Appell für eine neue Islamwissenschaft

 

Der Aufschrei nach der Regensburger Rede des Papstes hat gezeigt, daß der Islam

größtenteils nicht bereit ist, historisch zu argumentieren. Tatsächlich fehlen dem

Dialog mit dem Islam die wissenschaftlichen Grundlagen. Das legt hier der

Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig dar, der an der Universität des Saarlandes

die Arbeitsstelle Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt "Frühe Geschichte

des Islam" leitet. Der Autor appelliert an die westliche Islamwissenschaft, sich

der historisch-kritischen Methode zu öffnen und damit die Reformkräfte im

Islam zu unterstützen. F.A.Z.

 

Wie eine Revolution Wirkte es im Christentum, als man begann, sich seiner Überlieferung –

der mündlichen wie der schriftlichen - mit der historisch-kritischen Methode zu nähern. Vieles

von dem, was man bisher als vom Himmel gefallen erachtete, wurde nun in seinem historischen

Gewordensein sichtbar. Damit öffneten sich hermeneutische Spielräume, eine wortwörtliche

Lesart der heiligen Texte schien endgültig obsolet. Das Absolute wird damit nicht negiert, es

Wird in seinen stets nur relativen Aussagebedingungen begriffen. Mit anderen Worten: Man

hat im Zuge der Aufklärung gelernt, die Religion mit (hermeneutischer) Vorsicht zu genießen.

 

Diese Sorte Aufklärung haben die islamische Theologie Wie auch die Islamwissenschaft noch

vor sich - von kleinen, versprengten Arbeiten abgesehen. Tatsächlich gibt es, wie unlängst

Fakhri Saleh gezeigt hat, in der arabischen Welt zunehmend Denkansätze, die eine kritische

Analyse der islamischen Geschichte versuchen und den Koran und seine Aussagen im Gebiet

historischer Fakten zentrieren wollen. Doch abgesehen davon, daß diesen Reformdenkern

gehöriger Widerstand entgegengesetzt wird, sind ihre Versuche unzureichend, sie schöpfen

nicht aus der Fülle einer kritischen Wissenschaftstradition. Das hängt auch damit zusammen,

daß die westliche Islamwissenschaft sich bisher unfähig erweist, den Reformdenkern substantiell

zuzuarbeiten, weil sie selbst die historisch- krtische Methoden nicht anwendet ........

Karl-Heinz Ohlig

 

Nach: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Wir müssen uns wehren, Appell für eine neue

Islamwissenschaft, 21.11.06

 

In diesem Zusammenhang sei auch auf des Buch hingewiesen: Karl-Heinz Ohlig u.a.,

Die dunklen Anfänge, Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam,

Berlin, 2005

 

H-A Link