Katholische Kirche: Alt-Bischof Aichern für Frauen-Diakonat

 

Bischof Kapellari sieht feministische Theologie im Kontext der "Genetivtheologien"

 

Wien/Graz - Für die Zulassung von Frauen zur Diakonatsweihe hat sich der Linzer Altbischof Maximilian Aichern ausgesprochen. Der ehemalige Referent für Frauenbelange in der Österreichischen Bischofskonferenz begründete vor der Vollversammlung der Katholischen Frauenbewegung Österreichs seine Ansicht damit, dass "Frauen die Inhalte der diakonalen Arbeit sehr auf ihre Fahnen geschrieben haben und diese auch tun". Außerdem forderte er die Schaffung von kirchlichen Frauenkommissionen in allen Diözesen Österreichs, berichtet die Frauenbewegung in einer Aussendung am Montag.

 

Der Altbischof hob den "unersetzlichen Einsatz" der haupt- sowie besonders der ehrenamtlich in der katholischen Kirche tätigen Frauen hervor. Es sei nicht auszudenken, welche Auswirkungen es auf die Kirche gäbe, wenn sie einmal alle ausfielen. Der Bischof ermutigte die Frauen, nicht die Hoffnung aufzugeben, sondern sich gegenseitig zu bestärken. "Mutig und zuversichtlich" sollten die Mitglieder der Frauenbewegung ihre Arbeit fortsetzen und die gesamte Kirche für die Sorgen und Anliegen der Frau sensibilisieren.

Ganzheit

"Das Wahre ist das Ganze": An dieses Wort des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat der Grazer Bischof Egon Kapellari am Freitag vor feministischen Theologinnen aus aller Welt erinnert. Und er verband damit den Anspruch auf Offenheit zum Ganzen hin, die ein "Desiderat gerade für Katholiken und deren Theologie" sei, wenn sie ihren Namen "katholisch" ernst nehmen. Nach dem Apostel Paulus werde im Glauben an Jesus die Kluft zwischen verschiedenen Völkern, Ständen und auch den beiden Geschlechtern überwunden. "Das Ganze kann uns nur Christus erschließen, indem er in anwachsendem Maße 'alles in allen' wird", betonte Kapellari in seinem Grußwort beim Festakt anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen (ESWTR) am Freitag in Graz.

Feministische Theologie

Der Blick auf die Frauen in Geschichte und Gegenwart gehört nach den Worten des Bischofs zu den großen anthropologischen und so auch theologischen Fragestellungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil: "Es war und bleibt dabei hilfreich, ja notwendig, dass sich damit spezifisch auch Frauen befasst haben und befassen, ohne dafür ein Monopol zu beanspruchen, weil ein solches Monopol zu einer Verengung der Perspektive führen könnte". Die feministische Theologie stellte Kapellari in den Kontext der "Genetivtheologien" nach dem Konzil, die sich z.B. als "Theologie des Friedens", als "Theologie der Umwelt" und als "Theologie der Geschlechter" konkretisierten.

Kapellari wörtlich: "All diese Genetivtheologien werden dann nachhaltig fruchtbar, wenn sie ihre humanwissenschaftlichen Perspektiven offen halten auf das hin, was der katholischen Theologie in ihrer bisherigen Geschichte trotz allen Wandels eine kontinuierliche kirchliche Identität gegeben hat. Dies gilt auch für eine feministische Theologie".

"Einfühlung"

Es bedürfe in Kirche und Gesellschaft einer tiefen Einfühlung in Wesen und Wirken der Frauen und in die Schwierigkeiten, die ihnen auferlegt sind, sagte Kapellari weiter. Die feministische Theologie und das derzeit in Graz stattfindende Symposion über "Theologie von Frauen für Frauen" könne dazu "einen nachhaltigen Beitrag erbringen".

Die 1986 gegründete Europäische Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen (ESWTR) versuche eine Brücke zwischen feministischer Theorie und Praxis zu schlagen, sagte die in Harvard/USA lehrende katholische Neutestamentlerin Elisabeth Schüssler Fiorenza, eine der weltweit führenden feministischen Theologinnen, in ihrem Festvortrag am Freitag. Wichtig sei dabei die Unabhängigkeit der ESWTR von universitären und kirchlichen Strukturen. Die alle zwei Jahre stattfindenden Treffen der Vereinigung bildeten ein wertvolles Austausch-Forum für etablierte und junge feministische Theologinnen, so Schüssler Fiorenza. Das sei umso wichtiger, als es sowohl seitens der Kirche als auch von Seiten anderer Feministinnen Versuche gebe, die Arbeit feministischer Theologinnen zu marginalisieren. (APA/red)

 

15.5.06

 

Quelle: http://diestandard.at/?url=/?id=2446854