichen - müssen Arbeitsplätze für Benachteiligte angeboten werden. Solange der reguläre Arbeitsmarkt das nicht leistet, ist ein gestützter Arbeitsmarkt in Form von Beschäftigungsfirmen notwendig. Diese Firmen gibt es bereits und sie arbeiten teilweise mit großem Erfolg. Es gilt, diese Form der Beschäftigung zu stabilisieren. Ich bin überzeugt, dass dies nicht nur billiger ist als die derzeitige Belastung des Sozialsystems und dem Gemeinwesen förderlicher. Es ist allemal sinnvoller und menschenwürdiger, Arbeit statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren.

Die Aktion Arbeit des Bistums Trier hat sich im Bereich der Beschäftigungsfirmen im letzten Jahrzehnt engagiert. Die Erfahrungen mit über 6.000 Arbeitslosen, die dank dieser Aktion Arbeit gefunden haben, bestärkt mich in der Gewissheit, dass dieser Weg heute geboten ist. wenn er auch nicht alle Probleme lösen kann. Die Aktion Arbeit ist ein überaus wirksames Zeichen der Solidarität.

Danken möchte ich in diesem Zusammenhang unseren Gemeinden, die bisher für diesen Zweck über 12 Millionen Mark gespendet haben. Derzeit sind wir dabei, die Restmünzen zu trennen, die im Rahmen der großartigen Initiative "Schaffmünzen statt Schlafmünzen" zusammengekommen sind. Dass für diese Aktion rund 14 Tonnen Münzen zusammengekommen sind, ist eine gute Botschaft aus dem Bistum Trier für den 1. Mai 2002.

30.04.2002

Quelle: www.katholische-kirche.de