Am ausgestreckten Arm verhungern?

Die katholische Protestbewegung »Wir sind Kirche« steht nach sieben mageren Jahren am Scheideweg. – Neuorientierung ist angesagt. (Von Peter Rosien)

Nein, so kann es nicht weitergehen: Seit gut sieben Jahren haben sie nun das Mandat von 1,5 Millionen deutschen Katholiken, endlich Reformen in der Kirche voranzubringen. Aber erreicht haben sie nicht ein einziges der im Herbst 1995 bei einer bundesweiten Unterschriftenaktion angekündigten fünf Ziele. Weder gibt es, von Ausnahmen abgesehen, die »geschwisterliche Kirche«, die die Reformbewegung Wir sind Kirche im Dialog mit den Bischöfen aufbauen wollte, noch ist »die volle Gleichberechtigung der Frauen« in dieser Kirche erreicht. Illusionär auch weiterhin die »freie Wahl der Priester zwischen zölibatärer und nichtzölibatärer Lebensform«. Schlimm wie eh und je ist es amtskirchlich um die »positive Bewertung der Sexualität« bestellt. Und »Drohbotschaft«, also Moralpredigt und Gerichtsrede, ist nach wie vor der Bischöfe liebstes Instrument, die Glaubensschafe in Schach zu halten. Die von Reformern eingeklagte »Frohbotschaft« ist damit nur allzu oft »theologischen Dissidenten« überlassen.

Insgesamt waren es sieben magere Jahre für die Kirchenvolksbewegung. Sieben Jahre, in denen nicht ein einziger der 27 deutschen Diözesanbischöfe sich auf einen Dialog mit den Reform-Begehrern eingelassen hat. So jedenfalls die Bilanz bei der jüngsten Vollversammlung von Wir sind Kirche kürzlich in Münster. Es ist offensichtlich: Der Episkopat will die Reformer am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Von wegen: »Dialog ist die neue Art, Kirche zu sein«, wie Paul VI. einst verkündet hatte. Unter Johannes Paul II. und seinem Großinquisitor Joseph Ratzinger haben sich die deutschen Kirchenleitungen derart einschüchtern lassen, dass ein offener Dialog aussichtslos ist. Entsprechend muss man sich in der Führungsriege der Reformer um den rührigen Hannoveraner Christian Weisner wohl klarmachen: Entweder wir resignieren, oder wir schlagen neue Wege ein. - Das gilt im Übrigen sicher auch zum Teil für die ältere Schwester der Kirchenvolksbewegung, die Initiative Kirche von unten (IKvu), die sich allerdings nicht auf innerkatholische Kritik beschränkt und dabei ist, sich ökumenisch zu organisieren (www.ikvu.de).

Bevor man aber nach neuen Wegen fragt, muss gewürdigt werden, was da bislang auf die Beine gestellt wurde. Besonders Wir sind Kirche hat sich eine stabile Organisation geben können, mit Arbeitsgruppen in allen Diözesen, mit einem Bundesteam und einer hervorragenden Pressearbeit (www.wir-sind-kirche.de). Bundesvorsitzender Weisner hat es geschafft, fast selbstverständlich als Ansprechpartner angefragt zu werden, wann immer Journalisten den Eindruck haben, in der katholischen Amtskirche liefen Dinge nicht, wie sie sein sollten. Weitere Aufbauleistungen: Die staatlich anerkannten und ergebnisoffen arbeitenden Beratungsstellen für schwangere Frauen in Not, gegründet vom Verein Frauenwürde; das anonyme Nottelefon Zypresse für Opfer (und Täter) von sexueller Gewalt in der Kirche (Tel. 0180-3000862) und manch anderes mehr. Alles mit einem bescheidenen monatlichen Bundesetat, der immer neu aus Spenden zusammenkommen muss. Nicht zu vergessen die Einbindung über Internet und persönliche Kontakte in die internationale katholische Protestbewegung We are church (IMWAC).

Das alles kann sich sehen lassen. Aber es hat mit Blick auf die fünf Ziele von 1995 nichts gebracht. Das muss Gründe haben. Und die wird man untersuchen müssen, über die wird man auch streiten können. Besonders, wenn man im selben Boot sitzt. Denn so viel ist klar: Gerade Publik-Forum hat beide Organisationen, IKvu und die Kirchenvolksbewegung, von Anfang an mit gebotener journalistischer Distanz unterstützt. Wir haben zumindest kirchenpolitisch dieselben Ziele, auch wenn wir auf unterschiedlichen Bühnen agieren.

