Eine "wachsende Wissenskluft" lähmt die arabische Welt

 

UNDP-Bericht macht autoritäre Bildungssysteme und den Missbrauch von Religion für mangelnde Entwicklung verantwortlich

Die arabische Welt fällt bei der Wissensbildung und -vermittlung immer weiter zurück. Das ist das Fazit des zweiten Berichtes über die menschliche Entwicklung in der arabischen Welt, den die UN-Organisation für Entwicklung erstellt hat.

VON ANDREA NÜSSE

Amman · 19. Oktober · Wenn nicht massiv in die Qualität von Ausbildung investiert und kreatives und kritisches Denken gefördert wird, werden arabische Gesellschaften sich bald ausschließlich als "passive Konsumenten" von fremdem Wissen und am "Rand der nächsten Phase der Menschheitsgeschichte" wiederfinden, heißt es in dem Bericht, der am heutigen Montag in der jordanischen Hauptstadt Amman vorgestellt wird. Das von der UN-Organisation für Entwicklung (UNDP) veröffentlichte Dokument wurde von arabischen Wissenschaftlern und Intellektuellen erarbeitet.

Der Bericht konzentriert sich auf die "wachsende Wissenskluft" zwischen arabischen Gesellschaften und dem Rest der Welt. Dies war eines der drei Defizite, die im Bericht des vergangenen Jahres aufgelistet wurden - hinzu kommen fehlende politische Freiheiten und die geringe Beteiligung von Frauen am öffentlichen Leben und an der Produktion in arabischen Ländern.

Als Belege für das alarmierende Auseinanderdriften des arabischen Raums mit dem Rest der Welt führt der diesjährige Bericht unter anderem die geringe Zahl von Patenten an, die aus der arabischen Welt angemeldet werden, sowie die niedrige Buchproduktion und die geringe Zahl von Wissenschaftlern, die in der Forschung arbeiten. Während Jordanien in den Jahren 1980 bis 2000 in den USA 15 Patente und Ägypten 77 angemeldet hat, kam Südkorea im gleichen Zeitraum auf 16 328 Patentanmeldungen. Während die arabische Welt fünf Prozent der Weltbevölkerung stellt, kommt sie nur auf 1,1 Prozent der weltweiten Buchproduktion. 17 Prozent davon seien zudem religiöse Bücher, während diese in anderen Regionen nur fünf Prozent der Buchproduktion ausmachten. Dies reflektiere den "Erziehungsprozess", heißt es.

Das Hauptproblem sei dabei die mangelnde Qualität der Wissensvermittlung. Kinder würden sowohl im Elternhaus wie in der Schule zumeist autoritär erzogen. Bereits in frühester Kindheit lernten sie, "Neugier und Wissensdurst zu unterdrücken". Die Schul-Curricula lehrten Unterwerfung und Gehorsam und verhinderten die Entwicklung einer "kreativen, innovativen Generation".

Zudem kritisiert der Bericht die weitere Einschränkung von politischen Freiheiten in der arabischen Welt im Zuge der Bekämpfung des Terrorismus.

Anders als im vergangenen Jahr wagen sich die Autoren auch an das Thema Religion. Sie machen deutlich, dass nicht der Islam an sich ein Hindernis zur Entwicklung einer Wissensgesellschaft ist. Aber der Missbrauch der Religion für politische Zwecke "kann nicht länger toleriert werden", heißt es unmissverständlich. Diese Kritik richtet sich an islamistische Bewegungen und an autoritäre Regime, die diesen Gruppen oft freie Hand lassen, um ihre Macht zu sichern.

20.10.03

Quelle: Frankfurter Rundschau S. 7