Was aber könnten die Gründe sein, dass vor allem Wir sind Kirche in sieben Jahren kaum etwas bewirkt hat? Drei Vermutungen: Man hat den Gegner unterschätzt. Man hat stets nur systemimmanent agiert. Und man hat den theologischen Kampf um die befreiende Frohbotschaft gar nicht erst aufgenommen. Da ist kein Funke übergesprungen, das schrumpfende Kirchenvolk blieb nach dem inspirierenden Anfang von 1995 mäßig interessiert. Viele haben resigniert.

Den Gegner unterschätzt? Die römisch-katholische Weltkirche ist sicher ein imposantes Gebilde. Unzählige ehrenhafte und vom Geist Jesu inspirierte Menschen sind in ihr engagiert. Gleichzeitig ist diese Kirche von ihrem zentralen Staatsgebiet Vatikan aus so etwas wie die älteste Diktatur Europas. Sie wird geleitet von einer Kurie, die in Teilen vor mafiösen Machenschaften nicht zurückscheut, wie man in dem atemberaubenden ersten Teil der jüngst erschienenen Autobiografie des Konzilstheologen Hans Küng nachlesen kann. (»Erkämpfte Freiheit«, Piper). Diese römische Kirche ist in mancher Hinsicht ein multinationaler Konzern, der einen weltweit dienstrechtlichen Durchgriff auf seine »Manager« hat. In den letzten fünf Jahrhunderten hat diese Kirche in Europa eine unglaubliche Verteidigungskraft entwickelt. Sie hat den Humanismus überstanden, die Reformation, die Aufklärung, den Durchbruch der Naturwissenschaften und die Industrialisierung. Es muss illusionär anmuten, einem solchen Koloss die Bereitschaft abtrotzen zu wollen, auf alte und elementare Machtinstrumente zu verzichten.

Würde man diesen Gegner realistisch einschätzen, so bliebe Reformern heute eigentlich nur ein Weg: Sie müssen die klerikalen Amtsinhaber gezielt provozieren.Es gilt Protest zu inszenieren, in immer neuen medienwirksamen Aktionen. Greenpeace und Amnesty International beispielsweise haben vorgemacht, was man mit der Taktik begrenzter Regelverletzungen erreichen kann. Den Reformern sollte klar sein: Selbst katholische Kirchenführer bleiben nicht unbeeindruckt, wenn sie in der Öffentlichkeit massiv und mit guten Gründen kritisiert oder in ihrer gespreizten Amtsautorität vorgeführt werden.

Allerdings stößt man bei »guten Katholiken«, die die Reformer sein möchten, auf einen für Außenstehende merkwürdigen Reflex: Sie kritisieren Missstände in der Kirche, sie fordern Änderungen unhaltbarer Zustände, aber sie wollen auf keinen Fall der Kirche schaden. Kirchenreformer wollen unbedingt »dazu gehören«, unter keinen Umständen Abspaltungen herbeiführen oder sich gar selbst abspalten. So handeln und protestieren sie stets »systemintern«. Und genau darin muss man nach der Unterschätzung des Gegners nun den zweiten Grund für die Erfolglosigkeit von Wir sind Kirche vermuten: Man bleibt auf den verweigerten Dialog fixiert, hat Angst, das Tischtuch zu zerschneiden. Das Elend ist aber: An der gegenüberliegenden Seite des Tischtuchs nimmt eben niemand Platz. Will man überkommene Strukturen aufbrechen, darf man sich von einem übermächtigen Gegner nicht die Waffen vorgeben lassen, zum Beispiel die Verpflichtung auf den Dialog. Unter Umständen hat man dann gar nichts in der Hand. Man muss anders taktieren - überraschend, provozierend, entlarvend. Und in solchem Taktieren muss Überzeugungskraft stecken für die riesige Gruppe der »stillen Unzufriedenen« in der Kirche, deren Ausbruch aus der Kultur des Schweigens es zu animieren gilt.

Bleiben wir kurz bei diesem zweiten Grund für die Erfolgslosigkeit: Die Fixierung auf die Systemimmanenz, auf die »Mutter Kirche«, die »an sich« gut ist, durch das gestrenge Vater-Regime der hohen Kleriker aber leider verunstaltet wird. Diese Fixierung war es, die die Protestbewegung im letzten Sommer in ihre bislang größte Falle laufen ließ. Auf der einen Seite hat man das erklärte Ziel, dass Frauen auch das Priesteramt bekleiden können. Auf der anderen Seite soll dieses Priesteramt aber anders werden, unklerikal sozusagen. Drittens wiederum soll beides irgendwie im Einklang mit Kirchenrecht und Hierarchie erzielt werden. Das ist die Quadratur des Kreises im Horizont von St. Nimmerlein. Fast alle Kirchenreformer sahen sich in ihren Kreisen gestört, als im Sommer sieben Frauen sich zu Priesterinnen weihen ließen, darunter einige bekannte Theologinnen. Unter den genannten Prämissen konnte die Weihe eigentlich nur jene skurrilen Beimischungen haben, die sie dann hatte (Publik-Forum, 13/2002).

Ergebnis: Die Solidarität mit den Frauen blieb aus. Statt dessen streiten Kirchenreformer und -reformerinnen verbiestert darüber, welche genauen Regeln bei der Priesterinnen-Weihe hätten eingehalten werden müssen. Eigentlich aber hätten sie vor aller Öffentlichkeit nur erklären müssen, das Entscheidende an der stattgehabten Weihefeier sei eben der deklamatorische Akt von Theologinnen, die bekunden, fortan als Priesterinnen zu wirken. Eine riesengroße Chance, die »stillen Unzufriedenen« auf ihre Seite zu ziehen und weitere Theologinnen zu ermutigen, das Priesteramt anzustreben. Verpatzt, verpasst. Letztlich war es die Angst, das innerkirchliche Tischtuch zu zerschneiden. Hätte man sich trotz möglicher Kritik im Einzelnen solidarisch hinter die sieben Priesterinnen gestellt, wäre den Bischöfen ein passabler Vorwand gegeben, ihre Dialogverweigerung öffentlich zu rechtfertigen. Nach dem Motto: Mit Leuten, die aktiven Ungehorsam (der sieben Frauen) unterstützen, kann man sich ohnehin nicht an einen Tisch setzen.

Aber es gibt noch einen weiteren, den dritten und gewichtigsten Grund, warum die Reformer bislang keines ihrer Ziele erreicht haben. Es fehlt die ansteckende Inspiration für die unendlich vielen Unzufriedenen, Verunsicherten und religiös Suchenden in der Kirche. Es fehlt eine Allianz mit jenen Theologen und Theologinnen, die das Lehramt das Fürchten lehren können, die die Seele befreien, statt sie ständig zu bedrohen. Nirgends ist die Kirche heute so wenig überzeugend und so angreifbar wie im verknöcherten Gefüge ihrer Lehre. Immer mehr Katholiken verhungern an dieser Lehre. Sie hilft ihnen weder bei der alltäglichen Lebensbewältigung, noch stimmt sie mit ihrem Weltbild überein. Viele fühlen sich in ihrem Glaubensleben von der Kirche allein gelassen. Ja, sie haben fast kein Vertrauen mehr in diese Institution, wie kürzlich eine Umfrage erschreckend deutlich ergab.

Den Kopf voller Fragen, das Herz voller Verlangen: Wer immer solchen Zeitgenossen die spirituelle Wärme eines Glaubens schenken kann, der Kopf und Herz gleichermaßen befriedet, wird sie auch für Kirchenreformen gewinnen. Die religiöse Sinnsuche solcher Katholiken sollte zum Dreh- und Angelpunkt der Kirchenreformer werden. Erst kommt die Frohbotschaft. Dann kann man von ihr her mit Aussicht auf Erfolg dran gehen, evangeliumswidrige Kirchenstrukturen zu korrigieren. Aber hier kommt dann erneut die Systemhörigkeit der meisten Reformer ins Spiel. Kritische Theologen und Theologinnen im Besitz der kirchlichen Lehrerlaubnis, können heute zumeist nicht so frohbotschaftlich reden, wie sie denken, es sei denn, sie sind sehr mutig oder pensioniert oder leben im liberalen Holland. In allen anderen Fällen wären sie alsbald ihren Job los. Also könnten sich die Reformer nur mit jenen verbünden, denen die Kirche eh schon die Lehrerlaubnis entzogen hat, den »outlaws« nach dem Kirchenrecht. Selbstverständlich kommen aber auch evangelische Theologen/innen in Frage. Doch in beiden Fällen ist man bei Wir sind Kirche zögerlich, versucht gar nicht erst, Möglichkeiten von Zusammenarbeit zu erkunden. Der Preis für solcherlei Selbstfesselung ist hoch. In nicht allzu ferner Zeit könnte auch die Reformbewegung spirituell ausgehungert sein. Sieben weitere Jahre hält sie so nicht durch.

Aus: Publik-Forum, 10.1.2003

Quelle: http://www.publik-forum.de/SUB_AKT4.HTM